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14.03.2022 Kurzinformation

Obsoleszenz planbar machen durch proaktives und reaktives Management

Um als produzierendes oder instand haltendes Unternehmen Abkündigungen, Änderungen, Allokationen oder pandemiebedingten Engpässen zu begegnen, gibt es verschiedene Arten von Obsoleszenzmanagement, die in Wechselbeziehung stehen sollten. Wer proaktives Obsoleszenzmanagement betreiben möchte, sollte immer auch die Fähigkeit besitzen, reaktiv zu handeln. Doch was bedeutet das für Unternehmen? Und wie kann Normung dabei helfen, mit  Marktveränderungen planbar umzugehen?

Björn Bartels spricht im Interview unter anderem über den Zusammenhang von reaktivem und proaktivem Obsoleszenzmanagement und gibt Impulse, wie Unternehmen die damit einhergehenden Herausforderungen und Anforderungen lösen können.

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DKE Deutsche Kommission
Zuständiges Gremium

Interview mit Björn Bartels

DKEErläutern Sie doch kurz, wie Sie zu dem Thema Obsoleszenz und Normung gekommen sind.

Bartels: Angefangen habe ich als dualer Student in der Luft- und Raumfahrtindustrie im schönen Norddeutschland bei einem globalen Zulieferer. Dort wurde damals Obsoleszenz in allen Abteilungen – von Einkauf, Produktionsunterstützung, Entwicklung bis hin zum Qualitätsmanagement – noch sehr als Herausforderung oder Problemstellung verstanden. Das hat mich sehr gestört und ich habe mich der Aufgabe gewidmet, wie man das ändern kann.

Durch meinen damaligen Vorgesetzten bin ich auf die Component and Obsolescence Group (COGD) gestoßen, ein gemeinnütziger Verein zum Thema Obsoleszenz und Obsoleszenzmanagement. Nach einiger Zeit habe ich festgestellt, dass es nicht wirklich viele gute Ideen gibt, wie mit Obsoleszenz prozessual unternehmensweit umgegangen werden kann. Obsoleszenzmanagement benötigt immer Kooperationen, innerhalb eines Unternehmens sowie durch die gesamte Supply-Chain. Allein ist dieses Thema so gut wie gar nicht zu bewältigen.

So kam es, dass ich nach meiner Diplomarbeit und einem weiteren Masterstudiengang noch immer von Firmen kontaktiert und um Unterstützung gebeten wurde. Es folgten Kooperationen mit mittelständischen Firmen sowie der University of Maryland, die weltweit führend sind, wenn es um technologische Vorhersagen geht, und dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI), bei dem ich eine Arbeitsgruppe zum Thema Obsoleszenzmanagement leitete.

2013 musste die Firma, bei der ich zu dem Zeitpunkt in München beschäftigt war, neu strukturiert werden. Bei einem guten Bier, wie man es in München trinkt, wurde zu diesem Zeitpunkt meinem damaligen Arbeitskollegen und heutigem Geschäftspartner Hans-Georg Dück und mir klar, dass wir uns in dieser Restrukturierung gar nicht wiederfanden. Wir entschieden uns daher, das Thema Obsoleszenzmanagement, mit dem wir so oder so bereits tagtäglich als Berater zu tun hatten, gemeinsam weiter unter eigener Flagge voranzutreiben.

So ist die Firma AMSYS entstanden, mit dem Ziel prozessuale Beratung und automatisierende Software zu anwendbaren Managementsystemen, kurz AMSYS, in den Bereichen Konfigurations- und Change-Management, Obsoleszenzmanagement sowie Risikomanagement auf dem Markt anzubieten.

Im Anschluss durfte ich als deutscher Sprecher der Normüberarbeitung fungieren, was mir sehr viel Spaß gemacht hat. Inzwischen bin ich in vielen weiteren Gremien aktiv und habe einige Fachpublikationen zu dem Thema veröffentlicht.

Am Anfang steht das richtige Verständnis

DKE: Viele Personen können sich unter dem Begriff Obsoleszenzmanagement noch nichts Konkretes vorstellen. Wie kann Ihrer Meinung nach Obsoleszenzmanagement Laien am besten erklärt werden?

Bartels: Das ist eine gute Frage. Sowohl Freunde als auch Familie haben mich schon gefragt, was ich eigentlich genau mache. Ich denke, das Auto ist ein gutes Beispiel zur Erklärung. Nehmen wir zum Beispiel den VW Käfer. Ich restauriere privat leidenschaftlich gerne Oldtimer und das ist gerade zufällig mein zweites Projekt.

Der VW Käfer wurde über fünfzig Jahre lang an den verschiedensten Standorten bis hin zu Mexiko gefertigt. Mein Exemplar beispielsweise ist eines der letzten deutschen Auslieferungen, also aus 1985. Und heute, 2022, bekomme ich immer noch ohne große Probleme Ersatzteile. Das liegt daran, dass es ein recht einfaches Auto mit wenig integrierten Schaltungen und mit einfacher Technik, wie einem luftgekühlten Motor, ist – also sehr viel Mechanik, die meist länger instandgesetzt werden kann als komplexe Elektronik.

Moderne Autos besitzen hingegen viele Spielereien wie ein Virtual Cockpit und Assistenzsysteme. Es findet eine Marktveränderung weg von Mechanik und hin zu einem immer größeren Anteil an Elektronik und Software, die sogar sicherheitsrelevant sein kann, statt. Gerade wenn wir über selbstfahrende Autos, E-Autos und Ähnliches sprechen, wird dieser Trend offensichtlich. Moderne Elektronik und Software ist per se deutlich kurzlebiger als reine Mechanik, weil sie einer ständigen Weiterentwicklung unterliegt. Heutzutage werden Autos wohl keine Oldtimer mehr, weil beispielsweise Standard Industrie-Displays eingebaut werden, bei denen ich mir die Frage stelle: Bekomme ich in fünfzig Jahren immer noch benötigte Ersatzteile? Und die Antwort darauf ist höchstwahrscheinlich nein.


Grader – alt und neu

Grader – alt und neu

| Holger Lange

Obsoleszenzmanagement: Kurze Produktzyklen und lange Betriebszeiten – ein Widerspruch?

Obsoleszenz beschreibt die dauerhafte Nichtverfügbarkeit von Produkten und tritt auf, wenn zum Beispiel die Produktion eines Elektronikbauteils eingestellt wird. Obsoleszenzmanagement setzt hier an und verfolgt das Ziel, diesem Prozess entgegenzuwirken. Mit IEC 62402 liegt bereits eine internationale Norm vor, die Anforderungen an das Obsoleszenzmanagement beschreibt.

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Neben dem technologischen Fortschritt treibt ein weiterer Faktor Obsoleszenz voran – der Mensch

DKE: Das heißt, Sie sehen Elektronik als Haupttreiber für Obsoleszenz?

Bartels: Es ist sicherlich einer der Haupttreiber. Das heißt nicht, dass nur Elektronik obsolet werden kann. Die Grundsatzfrage ist: Was kann alles obsolet werden? Und die Antwort lautet: Alles. Denn alles hat einen bestimmten Lebenszyklus. Je kürzer ein Lebenszyklus von zum Beispiel benötigten Produktions- oder Instandhaltungsprodukten ist, desto größer kann die sich daraus entwickelnde Problematik sein.

Gerade im Bereich Elektronik ist das Thema sehr dominant, weil die Märkte getrieben werden – vor allem im Halbleiter-Bereich. Und hier spreche ich nicht von den Industrien, die nach langlebigen Investitionsgütern suchen – sei es Luft- und Raumfahrt, Bahnindustrie, Medizintechnik oder allgemeiner Anlagenbau, in denen die Haltbarkeit zehn, zwanzig oder fünfzig Jahre plus beträgt. Ich spreche hingegen vom Consumer Markt, insbesondere Consumer Electronics, die viele Technologie-Zyklen maßgeblich vorantreiben. Wie häufig wechseln wir unsere Handys, Laptops, Fernseher und allgemein unsere Unterhaltungselektronik? Entertainment PCs oder ähnliche Technologien entwickeln sich im direkten Vergleich wahnsinnig schnell weiter.

Seit wann gibt es beispielsweise Smartphones? Oft wird dieser Zeitpunkt als der Moment definiert, an dem Steve Jobs im Jahr 2007 auf der Bühne stand und das erste iPhone vorstellte. Das ist noch nicht so lange her. Wer hätte also 2006 sagen können, dass sich heute wohl der Großteil der Menschen einen Alltag ohne diese kleinen Geräte nicht mehr vorstellen kann? Wir sprechen hier über lediglich 15 Jahre. Das ist ein sehr überschaubarer Lebenszyklus, wobei das Smartphone nicht nur einen Lebenszyklus durchlebt hat, sondern mehrere. Innerhalb von 15 Jahren gab es schon so viele Technologie-Substufen und die gleichen Chips wie damals sind sicherlich auch nicht mehr verbaut.

Auf der anderen Seite haben wir die altgedienten deutschen Ingenieure, die teilweise in Verträge hineinschreiben, dass eine Ersatzteilverfügbarkeit über die nächsten dreißig Jahre garantiert werden soll. Wenn wir nun dreißig Jahre in der Elektronik- und Softwareentwicklung zurückdenken: Wie groß hätte ein Rechner sein müssen, der die gleiche Rechenpower hat wie das, was wir heute als Handy in unseren Taschen tragen? Da wären wohl damals auf dem Hof mehrere Tieflader vorgefahren. Und so entwickelt sich Technologie einfach wahnsinnig schnell weiter, natürlich zu einem Großteil von Elektronik und Software getrieben.

DKE: Glauben Sie, dass es bezüglich der immer kürzer werdenden Lebenszyklen irgendwann zu einer Trendwende kommen könnte?

Bartels: Es gab solche Überlegungen bereits als Industrie 4.0 anfing und damit die Nutzung von Elektronik in industriellen Anlagen verstärkt wurde. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert, weil die Konsumentenelektronik in einem noch viel größeren Maße Elektronik nutzt und Märkte beeinflusst.

Und dieser Widerspruch auch bei allen Obsoleszenz-Managern ist für mich ganz interessant. Wir müssen uns das eigentlich Probleme einmal bewusst machen: All die Herausforderungen, die Unternehmen versuchen zu lösen – lange Produktlinien, kürzere Produktlebenszyklen – werden auch durch genau die Personen getrieben, die damit tagtäglich im Unternehmen beschäftigt sind. Denn im privaten Leben hat wohl, außer Liebhabern, niemand mehr einen Röhrenfernseher zu Hause, ein Telefon mit Kabel, ein Klapptelefon oder Ähnliches. Die meisten besitzen die neuesten Modelle oder wünschen sich die neuesten Trends. Wir Verbraucher treiben das Thema wahnsinnig voran und auch mich selbst nehme ich da nicht heraus. Auch ich habe gerne den neuesten, modernsten Elektronik-Spielkram.

Obsoleszenzmanagement ist das Planbarmachen von Technologiezyklen, nicht das Einplanen von Schwachstellen

DKE: Führen die kurzen Innovationszyklen auch dazu, dass manchmal „geplante“ Obsoleszenz unterstellt wird, oder sind die Innovationen immer so bahnbrechend neu, dass sie die entsprechende Obsoleszenz tatsächlich rechtfertigen? Was sind Ihre Erfahrungen?

Bartels: Das ist die richtige Frage. Ist es immer so bahnbrechend neu? Hier kann ich noch ein weiteres Beispiel nennen: Wenn sich Technologien nicht nur weiterentwickeln, sondern vollständig ablösen, zum Beispiel im Hinblick auf den Transport von Medien. Vom Band über die VHS über CD, DVD, Blue-Ray und Flash Disk ist die Technologie eigentlich schon komplett obsolet, weil wir heutzutage streamen. Wir brauchen diese ausgedienten Transportmedien von Filmen nicht mehr und sind eher daran interessiert, eine stabile Internetverbindung aufrecht zu erhalten.

Die umgangssprachliche „geplante Obsoleszenz“ ist hingegen der Einbau von Schwachstellen, der medial sehr groß durch die Presse geht und worauf auch politisch nach und nach reagiert wird. Mittlerweile gibt es die Öko-Richtlinien, die EU-weit diskutiert werden. Eine essentielle Frage, die in diesem Zusammenhang noch diskutiert und definiert werden muss, ist meiner Ansicht nach, was denn die eigentlich zu erwartende Lebenszeit von verschiedenen Gütern überhaupt sein soll.

Es gibt sicherlich den Einbau von Schwachstellen, die Begrenzung von Lebensdauer – sei es nur bei Glühbirnen (siehe Glühbirnenkartell) oder bei Kondensatoren, die an Hitzequellen eingebaut werden, um ihre Lebensdauer zu begrenzen. Das erregt medial natürlich sehr viel Aufmerksamkeit.

Obsoleszenz wird für mich aber erst in einem ganz anderen Kontext interessant. Man stelle sich vor: Ich habe ein Unternehmen, das Probleme mit Obsoleszenzen, Abkündigungen, Allokationen oder Ähnlichem hat. Was ist, wenn ich den eigenen Produktlebenszyklus an die darunterliegenden Technologien anpassen und planbar machen könnte? Nicht im Sinne geplanter Obsoleszenz und dem Einbau von Schwachstellen, sondern im Hinblick auf echtes Planbarmachen mit sauberen Methoden, Prozessen und Ähnlichem. Dann komme ich auf einen ganz anderen Nenner.

Denn geplante Obsoleszenz ist nicht das, womit wir uns beschäftigen. Wir, die sich mit dem Management von Obsoleszenzen beschäftigen, sind nicht für den Einbau von Schwachstellen verantwortlich, sondern machen Technologiezyklen planbar und passen sie von der kleinsten tauschbaren Einheit bis zum finalen Produkt mit geplanten Re-Designs & Co. aneinander an.

Erfolgreicher Umweltschutz durch Obsoleszenzmanagement ist auch eine Frage der Perspektive

DKE: Wo ordnen Sie Obsoleszenzmanagement im Bereich Umweltschutz ein? Und wo sehen Sie generell noch Handlungsbedarf für eine grünere Wirtschaft?

Bartels: Auch Obsoleszenzmanagement kann mit schonender Ressourcennutzung und Ähnlichem am Ende des Tages einer grüneren Umwelt gerecht werden. Wie das nachher politisch umgesetzt wird, muss sich zeigen.

Zu klären ist, ob Nachhaltigkeitsmaßnahmen, die im kommerziellen Bereich umgesetzt werden, im Anschluss auch im Industriebereich umsetzbar sind. Betrachten wir beispielsweise einmal die Bahnindustrie. Die zu erwartende Lebensdauer einer Bahn liegt meistens bei ungefähr dreißig Jahren. Die Frage ist aber, ob Menschen nach dreißig Jahren immer noch mit der gesamten Bahn fahren wollen? Der Wagenkasten, der aus viel Mechanik besteht, könnte sicherlich dreißig Jahre genutzt werden. Aber möchte ein Bahnbetreiber seinen Passagieren in dreißig Jahren noch bereits veralteten 3 oder 4G Funk anbieten oder in weiteren Jahrzehnten die gleichen Informations-Displays eingebaut haben wie sie heute installiert werden? Oder möchte er oder sie diese aus eigenem Antrieb regelmäßig austauschen, um auf dem aktuellen Stand der Technik zu sein und den Gästen den besten Komfort zu bieten?

Auch bei der Frage der Instandhaltung muss meiner Meinung nach der Trend mehr dahin gehen, Servicelevel Agreements abzuschließen. Im Consumer Electronics Bereich erwarte ich persönlich bei einer Waschmaschine, dass sie mindestens fünf Jahre funktioniert und die Ersatzteilverfügbarkeit in den Produktpreis mit eingerechnet wird, damit sie sich für mich ausbezahlt. Die Frage ist, ob das auf diese Weise bei Industriegütern auch umsetzbar ist?

Gerade, wenn wir über dreißig Jahre Lebensdauer oder bei einem Flugzeug über fünfzig Jahre sprechen, muss die Reise dahin gehen, zu sagen: Hier ist das Produkt, es gibt eine gewisse Grundabdeckung, Garantie und Gewährleistungszeit und für alles, was darüber hinaus geht, werden Servicelevel Agreements abgeschlossen, die dann in regelmäßigen Abständen greifen. Es kann sie nicht umsonst geben, dann würde die Wirtschaft nicht mehr funktionieren. Aber der Hersteller stellt sicher, dass ich als Abnehmer keine Reparaturproblematiken mehr bekomme, sondern die Ersatzteile erhalte, die ich in einem Zeitraum benötige. Das kann dann im Rahmen einer regelmäßigen Charge wie beispielsweise Flugstunden, Kilometerpauschalen oder Ähnlichem abgerechnet werden.

Schlussendlich ist der generische Ansatz einer Firma, die zum Beispiel Flugzeuge betreibt, nicht, möglichst viele Flugzeuge zu besitzen. Der Ansatz einer Airline ist es hingegen, Passagiere in einem gewissen Zeitfenster, in einer gewissen Anzahl und in einem gewissen Komfortbereich von A nach B zu transportieren. Das kann mit Flugzeugen funktionieren, das kann aber auch mit ganz anderen Medien funktionieren. Warum also nicht vermehrt mit dem Hersteller Servicelevel abschließen und statt dem Produkt im Industriebereich die eigentliche Capability, auf Deutsch Fähigkeit, mithilfe eines Servicelevels sicherstellen.

DKE: Das bei Kunden zu etablieren wäre wahrscheinlich eine ziemliche Herausforderung?

Bartels: Ich glaube, dass das Verständnis recht schnell da wäre. Es bestünde eher bei Herstellern die Frage, wie sie ein solches Servicelevel sicherstellen sollen. Dann müssten sie regelmäßige Risikoanalysen machen und proaktiv handeln, um ein Servicelevel Agreement nicht zu verletzen. Denn das könnte teuer werden. Gut ist, dass auch hier die Normung hilft und die IEC 62402 konkrete Ansätze für solche proaktiven Risikoanalysen bietet und wir von AMSYS diese sogar softwaregestützt vollständig automatisieren können.


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Proaktives oder reaktives Obsoleszenzmanagement? Die Antwort: Beides!

DKE: Neben dem Begriff „proaktiv", der bereits gefallen ist, gibt es auch reaktives Obsoleszenzmanagement. Schließen sich diese beiden denn gegenseitig aus oder bedingt das eine das andere?

Bartels: Sie sind voneinander abhängig. Zunächst gilt es zu verstehen, was reaktives Obsoleszenzmanagement bedeutet. Das kann mit dem typischen Sinnbild des Kindes, das in den Brunnen fällt, verglichen werden.

Wenn das Kind bereits im Brunnen liegt, ist es offensichtlich zu spät. Wenn es aber in unserem Fall Abkündigungen oder Änderungen gibt, die auf dem Markt durch die verschiedensten Datenbanken herausgegeben werden, befände sich das Kind sprichwörtlich kurz vor dem Fallprozess, sodass ich noch bestmöglich reagieren kann, um die Auswirkungen zu minimieren – zum Beispiel indem ich möglichst schnell einschreite, sobald das Kind auf den Brunnen klettert. In diesem Fall bin ich rein reaktiv unterwegs.

Was ist nun der proaktive Ansatz? Hier unternehme ich etwas vor der eigentlichen Abkündigung und Änderung. Wenn wir bei dem genannten Beispiel bleiben, baue ich beispielsweise vorausschauend ein Hindernis um den Brunnen, also mein frühzeitig erkanntes Risiko, herum, um es den spielenden Kindern zu erschweren, überhaupt an den Brunnen zu gelangen.

DKE: Ein Unternehmen sollte also nicht nur proaktiv handeln, sondern auch die Fähigkeit zum reaktiven Obsoleszenzmanagement besitzen, um ganzheitliches Obsoleszenzmanagement zu betreiben?

Bartels: Genau. Jedes Unternehmen braucht immer einen reaktiven Prozess, denn es wird mit proaktiven Methoden niemals alles abfedern können. Hier geht es darum, Wahrscheinlichkeiten und Auswirkungen mit zeitlichem Vorlauf zu identifizieren und da wird immer etwas übersehen.

Aus dieser Sicht ist es ein Prozess, den es gilt von der Problemstellung bis zur Lösung mittels einer bestmöglichen Versorgungsstrategie durch das Unternehmen durchzuführen. Diesen Prozess wird es immer brauchen, auch, wenn ich proaktiv unterwegs bin. Nicht nur, weil mir vielleicht etwas durchrutscht, sondern weil das proaktive Obsoleszenzmanagement – genau genommen die regelmäßige Risikoanalyse – meinen reaktiven Lösungsprozess nur mit zeitlichem Vorlauf anstößt. Denn ich sage: Hier habe ich eine Einheit, die für mein Unternehmen, sollte die Obsoleszenz eintreten, ein hohes Risiko darstellt und ich möchte mir schon jetzt eine Lösung für den Fall der Fälle in die Schublade legen. Dann folge ich fast genau dem gleichen Prozess, nur mein Einstiegsszenario ist ein anderes: nicht die Abkündigung oder Änderung per se, sondern das Ergebnis meiner proaktiven Risikoanalyse.

Im Bereich Obsoleszenz funktionieren Wahrscheinlichkeitsvorhersagen recht gut. Sie treffen zwar nicht den genauen Zeitpunkt, geben aber eine ziemlich gute Tendenz ab. Die Risikoanalyse lässt sich an dieser Stelle gut mit einem Meteoriteneinschlag vergleichen. So wie es Vorhersagen gibt, die zeigen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Unternehmen durch Lebenszyklen elektronischer Einheiten betroffen sein wird, gibt es solche, die sagen können, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Meteorit auf der Erde einschlägt. Aber nur, weil ein Meteorit auf der Erde einschlägt, in der Analogie also eine Einheit obsolet wird, heißt das nicht zwangsläufig, dass ich einem hohen Risiko unterliege. Die Auswirkung eines Meteoriten in Stecknadelkopfgröße wird auf unserem schönen Heimatplaneten beispielsweise nicht so groß sein wie die eines mit fünf oder sechs Kilometer Durchmesser.

Die Auswirkung könnte für mich auch individuell getrieben sein. Beispielsweise hinsichtlich der Frage, wo der Meteorit einschlägt. Im Moment sitze ich in meinem Büro in München. Für mich macht es daher einen Unterschied, ob der Meteorit in München einschlägt oder in den Pazifik. Es kommt darauf an, wo ich mich zu der Zeit aufhalte, um eine Aussage über ein individuelles Risiko zu treffen.

Worauf möchte ich also hinaus? Wahrscheinlichkeiten können berechnet und technologische Vorhersagen durchgeführt werden. Das allein bedeutet aber noch nicht, dass ich ein Risiko habe, weil die Auswirkung für verschiedene Unternehmen unterschiedlich sein kann. Wenn ich bereits fünf Alternativen, die noch verfügbar sind, freigegeben habe, dann kann gerne eine der Alternativen obsolet werden, denn vier verfügbare Optionen habe ich dann noch. Auch kann ein Produkt aus einer individuellen Sicht obsolet werden, ohne dass ein Risiko besteht, wenn ein Unternehmen zum Beispiel noch 25.000 Stück der benötigten Einheit auf Lager hat, sie aber nur zehnmal im Jahr braucht. Auch wenn ich Instandhalter bin und keine Einheit mehr auf Lager habe, diese aber auch technisch nie ausfällt, habe ich kein Problem, da ich die Einheit ja offensichtlich nicht erneut benötige.

Obsoleszenzmanagement-Methoden zur Risikoanalyse helfen aus der Krise

DKE: Lieferengpässe sind seit geraumer Zeit ein großes Problem. Nicht, weil die Bauteile nicht mehr in Produktion sind, sondern, weil Container fehlen und Luftfracht nicht funktioniert. Könnten Unternehmen mit den von Ihnen aus dem Obsoleszenzmanagement genannten Methoden solchen Allokationsproblemen begegnen?

Bartels: Ja, ich benötige nur andere Input-Variablen. Für die Methoden, bei denen ein reaktiver Prozess nötig ist, muss stattdessen eine proaktive Methode angewendet werden – eine Regelmäßigkeit der Risikoanalyse. Und anstelle der Vorhersage, wie lange das voraussichtliche Obsoleszenz-Datum, also das Ende der Produktion, in der Zukunft liegen wird, kann in diesem Fall die aktuelle Veränderung der Lieferzeiten oder Preise herangezogen werden. Es wird also nur eine andere Input-Variable verwendet, um die Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, dass aufgrund einer Allokationswelle oder Ähnliches ein Problem entstehen wird. Die Frage ist auch hier wieder, wie groß die Auswirkungen auf unterschiedliche Unternehmen sind.

Wir wissen, dass Firmen, die solche Methoden wie wir sie nicht nur predigen, sondern mittlerweile auch automatisiert in unseren Obsoleszenzmanagement-Softwareapplikationen verwenden, deutlich entspannter sind. Heute, zwei Jahre später nach Ausbruch der Pandemie, haben sie alle zwar ebenfalls weitere Herausforderungen, aber insbesondere am Anfang der Allokationswelle standen sie noch deutlich weniger unter Druck. Ihre Probleme sind heute auch nicht so groß wie bei Unternehmen, die Risikoanalysen noch nie durchgeführt haben. Der Grund ist lediglich, dass sie ihre Hochrisiko-Items frühzeitig identifiziert und sich proaktiv bereits entsprechende Lösungen zurechtgelegt haben, sei es aus Obsoleszenz- oder Allokationssicht. Viele haben gegebenenfalls ihren Minimum-Lagerbestand hochgefahren oder weitere Alternativen qualifiziert, damit sie die Welle nicht sofort trifft, sollte mit den Hochrisiko behafteten Einheiten, die sie proaktiv identifizierten, etwas passieren.

Hier liegt meiner Meinung nach auch dieses allgemeine Missverständnis der Just-in-Time Lieferung. Sie wurde von Teilen der deutschen Industrie völlig falsch interpretiert. Die Idee dahinter war es nie, Just-in-Time für alles zu verwenden. Die Aussage war, dass Just-in-Time Lieferungen für nicht kritische Komponenten sinnvoll sein kann. Ich verstehe darunter also nicht mit Risiko behaftete Komponenten. Was hat aber ein Großteil der Industrie daraus gemacht? Just-in-Time für alles, um Geld zu sparen und die Auswirkungen sind heute deutlich spürbar.

Re-Designs in Kombination mit Überbrückungskäufen – eine Alternative zur Langzeitlagerung

DKE: Das heißt, es wäre durchaus sinnvoll, sich ein Langzeitlager mit besonderen Lagerbedingungen anzulegen, um sich Teile für einen größeren Zeitraum zu sichern?

Bartels: Ich bin rein prozessual kein Fan von Endbevorratung. Meiner Meinung nach ist Endbevorratung aus Management-Sicht ein großes Problem, weil Bauteile ziemlich schnell altern können. Ich kann auch über eine Vorhersage in die Zukunft eigentlich nie die richtige Menge einkaufen. Wer kann schon einen Bedarf über dreißig Jahre in die Zukunft planen? Dabei besteht die Gefahr, zu viel oder zu wenig zu kaufen. Mit zusätzlichen Sicherheitsbeständen besteht außerdem eine Kapitalbindung und so weiter.

Endbevorratung sollte daher aus meiner Sicht immer die letzte Lösungsvariable sein. Was es aber durchaus gibt, sind Überbrückungskäufe bis zu einer geplanten Umrüstung. Innerhalb eines proaktiven Prozesses wird das gesamte Produktdesign angeschaut und geprüft, wann wie viele Einheiten im Gesamtproduktdesign bereits obsolet sind oder höchstwahrscheinlich obsolet sein werden und somit keine Lösungen mehr auf Einzelkomponenten Ebene gefunden werden sollten. Im Englischen wird an dieser Stelle von einem geplanten strategischem Design Refresh gesprochen, kurz Re-Design.

Es gilt sich die Frage zu stellen, wann der perfekte Zeitpunkt für ein Re-Design ist. Dann wird für einzelne Einheiten mit Überbrückungskäufen bis zu diesem Zeitpunkt hingearbeitet. Das geschieht beispielsweise mit einem Zeithorizont von zwei, drei, vier oder fünf Jahren, in denen Einheiten noch lagerfähig sind, um schlussendlich strategisch geplant Re-Designs basierend auf guten Risikoanalysen durchzuführen und – hier schließt sich der Kreis – Obsoleszenz wirklich planbar zu machen und den Druck zu nehmen und richtige Entscheidungen zu treffen.

Normen und Standards bieten eine klare Kommunikationsbasis und Orientierung

DKE: Sie waren bereits in verschiedenen Arbeitsgruppen und Gremien aktiv. Was haben Sie hier bei der DKE gemacht? Zu welchen Ergebnissen hat Ihre Normungsarbeit geführt?

Bartels: Das war eine Überarbeitung der IEC 62402 „Obsolescence Management“. Es gab bereits 2007 eine erste Fassung der Norm, die einen guten Grundstein gelegt hat, aber noch mit einigen Unklarheiten verbunden war. Hier setzt meiner Meinung nach Normung an – eine klare Kommunikationsbasis zu schaffen. Denn bei Menschen mit verschiedenen Disziplinen ist Kommunikation die Basis, nicht nur innerhalb eines Unternehmens, sondern auch über Unternehmensgrenzen hinaus.

Wenn ich an Seminare und Workshops denke, die wir von AMSYS durchführen und an denen Interessierte aus verschiedenen Industrien teilnehmen, frage ich recht häufig: Ab wann ist eine Einheit eigentlich obsolet? Hier werden unterschiedlichste Antworten gegeben, je nachdem, mit wem man spricht:

  • Für Einkäufer ist eine Einheit wahrscheinlich obsolet, wenn sie nicht mehr erworben werden kann.
  • Logistiker werden Verfügbarkeit in dem Sinne verstehen, dass eine Einheit noch im Lager vorhanden und somit verfügbar ist.
  • Techniker werden hingegen sofort über technische Verfügbarkeit nachdenken und diese bestätigen, sobald sie die technische Funktion eines Teils überprüft haben. Ein Kugellager dreht sich beispielsweise noch, also ist es technisch verfügbar.

Ich glaube, bereits hier unterstützt die Normung, indem sie eine einheitliche Begriffsdefinition festlegt, um Verfügbarkeit und Obsoleszenz überhaupt einmal in einen Kontext zu bringen und eine Sprachbasis zu schaffen.

Mit der Überarbeitung der IEC 62402 ist nun solch eine saubere Definition vorhanden: Eine Einheit ist erst dann obsolet, wenn sie durch den Hersteller zur originalen Spezifikation nicht mehr in Produktion ist. Das ist ein klarer Zeitpunkt, über den gesprochen werden kann. Denn zwischen „Ist nicht mehr verfügbar vom Originalhersteller“, „bei mir im Lager“, „technisch nicht mehr verfügbar“ oder „bei irgendwelchen Dritt-Quellen nicht mehr käuflich“ können bereits Jahrzehnte liegen. Bereits bei diesem Minimum Ergebnis der Klarheit helfen Standards, welche die Begrifflichkeiten sauber festlegen und daraus Leitlinien schaffen.

Meiner Ansicht nach ist das mit der Neufassung der IEC 62402 recht gut gelungen. Auch wenn es um das Thema reaktives Obsoleszenzmanagement geht. Hier stellen sich ebenfalls Fragen wie: Was muss, was kann und was sollte getan werden? Was bedeutet es, proaktiv unterwegs zu sein? Was sind Risikoanalysen und wie haben sie zu funktionieren?

Lediglich ein bisschen Vorhersage dahingehend, dass eine Einheit höchstwahrscheinlich in zwei Jahren nicht mehr verfügbar sein wird, heißt nicht, dass ich auch einem Risiko unterliege. Da gehört mehr dazu. Es gilt daher, neben der Begriffsdefinition auch Handlungsempfehlungen auf Basis von Expertenerfahrung aus internationalen Gremien an die Hand zu geben, um zu prüfen, was innerhalb eines Unternehmens bewerkstelligt werden kann, damit es gut aufgestellt ist.

DKE: Würden Sie also sagen, dass die Neuauflage der IEC 62402 dazu führt, dass die Auswirkungen von Obsoleszenz planbar gemacht werden können?

Bartels: Ja. Es ist nicht mehr nur eine Anleitung, was gegebenenfalls getan werden könnte. Stattdessen ist die Notwendigkeit, das Thema Obsoleszenzmanagement zu planen, einen Plan zu erstellen und zu haben nun erstmalig mit einer sauberen Abstufung integriert: Was muss ich machen? Was sollte ich machen? Was kann ich machen in welchen Produktlebenszyklen meines eigenen Produktes? Was heißt Risikoanalyse? Was kann ich wirklich umsetzen?

Dabei wird nicht nur ein normativer Teil geboten, sondern auch ein informativer, mit Beispielen betitelter Annex. Anwender können sich also etwas herausnehmen, um sich unter Anwendung des Standards einen strategische Leitfaden ableiten und im eigenen Unternehmen implementieren zu können.

Die Bedeutung der Normungsarbeit im Bereich Obsoleszenz

DKE: Wie war die Arbeit in den Normungsgremien für Sie? Was war das für eine Erfahrung im Hinblick darauf, dass die Normungsarbeit sehr international ausgerichtet ist?

Bartels: Für mich war es sehr interessant. Ich bin zwar nicht geduldig genug, um das zu meiner täglichen Aufgabe zu machen, aber Einblick in die verschiedensten Gremien zu erlangen und insbesondere die internationale Normungsbühne waren sehr spannend. Es besteht die Möglichkeit, mit herausragenden Experten und vielen erfahrenen Personen auf einer globalen Ebene zu sprechen und Methoden, Vorgehen, Prozesse sowie Definitionen gemeinsam niederzuschreiben. Es ist interessant, zu sehen, wie Meinungen und Impulse von Experten aus verschiedensten Industrien zusammengebracht werden können.

Und so funktioniert Normung schließlich: Zunächst wird viel geschrieben. Im Anschluss wird dann versucht, auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedensten Industrien, Anwender und Betreiber zu kommen und Konsensus zu finden. Das ist immer das Ziel dieser Tätigkeit.

Selbst die Überarbeitung der IEC 62402 hat im Nachhinein drei Jahre gedauert, bis sie im Jahr 2019 veröffentlich wurde. Wie lange sich so etwas hinziehen kann, hängt von den verschiedensten Einsprüchen ab. Aber das Schöne ist, dass im Nachgang etwas wirklich Sinnhaftes und klar Definiertes entsteht, das auch von Firmen für gut befunden und in der Praxis angewendet wird. Es wird also nicht nur ein Stück Papier geschrieben, das in der Schublade verschwindet, sondern etwas, das später auf einer globalen Ebene in den verschiedensten Industrien zur Anwendung kommt.

Normungsarbeit lohnt sich sowohl aus unternehmerischer als auch persönlicher Sicht

DKE: Konnten Sie aus der Normungsarbeit denn auch für sich persönlich Impulse für Ihr Geschäft herausziehen?

Bartels: Absolut. Nicht nur aus dem Grund, dass mir das Thema Obsoleszenz und Lifecycle-Management privat wahnsinnig viel Spaß macht oder ich damit mein Geld verdiene und daher frühzeitig darüber informiert sein sollte, wenn sich etwas in der Normungswelt tut. Die Entlohnung muss nicht immer monetär sein. Gerade in so einem Normungsgremium mitzuarbeiten ist viel mehr. Man beteiligt sich freiwillig oder auf Selbstkostenbasis.

Mich persönlich hat die Normungsarbeit vielmehr durch großartige Impulse einen ziemlich großen Schritt nach vorne gebracht. Von den Experten einmal zu verstehen, wie Normung funktioniert und das mit zusätzlichen Fachimpulsen kombiniert. Daraus habe ich viel Neues mitgenommen, das mich auch später weiter beschäftigt hat.

Ich kann es jedem, der dieses Interview liest und Interesse an Normungsarbeit und Ähnlichem hat, nur ans Herz legen, das mal auszuprobieren. Es gibt so viele schlaue Leute und Experten da draußen. Am Ende des Tages macht es wahnsinnig viel Spaß, auch wenn es Aufwand bedeutet. Wir müssen in diesem Bereich weg von der Entlohnung auf monetärer oder ähnlicher Ebene. Es gibt eine ganz andere Art der Entlohnung: Nämlich die persönliche Erfahrung.


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Bedeutung der Normung: Nutzen und Vorteile

Normen sind von erheblichem Nutzen – das gilt national, europäisch und international. Für Verbraucher und Anwender genauso wie für Wirtschaft, Wissenschaft und Staat. Normen und Standards sorgen für Sicherheit und ebnen den Weg für innovative Technologien.

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Faszination Obsoleszenz – Enormes Entwicklungspotential für Wirtschaft und Anwender

DKE: In den Gesprächen wird offensichtlich, dass das Thema Obsoleszenz fasziniert und es für Menschen, die einmal damit in Berührung kommen, schwer ist, davon loszukommen. Auch Sie sind in diesem Bereich geblieben und haben inzwischen bereits 18 eigene Mitarbeiter. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Bartels: Ich kann bestätigen, dass ich nicht der Einzige bin, der von dem Thema fasziniert ist. Gründe dafür kann ich natürlich nur aus meiner Sicht nennen.

Mir persönlich macht es wahnsinnig viel Spaß mich mit diesem Themenbereich zu beschäftigen, nicht nur, weil ich auch privat Oldtimer restauriere und immer die besten Ersatzteile jage (lacht), sondern weil es noch kein fertiges Management-Thema wie beispielsweise Projektmanagement ist, bei dem es X Millionen Ergebnisse bei Google gibt. Es ist hingegen ein Thema, das sich noch immer weiterentwickelt. Wir können Teil davon sein und haben die Möglichkeit, noch etwas mitzugestalten. Das wird inzwischen nicht zuletzt auch damit belohnt, dass wir von AMSYS als „Endorsed Trainer“ des International Institute of Obsolescence-Management (IIOM) jetzt auch Obsoleszenz-Manager ausbilden und zertifizieren dürfen.

Außerdem wird uns die Thematik die nächsten Jahre nicht loslassen. Im Gegenteil, Obsoleszenzen werden nicht weniger, sondern deutlich mehr werden. Wir sprechen zum Beispiel über Industrie 4.0. Wenn ein Hersteller von Industrieanlagen, der primär Mechanik getrieben war, jetzt anfängt und auf seine mechanischen Geräte Leiterplatten und Software baut und diese vernetzt, kommen wir zu Sicherheitsfragen und Ähnlichem.

Hier kann ich mir die Frage stellen: Wie können noch bessere Lösungen angeboten werden, um diese Entwicklung zu unterstützen? Das wird nicht linear ansteigen, aber wie Gordon Moore im Rahmen des Mooreschen Gesetz bereits in den 60er-Jahren sagte, wird sich die Anzahl der elektronischen Schaltungen alle zwei Jahre verdoppeln. Dieser exponentielle Anstieg oder Fortschritt der Technologie stimmt bis heute. Das wird also viel schneller kommen. Und die Frage ist nun, wie die Problematik der steigenden Anzahl an Abkündigungen und kürzeren Lebenszyklen mit der steigenden Anzahl an Elektronik und Software, die wir in Industriegütern verwenden, in Einklang gebracht werden kann, immer unter Berücksichtigung eines möglichst ressourcenschonenden Umgangs mit unserer Umwelt.

Solche Fragen zu beantworten, begeistert mich.

DKE: Herr Bartels, vielen Dank für das Interview!

Wir bedanken uns für dieses Interview bei

Björn Bartels - Portrait

Björn Bartels

Geschäftsführer der AMSYS, ausgewiesener Experte in DKE/ISO, Leiter VDI-Fachausschuss „FA209 Obsoleszenz Management“

Gestartet in der Luft- und Raumfahrtindustrie, kam Björn Bartels aufgrund seiner zunehmenden Erfahrungen im Bereich Obsoleszenzmanagement immer wieder zu diesem Thema zurück und gründete schlussendlich gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Hans-Georg Dück ein eigenes Unternehmen - AMSYS - Anwendbare Management SYSteme.

Björn Bartels - Portrait

Geschäftsführer der AMSYS, ausgewiesener Experte in DKE/ISO, Leiter VDI-Fachausschuss „FA209 Obsoleszenz Management“

Gestartet in der Luft- und Raumfahrtindustrie, kam Björn Bartels aufgrund seiner zunehmenden Erfahrungen im Bereich Obsoleszenzmanagement immer wieder zu diesem Thema zurück und gründete schlussendlich gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Hans-Georg Dück ein eigenes Unternehmen - AMSYS - Anwendbare Management SYSteme.

Nach ersten globalen Projekten im Bereich Obsoleszenzmanagement, Kooperation mit der Component Obsolescence Group Deutschland (CODG) und dem International Institute of Obsolescence Management (IIOM), Beratungstätigkeiten in mittelständischen Unternehmen, Kooperationen mit Universitäten wie der University of Maryland und Tätigkeiten in Vereinen wie dem VDI, dem VDMA und vielen Fachpublikationen, ist er heute Geschäftsführer des eigenen Unternehmens AMSYS.

2013 gegründet und spezialisiert auf Entwicklung, Implementierung und Digitalisierung von Lösungen, Prozessen und Applikationen für perfektes Obsoleszenz-, Abkündigungs-, Konfigurations-, Änderungs-, Risiko- und Life Cycle Management, beschäftigt AMSYS inzwischen 18 Mitarbeiter*innen.

Highlight der AMSYS ist der Life Cycle Management (LCM) Client, ein individualisierbares Tool, smartPCN, VDMA 24903 und IEC 62402-konform.

Dieser Artikel ist Teil unserer Interview-Reihe


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Industry befasst sich mit Systemen und Produkten aus dem industriellen Bereich. Zentrales Thema ist beispielsweise zunehmend die Automation, da es in Zukunft verstärkt zu einem intelligenten Austausch zwischen Maschinen und Objekten kommt. Weitere Inhalte zu diesem und anderen industriellen Fachgebieten finden Sie im

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