Qualität und Konsens – ein unversönlicher Widerspruch?
DKE: Konsens ist das fundamentale Prinzip der Entscheidungsfindung im Normunsgprozess. Ziel ist es, tragfähige Lösungen zu schaffen, selbst wenn keine Einstimmigkeit gefunden wird. Dieser Prozess ist erprobt, aber auch zeitintensiv. Ist das Konsensprinzip aus Ihrer Sicht vor diesem Hintergrund verhandelbar? Wenn ja, welche Konfliktlinien entstehen daraus?
Rüddenklau: Das Konsensprinzip ist eines der wichtigsten in der Gremienarbeit, denn es ist zentral für die Qualität der Normung. Allerdings stehen Konsens und Qualität im Widerspruch zum Faktor Zeit. Damit haben wir die Konfliktlinie definiert, an der wir entlang diskutieren: Wie viel Konsens kann ich opfern, bei gleicher Qualität, um schneller zu werden?
Wenn ich über den Tellerrand blicke, dann sehe ich, dass Industrieforen, die nicht in einem staatlichen Kontext arbeiten, anders funktionieren. Es gibt Vorschläge, es gibt Diskussionen, und es gibt Zieltermine, die eingehalten werden. Wie genau das abzulaufen hat, ist in Statuten ebenso festgelegt wie Mehrheiten und dergleichen.
Insofern ja, aus meiner Sicht ist das Konsensprinzip verhandelbar, das muss es sogar sein, um schneller zu werden und die Qualität beizubehalten – und wir müssen gemeinsam definieren, wie der Prozess auf dem Weg zum Ergebnis auszusehen hat. Eine Schlüsselrolle spielen aus meiner Sicht die Qualifikation der Moderation und die Definition eindeutiger Regeln.
Thonet: Für die IEC als Organisation ist Konsens eines der Hauptprinzipien. Insofern würde ich es etwas anders ausdrücken als Uwe: Das Ziel, einen Konsens zu erlangen, ist nicht verhandelbar. Aber, da stimme ich zu, der Weg dahin kann angepasst werden.
Wir haben einen robusten Prozess entwickelt, der die Voraussetzung ist für das Vertrauen, das Normen genießen. Auch dieses Vertrauen ist nicht verhandelbar, aber die Robustheit des Prozesses steht manchmal der gewünschten Geschwindigkeit entgegen. Wir sollten daher eher durch neue Technologien eine Beschleunigung im Prozess erreichen, als Kompromisse beim Konsens einzugehen.
Dopichaj: Ich würde es noch härter formulieren als Gilles, denn für mich ist das Konsensprinzip nicht verhandelbar. Die Debatte der Expertinnen und Experten auf dem Weg zum Konsens ist von hoher Bedeutung, dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Weniger Debatte und weniger Konsens würden aus meiner Sicht dazu führen, dass wir weniger Know-how einbinden und mehr Fehler machen. Was bringt es, wenn ich später massiv korrigieren muss? Wenn es Potenzial gibt, effizienter zu werden, sehe ich es eher im administrativen Überbau als in der Verhandlung des Konsenses.