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28.04.2026 Fachinformation

Wie kann die IEC Vertrauen in neue Technologien festigen?

Mit dem Thema Vertrauen wirft das IEC General Meeting einen Blick auf zentrale Fragen, die die Gesellschaft bewegen. KI ist momentan eine der zentralen Entwicklungen, die sich auf alle Lebensbereiche auswirkt. Sie programmiert, plant, verwaltet, sie leistet Hilfe bei der Erstellung von Inhalten. Sie gibt aber auch Halluzinationen zurück und lässt sich missbrauchen. Wie kann Normung in einer durch KI getriebenen Technologiewelt Vertrauen gewinnen und festigen? Impulse liefern Raoul Schönhof (Fraunhofer-Gesellschaft), Megan Hayes (Vorsitz IEC Diversity Advisory Commitee) und Batuhan Ayaz (Next Generation DKE).

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Henrike Gördes

Vielfalt als Voraussetzung für Vertrauen und Sicherheit

DKE: Die IEC positioniert sich offensiv als internationale Institution dar, die aufgrund verschiedener Faktoren wie Vielfalt oder Konsensprinzip weltweit Vertrauen genießt. Welches Thema ist aus Ihrer Sicht zentral, um Vertrauen zu gewinnen?

Schönhof: Zentrale Aufgabe einer Normungsorganisation ist es aus meiner Sicht, Stakeholdern aus verschiedenen Branchen eine Plattform zum Austausch zu bieten. Auf dieser Basis kann zu zentralen Fragestellungen eine gute, vereinheitlichte Lösung gefunden werden. Vielfalt ist die Voraussetzung dafür, dass diese Lösung für Märkte und Gesellschaft gleichermaßen bedeutsam ist.

Ayaz: Ich sehe Vielfalt ebenfalls als Schlüssel für Vertrauen, denn nur so lassen sich Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit erlangen. Vielfalt ist für mich regional, kulturell, industriell und regulatorisch zu sehen. Die IEC als verbindendes Element hat die Aufgabe, alle Perspektiven zusammenzuführen, damit Normen entstehen, die den Menschen dienen, für Sicherheit und Qualität sorgen und für Offenheit und technnologische Weiterentwicklung stehen.

Hayes: Dem schließe ich mich an, und zwar mit ganz konkreten Beispielen: Was es heißt, wenn Vielfalt fehlt, zeigt sich am Zuschnitt von Crash Test Dummys und anderem Sicherheitsequipment auf den durchschnittlichen, in der nordwestlichen Hemisphäre lebenden Mann. Der Körper von Frauen oder von Menschen aus anderen Regionen, wo Männer und Frauen vielleicht kleiner und zierlicher oder größer und stämmiger sind, findet nicht statt. Die Konsequenz ist mangelnde Sicherheit für große Teile der Bevölkerung weltweit. Das bedeutet, wir als IEC brauchen Diversität in jeder Hinsicht, um global funktionierende, vertrauenswürdige Normen zu entwickeln.


Interview Diversität in der Normung - Teamwork Menschenkette
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Diversität für eine All Electric Society – wie eine inklusive Normung zu einer gerechteren Welt beitragen kann

Normen haben Auswirkungen auf unser aller Leben. Sie sollen dazu dienen, Produkte und Anwendungen, die wir nutzen vor allem sicher, aber auch qualitativ und nachhaltig zu machen. Was wenn nun Personengruppen nicht berücksichtigt werden? Dann kann es zu einer Benachteiligung kommen. 

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Normung kann Rahmen für KI-Entwicklung definieren …

DKE: KI ist eine der zentralen Zukunftstechnologien. Ihr Missbrauch sowie KI-Halluzinationen sind in vielen Bereichen aber ein Problem und können auch das Vertrauen in Normung untergraben. Als Normungsorganisation sollte die IEC dieses Problem angehen – aber wie?

Ayaz: KI lässt sich nicht regulieren, aber wir müssen Rahmenbedingungen für ihren Einsatz schaffen. Im Fokus steht somit nicht der Algorithmus, sondern wir sprechen über Nachvollziehbarkeit, Datenherkunft und Transparenzpflichten sowie Robustheit. Wir brauchen eine Kennzeichnungspflicht für KI-generierte Inhalte und eine Definition von Einsatzgrenzen.

Während generative KI mit allen Quellen arbeitet, die sie bekommen kann, sollten in industriellen Anwendungen Modelle zum Einsatz kommen, die mit reduzierten, qualitativ hochwertigen Daten arbeiten. Es muss klar sein, was die KI leisten kann und was nicht – und im Training der KI muss vorgesehen sein, dass das System nicht dem Anwender gefallen will, sondern korrekte Ergebnisse liefert. All das und mehr kann Normung diskutieren und definieren, damit Hersteller und Anwender Klarheit haben.

Schönhof: Ich denke, ein zentraler Punkt ist, wie Erwartungen definiert werden und wie man mit ihnen umgeht. Nehmen wir ein neuronales Netz, das ein Fahrzeug steuern soll. Nun stellen wir uns vor einen blauen, einäugigen Hasen am Straßenrand vor – wie soll die KI bei derart unvorhersehbaren Ereignissen reagieren? Die Normung muss unsere Erwartungen in Guidelines gießen, damit die KI dem Stand der Technik entspricht. 

KI-Halluzinationen als Sonderfall sind fundamental in den Modellen enthalten und nicht zu verhindern. Die IEC kann lediglich Vorgaben dazu machen, wie Halluzinationen abzuschwächen und zu managen sind. Den Missbrauch einer Technologie lässt sich ebenfalls nicht verhindern. Auch ein Schraubenzieher kann zweckentfremdet Schaden anrichten, nämlich dann, wenn er nicht unter den gedachten Rahmenbedingungen eingesetzt wird. Normung kann aber Grundlagen dazu liefern, wie sich KI resistent gegen Missbrauch entwickeln lässt.

… und Orientierung für den Umgang mit KI schaffen

Hayes: Aus meiner Sicht macht die IEC genau das, was Raoul und Batuhan fordern: Im ISO/IEC JTC 1/SC 42 (Artificial Intelligence) schaffen Expertinnen und Experten Grundlagen und einen Rahmen dafür, dass KI als Technologie funktioniert. Dabei geht es um die Entwicklung von Normen für KI, von Systemen zur Konformitätsbewertung, zum Testen und zum Assessment von KI. 

Differenziert davon ist aus meiner Sicht zu betrachten, wie wir als Menschen Künstliche Intelligenz nutzen. Wenn wir ihr blind vertrauen, ohne sie zu überprüfen, werden wir keine validen Ergebnisse erzielen. Dazu gibt es in der IEC bereits einen Handlungsleitfaden, den wir nur noch für alle verfügbar machen müssen.


Interview mit Stefan Goi

Interview mit Stefan Goi

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KI-Systeme unter Betrachtung der Funktionalen Sicherheit – es braucht einen holistischen Ansatz

Autonomes Fahren kann dazu beitragen, die zahlreichen Probleme im Straßenverkehr zu lösen. Dafür müssen aber auch neue Methoden entwickelt werden, um die Sicherheit zu gewährleisten. Stefan Goi vom TÜV Rheinland spricht mit uns im Interview über die Herausforderungen beim Einsatz von KI im Straßenverkehr, den Standard ISO PAS 8800 und die Anforderungen an künftige Standards aus Sicht eines Dienstleisters für Prüfungen und Zertifizierungen von KI-Systemen.

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Qualitätsanforderungen für KI-Anwendungen festlegen …

DKE: Blicken wir auf das Black-Box-Problem von KI, also die Tatsache, dass Entscheidungswege einer KI für Menschen nicht transparent nachvollziehbar sind.  Wie können wir Normen so entwickeln, dass sie künftig als Grundlage für die Kontrolle Künstlicher Intelligenz funktionieren und auf diese Weise Vertrauen schaffen? 

Schönhof: Ich denke, die großen Modelle sind nicht erklärbar. Wir können aber analysieren, wie ein bestimmtes Ergebnis zustandekommt, und das Ergebnis einordnen und strukturieren. Auf diese Weise wird KI interpretierbar. 

Die Normung kann außerdem Qualitätsanforderungen an die Ergebnisse von KI-Anwendungen definieren, die für die Industrie praktikabel und in der Konformitätsprüfung nutzbar sind. So kann Vertrauen entstehen und bis zum Kunden, also zum Anwender, weitergetragen werden – weil wir für KI eine Qualitätsinfrastruktur etablieren. Es gibt Stimmen, die sagen, dass Normung für diese Technologie zu langsam ist. Da mag etwas dran sein, aber ich kann sagen: Ohne Normung wird es schiefgehen.

Ayaz: Neben der Frage, ob KI erklärbar ist, sehe ich in der Funktionsweise der KI durchaus auch ein Geschäftsgeheimnis des Herstellers. Der AI Act in Europa fordert dennoch bei hochkomplexen Systemen eine Offenlegung des Modells. Ansonsten stimme ich Raoul zu – wir sollten uns auf Prozesse, Daten und Ergebnisse konzentrieren, wenn wir einen Rahmen für KI-Anwendungen setzen wollen. So wird sie zwar nicht vollends erklärbar, aber sie bleibt beherrschbar.

… und nicht auf vollständige Kontrolle abzielen

Hayes: Mich erinnert der Wunsch nach vollständiger Kontrolle an die Anfänge in der Cyber-Security. Als es mit Softwareplattformen und vernetzten Strukturen losging, waren die Zweifel und Ängste groß. Wir haben auch hier gesehen, dass vollständige Kontrolle nicht möglich ist, wir aber geeignete Rahmenbedigungen schaffen können, um die Funktion von Systemen und Komponenten sicherzustellen. 

Bei KI sollten wir applikationsbasiert vorgehen, wie Raoul und Batuhan es bereits dargestellt haben. Auf der Basis können wir auch entscheiden, wie viel Rahmenwerk es braucht. Die KI-gestützte Empfehlung von Sendungen auf Streamingplattformen ist weniger sicherheitsrelevant als der KI-gestützte Monitoringzyklus für Komponenten in der Elektronikfertigung. Je schwerwiegender die Folgen von Fehlern sind, desto mehr Leitplanken braucht eine konkrete KI-Anwendung.


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Ohne Normen erlebt die Welt technologischen Wildwuchs

DKE: Welche Rolle spielen globale Normungsanstrengungen bei der Beherrschbarkeit von Zukunftstechnologie generell?

Hayes: Normen ermöglichen erst die erfolgreiche Entwicklung von neuen Technologien. Um sie erfolgreich zu begleiten, müssen wir priorisieren und eine Entscheidungsgrundlage erarbeiten, wann eine Technologie reif ist für die Normung, zum Beispiel über das Standard Readiness Framework. Zudem muss Normung die Balance schaffen zwischen Sicherheit und Flexibilität, Unternehmen also keine zu weiten und keine zu engen Grenzen setzen. 

Schönhof: Wir brauchen weltweit Forschungsorganisationen, die Expertinnen und Experten in die Gremium entsenden, zu genau den Themen, bei denen die Industrie noch nicht vertreten ist. Wir beschäftigen uns global mit einem großen Strauß an Technologien, die für Milliarden Menschen ausgerollt werden. Ich denke, Standardisierung ist schon allein vor diesem Hintergrund unendlich wichtig, ganz egal, ob wir uns über 6G-Mobilfunk, Energiespeicherung, Wasserstoff oder Solid State Batterien unterhalten. Je früher das Vertrauen durch Normen und Standards geschaffen wird, desto einfacher wird der folgende Weg. 

Ayaz: Normen schaffen für die Industrie Investitionssicherheit, Interoperabilität und Akzeptanz bei Kunden, Mitarbeitenden, schlichtweg in der Gesellschaft, damit Systeme auch Anwendung finden. Ohne Normen haben wir technischen Wildwuchs, können nicht skalieren und kehren zurück zu Sonderlösungen für jedes Einzelproblem. Diese Aspekte sind für neue Technologien, die sich rasend schnell entwickeln, genauso gültig wie für alle anderen.


IEC General Meeting 2026

Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.

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Transparent, basisnah und anpassungsfähig: die IEC der Zukunft

DKE: Wie kann sich die IEC generell noch besser positionieren, um als Lösungsanbieter Vertrauen auszustrahlen und vertrauenswürdig zu bleiben?

Schönhof: Ich denke, Normung genießt Vertrauen. Ohne Wenn und Aber. Normen werden genutzt, und so reicht das Vertrauen bis zum Endverbraucher – das müssen wir fortführen und dürfen uns nicht beirren lassen. Dennoch ist vielen unklar, wie Normen zustandekommen. Die Türen sind zwar offen, aber die wenigsten wissen, wie man hindurchgeht. Ich denke, wenn wir mehr aktive Transparenz schaffen, können wir Vertrauen erhalten und erhöhen.

Ayaz: Wir erleben eine angespannte Marktsituation. Speziell in der deutschen und europäischen Industrie ziehen sich Unternehmen aus der Normung zurück. Was brauchen wir, um das zu ändern? Wir müssen Großkonzerne ebenso wie den Mittelstand frühzeitig und niedrigschwellig involvieren, zum Austausch einladen und ihn fördern. Wir müssen über Pilotprojekte sichtbar machen, was wir tun und warum wir es tun. Hier können wir KI nutzen, um Komplexität zu reduzieren und andere nicht abzuhängen, sondern einzubinden. Diese Basisarbeit macht Normung aus, heute und in Zukunft, und sie ist die Voraussetzung für Vertrauen.

Hayes: Das ist ein wichtiger Punkt – auch ich denke, wir müssen weiterhin auf eine solide, technische, wissenschaftsbasierte Normung fokussieren, in der alle Stimmen gehört werden. Manchmal mag es so sein, dass nicht die richtigen Stakeholder am Tisch sitzen. In diesem Fall macht es Sinn zu warten, bis sie hinzugezogen sind, um alle relevanten Aspekte zu hören und vertrauenswürdig zu bleiben.

Die IEC ist die internationale Organisation, die für die globale Elektronikindustrie Normen entwickelt und den globalen Handel radikal vereinfacht. Wir müssen uns weiterentwickeln, unsere Prozesse, unsere Werkzeuge an die Anforderungen anpassen, um weiterhin Vertrauen zu genießen. Ist es einmal verloren, ist es sehr schwer zurückzugewinnen.

Redaktionelle Hinweise:

Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen des Interviewpartners und müssen nicht denen der DKE entsprechen.

Der englischsprachige Originalartikel erschien auf https://www.gm2026.iec.ch/

Gäste des Round Table waren:

Raoul Schönhof

Studium der Rechtswissenschaften (LL.B.) und Technologiemanagements (B.Sc./M.Sc.).

Koordinator des Technologietransferpfads "Normen und Standards" der Fraunhofer-Gesellschaft. Vormals fachlicher Leiter des maschinellen Lernens in der Robotik am Fraunhofer IPA. Sein Forschungsinteresse liegt auf dem Gebiet der generativen künstlichen Intelligenz in der Konstruktion und des gewerblichen Rechtsschutzes.

Batuhan Ayaz

ist bei BASF tätig und bewegt sich beruflich an der Schnittstelle von chemischer Produktion, Automatisierung und Digitalisierung. Mit Erfahrung aus Produktions‑ und Serviceeinheiten beschäftigt er sich mit Höherautomatisierung sowie daten‑ und modellbasierten Ansätzen zur Weiterentwicklung industrieller Prozesse. Sein Fokus liegt auf dem nachhaltigen Zusammenspiel von Menschen, Maschine und Daten, interdisziplinärer Zusammenarbeit und verlässlichen Standards.

Megan Hayes

Vorsitzende des IEC Diversity Advisory Commitee


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Die Next Generation DKE ist eine Community für Young Professionals und Studierende zu allen Themen rund um die Zukunft der Normung und Standardisierung bei der DKE. Als Mitglied bekommt man viele Einblicke in die spannende nationale und internationale Welt der Normung und Kontakt zu Experten auf vielen Fachgebieten, verbunden mit dem Ziel, den Einfluss von jungen Leuten in der DKE zu stärken.

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