IP Überwachungskamera
Phish Photography / stock.adobe.com
09.12.2020 Fachinformation

Wohnungssicherheit: intelligent vernetzen, Scheinsicherheit verhindern

Sensortechnologie birgt für die Wohnsicherheit großes Potenzial. Noch sind smarte Anwendungen in diesem Bereich aber eher die Ausnahme. In Zukunft wird es wichtig sein, für Verbraucher*innen einen klaren Zusatznutzen zu generieren.

Dies ist der fünfte Teil unserer Serie zu Smart Home & Living.

In den eigenen vier Wänden will man sich sicher fühlen. Dafür gibt es viele kleine Helferlein:

  • Rauchwarnmelder
  • Einbruchmeldeanlagen
  • Gas- und Wassermelder

Diese Geräte warnen rechtzeitig vor Gefahren und können so Schaden minimieren oder sogar verhindern, wenn schnell genug Gegenmaßnahmen eingeleitet werden.

Kontakt

Nematullah Popalzai
Zuständiges Gremium

Verwandte VDE Themen

Beispiel Rauchwarnmeldung: Je früher ein Brand erkannt wird, desto geringer wird der Schaden und die Gefahr für Menschen sein. Da schon wenige Atemzüge verrauchter Luft zum Tod führen können, sind Rauchwarnmelder inzwischen in vielen Bereichen verpflichtend. Im Idealfall jedoch hängt der Melder unbemerkt an der Decke. Oft jedoch so unbemerkt, dass auch die regelmäßige Wartung, die für die zuverlässige Funktion notwendig ist, ausbleibt. Smarte Anwendungen können das verbessern.

„Durch die moderne Vernetzung, im Internet und durch Smartphone-Apps, besteht heute die Chance, viel stärker mit den Nutzern in Interaktion zu kommen“, sagt Sebastian Brose, von der VdS Schadenverhütung. Über eine App, die auch das Warnsystem verwaltet, lassen sich weitere Anwendungen steuern. Wenn der Verbraucher ein elektronisches System nutzt, das sich mit dem Smartphone steuern lässt, wie etwa die Heizung oder das Licht, wird es wahrscheinlicher, dass Nutzer sich in der App auch etwas anzeigen lassen, was nicht mit der eigentlichen Funktion zusammenhängt, wie den Wartungszyklus des Rauchmelders.

Beispiel Einbruchschutz: Eindringlinge werden am ehesten abgeschreckt, wenn ein Haus bewohnt aussieht. In der Vergangenheit wurden Lampen mit Zeitschaltuhr versehen, die zum immer gleichen Zeitpunkt nachmittags an und abends wieder abschalten. „Jeder Beobachter weiß sofort, das ist nicht echt. Mit einer intelligenten Hausvernetzung lässt sich sowas hingegen vollautomatisch und realistisch simulieren“, erläutert Brose.

Die Mehrzahl der Einbrüche erfolgt über Fenster und Türen. Sensoren an Fenstern, Keller-, Haus-, Wohnungs- und Balkontüren können bei versuchtem bzw. erfolgtem Einbruch Alarm auslösen. Dieselben Sensoren können ebenso zur automatischen Heizungssteuerung genutzt werden oder auch zur Beleuchtung, die durch einen Bewegungsmelder gesteuert wird. Auf diese Weise wird ein Mehrwert für den Nutzer geschaffen, der nicht in der Sicherheit allein liegt, sondern durch Automatisierung einen Zusatznutzen schafft.


Smart Home Living Grafik
bbgreg / stock.adobe.com

Die Deutsche Normungsroadmap Smart Home & Living

ist in sechs Domänen aufgeteilt, die den aktuellen Stand der Normung, Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Sie lebt von den beteiligten Expertinnen und Experten, die ihre Erfahrungen, Ideen und ihr Wissen in gemeinsamen Workshops zusammentragen.

Zur Normungsroadmap Smart Home & Living

Der Nutzen von Sensoren wird oft noch nicht verstanden

Die technischen Lösungen für solche kombinierten smarten Sicherheitssysteme gibt es schon lange, weit verbreitet sind sie aber nicht. „Es gibt einzelne Haushalte, in denen jemand ein Faible für sowas hat oder immer wieder auch Leuchtturmprojekte von Wohnungsbaugesellschaften, wo dann eine Vielzahl von Wohnungen mit bestimmten smarten Funktionen ausgestattet wird. Man muss aber schon sagen, dass das noch eher ein Nischendasein fristet“, erklärt Brose.

Warum das? „Ich glaube, dass den Verbrauchern bislang oft ein falsches Bild von „smarten Systemen“ ausgemalt wird. Ein selbstbestellender Kühlschrank – wer braucht das wirklich?“, so der Sicherheitsexperte weiter und ergänzt, „das ist ja eigentlich mit Smart Home nicht gemeint.“ Vielmehr gehe es darum, eine intelligente Vernetzung zu schaffen, die Sicherheit bietet und für den Nutzer gleichzeitig einen Mehrwert stiften kann. Brose ergänzt: „Sinnvolle Automatisierung heißt eben gerade nicht, dass ich jede Lampe per App ein- und ausschalten kann, sondern dass die Lampe von selbst lernt und weiß, wann sie leuchten muss. Dazu muss vorher überlegt werden, was das Smart Home primär leisten soll: Sicherheit, Komfort, Entertainment – und wo sinnvolle Zusatznutzen entstehen können.“

Durch die massenhafte Verbreitung von Smartphones gibt es inzwischen eine Plattform auf der auch Laien in vertrauter Umgebung Konfigurations- und Bedien-Software handhaben können. Natürlich kommt nicht jedes Wohnobjekt in Frage. Die Nachrüstung im Immobilienbestand ist erheblich komplizierter und teurer als im Neubau. Auch wer solche Projekte umsetzt, spielt laut Brose bei der Verbreitung eine Rolle: „Es gibt nach wie vor Handwerker und Firmen, die Kunden eher in die klassischen Segmente beraten und von Smarter Technik als unnötig abraten.“

Grundsätzlich sei eine weitere Marktdurchdringung aber nur noch eine Frage der Zeit, ist der Experte überzeugt. „Diese Vernetzung durch smarte Technologie und Sensoren nimmt in allen Lebensbereichen immer schneller einen Platz ein“, sagt Brose. Nicht zuletzt, weil die marktmächtigen Anbieter von Sprachassistenten, wie Google oder Amazon, solche Anwendungen immer populärer machen. Und sie dringen auch in die Domäne Wohnsicherheit ein.

Scheinsicherheit vermeiden

Deswegen, so Brose, sei es wichtig, dass Normung und die europäische Industrie rechtzeitig Impulse setzen, um diese Themen aufzugreifen und die Weichen in die Richtungen zu stellen, die aus ihrer Sicht sinnvoll und wichtig sind. Denn wenn sicherheitstechnische Anlagen vernetzt werden, darf eines auf keinen Fall passieren: Die Sicherheit darf nicht herabgesetzt werden.

Im schlimmsten Fall, so warnt der Experte, kaufe der Nutzer vermeintlich sichere Technik, weil sie günstig ist und der Eindruck vermittelt wird, er erhalte eine moderne, günstigere Version, welche dieselbe Sicherheit bietet wie existierende, analoge Systeme. „Wir können alles miteinander vernetzen und aus der Ferne steuern, aber der Rauchmelder muss weiterhin mindestens genauso zuverlässig den Rauch erkennen und alarmieren wie zuvor in der analogen Version.“


Newsletter in Tablet liegt auf einer Tastatur
Coloures-Pic / stock.adobe.com

Mit dem DKE Newsletter sind Sie immer am Puls der Zeit!

In unserem monatlich erscheinenden Newsletter ...

  • fassen wir die wichtigsten Entwicklungen in der Normung kurz zusammen
  • berichten wir über aktuelle Arbeitsergebnisse, Publikationen und Entwürfe
  • informieren wir Sie bereits frühzeitig über zukünftige Veranstaltungen
Ich möchte den DKE Newsletter erhalten!

Herausforderung auch für die Normung

Die zunehmende Vernetzung stellt die Normung vor neue Herausforderungen, denn hier wachsen Bereiche zusammen, die zuvor lange Zeit getrennt voneinander existierten. „Der Brandschützer guckt auf maximale Zuverlässigkeit, der Einbruchschutz guckt zusätzlich noch, ob ein System nicht manipuliert werden kann, um einen Einbruch vorzubereiten“, sagt Brose. Wenn die Gewerke zusammenwachsen, entstehen Schnittmengen, für die gemeinsame Anforderungsprofile gefunden werden müssen. Das erfordert Strukturen, die eine fachübergreifende Kollaboration ermöglicht.

Hinzu kommt das allgegenwärtige Thema Cybersecurity, das nachträglich in viele bereits bestehende Normen eingebracht werden muss. Die EU hat 2019 mit dem Cybersecurity Act beauftragt, Zertifizierungsprogramme zu schaffen, um die Produktsicherheit gegenüber Cyberangriffen zu definieren. „Hier gilt es bei den Vorgaben einerseits den Erfordernissen zu genügen, aber auch nicht durch zu strikte Vorgaben über das Ziel hinausschießen und Innovationen zu verhindern.


Handlungsbedarf für Politik und Verbände

Beim Creativ Dialog, der am 5. Februar 2020 stattfand, haben Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen eine Vielzahl von Herausforderungen, Ideen und Lösungsmöglichkeiten im Sinne der Standardisierungs- und Konsolidierungsbestrebungen für die Weiterentwicklung von Smart Home & Living hin zum Volumenmarkt erarbeitet.

Darüber hinaus sind weitere Ausbildungsbedarfe sowie politische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Diese sind in der folgenden Aufzählung genannt und werden nun in zukünftigen Workshops von der Expertengruppe den einzelnen Domänen zugeordnet und priorisiert. Daraus ergeben sich dann konkrete Arbeitsaufträge an Politik und Verbände.

Herausforderungen

  • Zuverlässigkeit und Investitionssicherheit über die vorgesehene Betriebsdauer. Sicherstellung der Qualität und des Schutzziels (hier: Wohnungssicherheit) in Bezug auf Produkte sowie Planung, Installation, Betrieb und Instandhaltung.
  • Akzeptanz der Sicherheitsanforderungen bei den Kunden schaffen und fördern. Scheinsicherheit beim Nutzer transparent machen (z. B. Anlagenausfall erkennen, End of Support, etc.).
  • Auf Seiten der Fachkräfte (Planung, Errichtung und Vertrieb) auf dem Stand der Technik zu bleiben.
  • Mangelndes Vertrauen in den Datenschutz – Anforderungsgefälle zwischen den Domänen.
  • Regelungen für den Spagat zwischen maximaler Sicherheit durch Abschottung und Interoperabilität/Vernetzung (intern und extern) um neue Kundenbedürfnisse zu ermöglichen.
  • Regeln für die Transparenz über den erforderlichen Support und Bereitstellung von Sicherheitsupdates (Kennzeichnungspflicht?).
  • Akzeptanz der Sicherheitsanforderungen auf internationaler Ebene zu schaffen.
  • Ambivalenz der Nutzer auf Datensicherheit.

Lösungen

Internationale Standards schaffen zu:

  • DIN VDE V 0826-1 auf europäische Ebene bringen.
  • Rückwirkungsfreie Vernetzung soll sektorübergreifend definiert werden.
  • Anwendung der Norm bei Herstellen und Anwendern vorantreiben. Anwendbarkeit bestehender Zertifizierungen in Anlagen nach DIN VDE 0826-1 zeitnah und deutlich ausweisen.
  • Argumentationshilfe (mit Schwerpunkt auf Kundenverständlichkeit) für Planung, Errichtung und Vertrieb anbieten, damit der ganzheitliche Ansatz der Umsetzung von Sicherheitstechnik im Smart Home nach DIN VDE V 0826-1 deutlich wird.
  • Prüfung der Aufnahme der entsprechenden Transparenzkriterien in die Normen (Koordinierung mit Domäne Informationssicherheit).

Ausbildungsprofile

  • Auf Seiten der Fachkräfte (Planung, Errichtung und Vertrieb) auf dem Stand der Technik zu bleiben.
  • Fortbildung für Architekten und Bauingenieure zum Thema Sicherheitstechnik/Smart Home (Anbindung an das „Punktesystem“).
  • Grundverständnis über das Thema Wohnungssicherheit schaffen.
  • Verpflichtung zur Fortbildung für Fachplaner.
  • Lehrpläne im Handwerk und Industrielle Berufe müssen angepasst werden.
  • Kompetenz aufbauen, um sichere Systeme zu planen und zu installieren und ggf. zu betreiben.
  • DQR Niveaus (Qualifizierungsrahmen) als Orientierung nutzen. Inhalte der Sicherungstechnik in die DQR einbringen.
  • Sicherheitstechnik im Smart Home als Element in Musterhäuser etablieren.

Politische Rahmenbedingungen

  • Festlegung und Überwachung des Konformitätsbewertungs-Verfahrens.
  • Erweiterung der finanziellen Förderung für Anschaffung/Betrieb von Sicherheitstechnik, auch in Kombination mit Energie-Effizienz und altersgerechtem Wohnen für Neubauten.
  • Aufnahme Mindestanforderungen von Sicherheitstechnik (mechanischer und elektronischer Einbruchschutz, Zutrittskontrolle, Videosicherheitssystem) im Baurecht.
  • Lehrpläne im Handwerk und Industrielle Berufe müssen angepasst werden. Anpassung der Lehrpläne im Bereich der Hochschulen (Sicherheitstechnik im Smart Home können bei der Umsetzung der CO2-Ziele unterstützen).
  • Transparenz schaffen bezüglich nationaler und oder europäischer Regelungen und deren Auswirkungen.
  • Ambivalenz der Nutzer auf Datensicherheit erfordern einheitliche Regelungen für einen fairen Interessensausgleich bei Nutzung moderner Technologien.

Auswahl relevanter Expertengremien im Bereich der Wohnungssicherheit

GremiumTitel
DKE/K 713Gefahrenmelde- und Überwachungsanlagen
DKE/AK 713.0.1Allgemeine Anforderungen
DKE/AK 713.0.2Überfall- und Einbruchmeldeanlagen
DKE/AK 713.0.3Brandmeldeanlagen
DKE/AK 713.0.5Übertragungsanlagen
DKE/AK 713.0.6Personen-Hilferufanlagen
DKE/AK 713.0.11Funkfrequenz-Anforderungen für Überfall- und Einbruchmeldeanlagen
DKE/AK 713.0.12Zutrittskontrollanlagen
DKE/AK 713.0.13Video-Überwachungsanlagen
DKE/AK 713.0.14Kombinierte/integrierte Alarmanlagen
DKE/AK 713.0.16Überwachungsanlagen
DKE/AK 713.0.21Perimeter Protection
DKE/AK 713.0.22Vernetzung
DKE/AK 713.0.23Sicherheitstechnik im Smart Home (dieser AK wurde in den AK 713.0.2 integriert.)
DKE/AK 713.0.24Remote Services
(Fernwartung, z. Z. nur für Profianlagen vorgesehen; in Zukunft evtl. auch für Smart Home bei entsprechender Anforderung an die Systemsicherheit.)

Redaktioneller Hinweis:

Die im Text aufgeführten Normen können Sie im VDE VERLAG erwerben.

Zum VDE VERLAG

Unsere Artikelserie zu Smart Home & Living