Der Product Carbon Footprint (PCF) wird nach einem international gültigen Standard berechnet: ISO-Norm 14067. Die Basis dafür bildet wiederum die Ökobilanz – auch bekannt als Life Cycle Assessment (LCA). Dieses System stellt sicher, dass in die Bewertung der Nachhaltigkeit nicht nur der Herstellungsprozess des Endprodukts einfließt, sondern das gesamte Produktleben: verwendete Rohstoffe, Art und Weise der Produktion sowie Vertrieb und Nutzung. Die Ökobilanz stellt also dar, wie ein Produkt hergestellt, transportiert, genutzt und am Ende auch entsorgt wird – und welchen Einfluss die einzelnen Schritte auf die Umwelt haben.
Product Carbon Footprint: Wie der CO2-Fußabdruck durch die Normung vom Klimaindikator zum Wirtschaftsfaktor wird
Circular Economy – Normung als Rückgrat einer nachhaltigen gesamtwirtschaftlichen Produktion
Die Circular Economy (Kreislaufwirtschaft) ist das Gegenmodell zur Linearwirtschaft, die seit Beginn der Industrialisierung die weltweiten Wirtschaftsmodelle dominiert hat. Ziel dieser Circular Economy ist eine Erhöhung der Ressourceneffizienz entlang der gesamten Wertschöpfungskette, insbesondere mit Blick auf die endlichen Ressourcen des Planeten.
Normen und Standards helfen dabei, dieses Ziel schon bei der Produktion zu berücksichtigen.
Jede Komponente entlang der Wertschöpfungskette trägt einen CO2-Rucksack
Das Ergebnis ist eine verlässliche Zahl der indirekten und direkten Emissionen eines Produktes aus Grundlage etablierter Methoden der Norm ISO 14067. Parameter wie beispielsweise der Transport, der verwendete Energiemix, aber auch das Produktlebensende, wie Recycling und Entsorgung, können in einer solchen Berechnung berücksichtigt werden.
Eine branchenübergreifende Vergleichbarkeit ergibt sich allein aus der ISO 14067 jedoch noch nicht: Produkte oder deren Komponenten können von Herstellern oder LCA‑Dienstleistern unterschiedlich bewertet werden. Der Grund: Berechnungsparameter können unterschiedlich einbezogen und gewichtet werden. Für eine direkte Vergleichbarkeit bedarf es daher spezifischerer normativer Vorgaben, die festlegen, welche Eigenschaften eines Produktes oder entsprechender Komponenten in die Ökobilanzierung einzubeziehen und zu gewichten sind.
Kategorisieren und spezifizieren: Normung sorgt für Durchblick
Und genau hier setzt die Normung mit den Product Category Rules (PCR) an. Diese Regeln fungieren als eine Art Schablone, die sicherstellt, dass beispielsweise zwei Smartphones von unterschiedlichen Herstellern trotzdem mit ein und demselben Regelwerk analysiert und bewertet werden können. Sie konkretisieren die etwas abstrakten Vorgaben der ISO-Norm, indem sie Produktkategorien festlegen. Im Detail definieren die PCR unter anderem, welche Faktoren irrelevant und welche relevant sind oder welche Prozess-Schritte verpflichtend in die Berechnung miteinbezogen werden müssen. Außerdem treffen sie verlässliche Aussagen über Faktoren, die sich zum Beispiel aufgrund des Standortes voneinander unterscheiden – beispielweise den Strom-Mix.
Und um die Auswertung weiter zu verfeinern, stehen neben den übergeordneten Product Category Rules die untergeordneten Product Specific Rules (PSR). Ein Beispiel: Bei verbrauchsintensiven Produkten wie etwa Haushaltsgeräten, hat der Betrieb den größten Einfluss auf den PCF-Wert. Bei Elektronikprodukten ist es aber zum Großteil eher der Herstellungsprozess, der für die meisten Emissionen verantwortlich ist. Diese Unterschiede berücksichtigen die PSR und definieren zum Beispiel technische Besonderheiten. So lassen sich Smartphones besser und fairer miteinander vergleichen, weil man neben der Lebensdauer auch den Umstand mit in die Analyse einbezieht, ob Nutzerinnen und Nutzer einen defekten Akku austauschen und erneuern können – oder eben nicht.
IEC General Meeting 2026
Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.
Vergleichbarkeit durch Messbarkeit
Um wiederum die Umweltauswirkungen eines Produktes unter Berücksichtigung des gesamten Lebenszyklus darzustellen, gibt es ein standardisiertes Modell: die Umweltproduktdeklaration. Die Environmental Product Declaration (EPD) wurde von unabhängigen Expertinnen und Experten verifiziert und soll in erster Linie für eine transparente und nachvollziehbare Darstellung der verursachten Umwelteinflüsse sorgen. Dabei beruht sie im Prinzip auf zwei Säulen: ISO-konforme Ökobilanzen und angewendete Product Category Rules. Erst dadurch werden ermittelte PCF-Werte miteinander vergleichbar – und vor allem verständlich: für Endkunden, Märkte und Behörden.
Normung soll Grundlage für maschinelle Lesbarkeit schaffen
Für belastbare und sofort zur Verfügung stehende PCF-Werte bedarf es weiterer (normativer) Grundlagen. Die lückenlose Erfassung von Emissionen eines jeden Schrittes im Produktlebenszyklus bleibt eine Herausforderung und bedeutet zugleich einen großen, manuellen Aufwand. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Wertschöpfungsketten meist über den gesamten Globus erstrecken und somit auch Informationen lückenlos zu erheben und weiterzugeben sind.
In der Normung gibt es hierzu bereits Bestrebungen, die die Zukunft des PCF vorzeichnen. Die Idee besagt, dass die Daten künftig automatisiert zusammengefasst und zusammengetragen werden. Dafür braucht es maschinenlesbare Vorgaben – eine Aufgabe für die Normung. Aktuell wird in den Gremien IEC/TC 111 und IEC/TC 3/SC 3D auf internationaler Ebene an zwei entsprechenden Standards gearbeitet, um die Grundlage dafür zu schaffen, die Daten maschinenlesbar und vor allem interpretierbar zu machen. Mit den Normen IEC 63660-1 und IEC 63660-2 entstehen aktuell zwei Ansätze, damit eine einheitliche Maschinenlesbarkeit unabhängig von Sprache, Software oder Standort funktioniert. Das Ziel: Der internationale Austausch von belastbaren CO2-Daten – von der Herstellung einer Pentalobe-Schraube hin zum fertigen Smartphone.
Digitaler Produktpass: Digitalisierung und Circular Economy durch standardisierte Daten
Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben. In der Welt der industriellen Produktion wurde dies bereits frühzeitig erkannt, sodass zahlreiche Entwicklungen vorangetrieben wurden, auch auf normativer Ebene. Eine Ausprägung ist der Digitale Produktpass, mit dem über digitale und standardisierte Informationen der nächste Schritt gemacht wird und der langfristig die industrielle Circular Economy unterstützt.
Die globale Bedeutung vergleichbarer PCF-Werte nimmt zu
Grundsätzlich verlangen immer mehr Staaten verlässliche PCF-Angaben – oder bereiten entsprechende Szenarien vor. Während Europa den Product Carbon Footprint aus regulatorischer Perspektive vorantreibt, wird das Thema in China ebenfalls als ökologische Notwendigkeit behandelt. Ab 2027 fordert China beispielsweise den PCF für Batterie-Produkte. Die Tendenz zeigt also, dass das Thema an Relevanz gewinnt. Und so kann eine weltweite Eigendynamik entstehen, die ihr Potenzial grundsätzlich auch unabhängig von politischen Stimmungen entfalten kann.
Ein PCF-System, das stark an den jeweiligen Standort und die regionalen Begebenheiten angepasst ist, würde dabei eine erhebliche Belastung hinsichtlich der verpflichtenden Angaben bedeuten. International gültige und anerkannte Normen ermöglichen hingegen die einmalige Berechnung, geringere Bürokratie, den globalen Nutzen und vor allem anderen natürlich gleiche Wettbewerbsbedingungen.
Weltweiter Standard bleibt Herausforderung – aber möglich
Trotz aller Bemühungen bleibt die Aufgabe anspruchsvoll: Ein, wie hier beschriebener, gut vergleichbarer Product Carbon Footprint bedeutet, zumindest zu Beginn, einen hohen Aufwand für Unternehmen – auch im Hinblick auf die Erhebung und Bereitstellung von Daten. Darüber hinaus müssen in Zukunft vermehrt Aspekte der Circular Economy in ein PCF-System integriert werden, genauso wie der Einsatz Künstlicher Intelligenz. Und sicher wird auch das politische Weltgeschehen immer einen Einfluss auf den Product Carbon Footprint haben. Zum Beispiel dann, wenn sich Transportrouten ändern und so für einen höheren Treibstoffverbrauch sorgen.
Auch wenn der Product Carbon Footprint längst ein fester Bestandteil im Alltagsgeschäft von Unternehmen ist, sind es Product Category Rules, Product Specific Rules und die Umweltproduktdeklarationen, die für eine Vergleichbarkeit sorgen. Neue internationale Normen sorgen außerdem dafür, dass CO2-Daten in Zukunft digital verknüpft und automatisiert auslesbar sein werden. Und diese Zukunft baut auf der Arbeit auf, die bereits heute schon geleistet wird – bei Veranstaltungen wie dem IEC General Meeting 2026.
Aus diesem Netzwerk und der geleisteten Denkarbeit ergeben sich im Idealfall Voraussetzungen, die mehr sind als bloße Produktinformationen. Sie schaffen vielmehr einen globalen Standard, der Behörden, Industrie, Märkten und Endkunden echte Orientierung und eine verlässliche Auskunft bietet.
Die Normung liefert in diesem Kontext nicht nur technische Details, sondern die Grundlage für eine klimabezogene Bewertung von Produkten, die weltweit Bestand haben kann. Und die Standards, die wir heute setzen, beschreiben die Welt, in der Nexus-Norma morgen lebt.
Redaktioneller Hinweis:
Der englischsprachige Originalartikel erschien auf https://www.gm2026.iec.ch/
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