Zwei Personen geben sich die Hand
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24.04.2026 Fachinformation

Normen in einer fragmentierten Welt: Das IEC General Meeting in Hamburg als Plattform für verstärkten Dialog zwischen Normung und Regulierung

Wir leben in einer Zeit großer technologischer und geopolitischer Veränderungen, die tiefgreifende Auswirkungen auf die Beziehung zwischen Normung und Regulierung haben. Bei der in Hamburg stattfindenden Generalversammlung 2026 der Internationalen Elektrotechnischen Kommission versammeln sich wichtige Akteure und skizzieren die Zukunft technischer Normen.

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Johannes Koch
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Spiteller und Metzger im Interview

Philippe Metzger und Florian Spiteller im Gespräch

| DKE

Philippe Metzger (IEC Generalsekretär & CEO) und Florian Spiteller (Mitglied des DKE Geschäftsleitung und des IEC Standardization Management Board (SMB)) erläutern, warum das Zusammenspiel von Normung und Regulierung Wettbewerbsvorteile bringt, inwieweit politische Entscheidungsträger*innen von digitalen Normungsverfahren profitieren und was von der Generalversammlung zu erwarten ist.

DKE: Warum ist die Generalversammlung der IEC in Hamburg die perfekte Gelegenheit, um Regulierungsbehörden und die Normungscommunity zusammenzubringen?

Metzger: Ich glaube, da spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Wir sehen aktuell eine extrem schnelle technologische Entwicklung. KI, Energiesysteme, Automatisierung und viele andere Technologien entwickeln sich immer schneller und werden zunehmend vernetzter. In diesem Umfeld steigen die Anforderungen sowohl an die Normung als auch an die Regulierung. Der Dialog zwischen Regulierung und Normung wird daher immer wichtiger. Dafür braucht es eine starke Plattform.

Die Generalversammlung der IEC in Hamburg bietet genau diese Plattform. Tausende Fachleute aus aller Welt werden hier zusammenkommen. Dank der Gastfreundschaft des deutschen Nationalkomitees der IEC – der DKE – können wir einen einzigartigen Raum schaffen, in dem die Teilnehmenden über Innovationen sowie das technologische Ökosystem diskutieren und sich mit normativen und regulatorischen Themen auseinandersetzen können. Hamburg, das als „Tor zur Welt“ bekannt ist, bietet den perfekten Ort für diesen Dialog.

Spiteller: Vielen Dank, Philippe! Wir freuen uns, die Welt in Hamburg willkommen zu heißen. Was die Generalversammlung für mich besonders macht, ist die Diversität der IEC-Community. In Deutschland arbeiten wir in der Normung im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft, die eine Brücke zwischen Normung und Regulierung schlägt. Andere Länder organisieren diese Zusammenarbeit anders, jedes System hat seine Stärken. Meiner Meinung nach ist es der IEC sehr gut gelungen, die verschiedenen Systeme zusammenzubringen und durch Zusammenarbeit internationale Normen zu entwickeln. Wir können auch beobachten, dass der Einfluss der Regulierung wächst, so zum Beispiel in Europa durch neue Initiativen und politische Entwicklungen. Das macht es umso wichtiger, den Dialog zu verstärken und gemeinsam Wege zu finden, wie wir die Zusammenarbeit noch weiter verbessern können.


IEC General Meeting 2026

Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.

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Eine Welt, viele Regeln — ein roter Faden

DKE: Das Zusammenspiel von Regulierung und Normung unterscheidet sich in den globalen Märkten. Wie kann die IEC diese unterschiedlichen Ansätze koordinieren?

Metzger: Es gibt staatlich organisierte Normungssysteme, öffentlich-private Modelle und rein privatwirtschaftliche Systeme. Diese Unterschiede ergeben sich aus den nationalen Governance-Strukturen, was auch völlig legitim ist. Was wir zusammen mit unseren nationalen Komitees anbieten können, ist ein gemeinsamer Rahmen: transparente, inklusive Verfahren sowie tausende internationale Normen und weltweit anerkannte Konformitätsbewertungen. Diese einheitlichen und transparenten Verfahren sind der Kern unserer Identität und unser Alleinstellungsmerkmal. Sie sorgen für Vertrauen, besonders in heterogenen Märkten.

Gleichzeitig entlasten Normen die Gesetzgeber. Eine Regulierungsbehörde, die nach Lösungen für ein komplexes technisches Problem sucht, wird dankbar für eine auf internationaler Ebene vereinbarte, transparent entwickelte Norm sein, die weltweit anerkannt ist. Das erleichtert die Regulierung ungemein und fördert Innovation.

Natürlich gibt es immer Besonderheiten, die auf nationaler Ebene zu berücksichtigen sind, wie geographische oder klimatische Bedingungen. Die IEC hält kein Land davon ab, entsprechende Anpassungen vorzunehmen. Unsere Werkzeuge, wie die sogenannte IEC Global Relevance Toolbox, helfen, nationale Regelungen transparent darzustellen, ohne den internationalen Rahmen aus den Augen zu verlieren. Das schafft eine globale Plattform, die gemeinsame Lösungen trotz unterschiedlicher Systeme ermöglicht.

IEC Global Relevance Toolbox

Wie kann dafür gesorgt werden, dass alle Länder internationale Normen trotz spezieller nationaler Anforderungen nutzen können?

Internationale Normen repräsentieren das kollektive Wissen von Fachleuten aus aller Welt. Doch Länder wollen gegebenenfalls auch Normen auf die individuellen Bedürfnisse in ihrer Region anpassen.

Im Rahmen globaler Normungsverfahren müssen eventuell auch regionale Besonderheiten in Bezug auf Klima, Regulierung oder Infrastruktur berücksichtigt werden. Die IEC Global Relevance Toolbox (GRT) unterstützt dieses Vorgehen, indem sie Fachleuten hilft zu bestimmen, wann und wie normative bzw. informative Inhalte bestehenden Normen bzw. neuen Dokumenten hinzugefügt werden können. Ziel ist es, die weltweite Anwendbarkeit und Akzeptanz von Normen trotz lokaler Regelungen zu gewährleisten. So können Abweichungen transparent dokumentiert werden, während sich die Normen gleichzeitig an den internationalen Vorgaben orientieren. Das untermauert die Wichtigkeit einer globalen Plattform, die alle nutzen können, ungeachtet unterschiedlicher Systeme.

YouTube-Video der IEC zur Global Relevance Toolbox

Zusammenarbeit als globaler Wettbewerbsvorteil

DKE: In welchen Bereichen kann eine Koordinierung von Normung und Regulierung zu besseren Ergebnissen führen?

Spiteller: Qualität ist eines der zentralen Ziele der Normung. Gleichzeitig ist eine schnelle Markteinführung für diejenigen, die Normen nutzen, sehr wichtig, was aber nicht auf Kosten der Qualität gehen darf. Wenn Regulierungsbehörden und Normungsorganisationen ihre Erwartungen frühzeitig kommunizieren, können Qualität und Geschwindigkeit leichter in Einklang gebracht werden.

Außerdem kann Normung, wie von Philippe bereits erwähnt, die Regulierungsbehörden entlasten. Ein gutes Beispiel ist der Schutz vor Stromschlag. Das Gesetz formuliert nur ganz allgemein, dass elektrische Geräte und Anlagen sicher sein müssen. Punkt. Allerdings sagt es nicht, wie diese Sicherheit erreicht wird. Hier kommen elektrotechnische Normen ins Spiel. Sie legen beispielsweise fest, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind, welche Fehlerstrom-Schutzschalter eingebaut werden müssen und wie Leitungen verlegt werden müssen, um sicherzustellen, dass niemand einen Stromschlag erleidet. Während also der Staat das Ziel definiert, beschreibt die Normung den technischen Weg, um dieses schnell und flexibel zu erreichen, und das immer basierend auf dem neuesten Stand der Technik.

Deutschland verfolgt zudem die klare Strategie, sich auf internationale Normen zu konzentrieren, anstatt nationale Ausnahmen zu entwickeln. Idealerweise sollten unveränderte Fassungen der IEC-Normen von so vielen Ländern wie möglich angewandt werden, was zu weltweiter Akzeptanz führt, idealerweise zusammen mit weltweit anerkannten Prüfverfahren.


Containerfrachtschiff im Ozean
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Konformitätsbewertung: Freier Warenfluss weltweit

Der Begriff „Konformitätsbewertung“ (engl. „Conformity Assessment“) ist weitläufig bekannt, in vielen Fällen jedoch nicht greifbar. Im Wesentlichen sorgt Konformitätsbewertung für einen freien Warenfluss innerhalb eines oder auch zwischen verschiedenen Märkten der Welt. Zur Bewertung von Produkten, Verfahren und Dienstleistungen gelten sowohl nationale Gesetze als auch internationale Richtlinien und Verordnungen. Unser Fachbeitrag zur Konformitätsbewertung fasst die wichtigsten Aspekte zusammen und gibt Antworten auf häufig gestellte Fragen.

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Normen beschleunigen die Digitalisierung enorm — wovon Regulierungsbehörden profitieren

DKE: Die Normung entwickelt sich in Richtung digitaler, maschinenlesbarer Normungsinhalte. Wie profitieren Regulierungsbehörden davon?

Metzger: Digitalisierung und Maschinenlesbarkeit von Normen bieten viele Vorteile. Unternehmen können Normen effizient in ihre Herstellungsprozesse integrieren. Wird in Verordnungen auf eine Norm verwiesen oder findet sie Eingang in die Gesetzgebung, kann ihre automatisierte Umsetzung Unternehmen dabei helfen, regulatorische Anforderungen direkt in ihre Prozesse zu integrieren.

Davon profitieren auch die Regulierungsbehörden, da Prüf- und Inspektionsverfahren effizienter, transparenter und leichter zugänglich werden. Automatisierte Prozesse reduzieren den Koordinationsaufwand. Außerdem haben wir alle die Erfahrung gemacht, dass der Umgang mit Behörden umso einfacher ist, je digitaler der öffentliche Sektor arbeitet. Maschinenlesbare Normen können die Interoperabilität zwischen IT-Systemen verbessern und den Austausch von Informationen zwischen Behörden, Unternehmen und Bürger*innen erleichtern. Eine vollständige Automatisierung dieser Interaktionen auf Knopfdruck wäre unrealistisch. Mehr Effizienz und schnellere Verfahren sind hingegen nicht nur wünschenswert, sondern auch realistisch.

Spiteller: Ein gutes Beispiel ist die deutsche Initiative QI Digital, die sich auf die Digitalisierung der nationalen Qualitätsinfrastruktur konzentriert. Diese besteht aus Metrologie, Normung, Konformitätsbewertung, Akkreditierung und Marktüberwachung. Die Digitalisierung dieser Bereiche wird zu großen Effizienzgewinnen führen. Wir wollen die relevanten Akteure in Hamburg zusammenbringen.


Digitaler Produktpass
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Digitaler Produktpass: Digitalisierung und Circular Economy durch standardisierte Daten

Digitalisierung ist gekommen, um zu bleiben. In der Welt der industriellen Produktion wurde dies bereits frühzeitig erkannt, sodass zahlreiche Entwicklungen vorangetrieben wurden, auch auf normativer Ebene. Eine Ausprägung ist der Digitale Produktpass, mit dem über digitale und standardisierte Informationen der nächste Schritt gemacht wird und der langfristig die industrielle Circular Economy unterstützt.

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Das IEC-System bietet selbst in stürmischen Zeiten Stabilität

DKE: Wie sollte sich die internationale Governance-Struktur der Normung angesichts der geopolitischen Veränderungen entwickeln?

Spiteller: Früher wurde oft gesagt, Normung sei rein technisch, nicht politisch. Das gilt immer noch. Doch es lässt sich nicht leugnen, dass politische Entwicklungen einen Einfluss auf die internationale Zusammenarbeit haben. Die Frage ist: Müssen wir deshalb den Governance-Ansatz ändern? Oder wie können wir zeigen, dass unser System robust ist? Meiner Meinung nach hat sich das System als robust erwiesen. Die Normung wird immer durch politische Herausforderungen beeinflusst werden, aber diese werden das System nicht zum Scheitern bringen. Es ist wichtig, über diese Entwicklungen nachzudenken und sie zu diskutieren.

Leider haben sich einige Länder aus politischen Gründen vorübergehend zurückgezogen. Das macht den persönlichen Austausch umso wichtiger. Die IEC Generalversammlungen bieten daher eine unverzichtbare Plattform – nicht nur für offizielle Diskussionen, sondern auch für informelle Gespräche. Gerade in einer angespannten Weltlage ist gegenseitiges Verständnis wichtig.

Metzger: Wenn wir über Geopolitik sprechen, dann steht für mich besonders das Thema Fragmentierung im Vordergrund. 120 Jahre lang war die IEC eine führende unpolitische, technische Organisation. Selbst in Zeiten großer geopolitischer Spannungen hat sie nichts an Wert eingebüßt, da sie sich immer auf ihre zentrale Mission konzentriert hat. Auch wenn sich ein gewisses Maß an Fragmentierung beobachten lässt, die Nutzung von und der Bedarf an Normen sinkt nicht, ganz im Gegenteil.

Der Schlüssel hierfür ist die Überwindung von Fragmentierung durch überzeugende, unverzichtbare Normen. Diese müssen nicht per se gesetzlich bindend sein, sondern müssen technisch so überzeugend sein, dass sie alternativlos sind. Wenn wir weiter technologisch überzeugende Lösungen bieten, wird sich die Welt weiter an uns wenden, selbst wenn die Welt in machen Fragen gespalten ist.

Spiteller: Ja, gerade in Zeiten von Fragmentierung ist internationale Normung extrem wichtig. Basieren technische Entwicklungen auf unterschiedlichen Standards, entstehen Hürden, die später nur schwer überwunden werden können. Deshalb müssen wir an gemeinsamen technischen Grundlagen festhalten, ungeachtet politischer Spannungen. Eine internationale IEC-Norm ist nach wie vor die beste Grundlage, um Spaltungen langfristig zu überwinden.


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Hamburg bietet eine Chance – um weltweite Solidarität zu demonstrieren

DKE: Was wäre für Sie das beste Ergebnis der Generalversammlung 2026 der IEC?

Metzger: Die Generalversammlung in Hamburg bietet eine Gelegenheit für die Entwicklung von Lösungen. Es werden tausende Delegierte mit unterschiedlichen Prioritäten teilnehmen, aber was sie eint, ist der Wille, zusammenzuarbeiten. Für mich signalisiert das einen Bedarf an und einen Wunsch nach mehr internationaler Kooperation, was bereits ein wichtiges und positives Ergebnis ist.

Außerdem freue ich mich darauf, Entwicklungen in Bezug auf Digitalisierung und Maschinenlesbarkeit von Normen zu sehen, zusätzlich zu spannenden Diskussionen über die Fortschritte in unterschiedlichen Bereichen. Das ist ein Moment, um zu zeigen, wie Normung uns den Weg in die Zukunft weist.

Spiteller: Ich wünsche mir, dass wir einen neuen Dialog zwischen Regulierung und Normung in Gang setzen können, und dass dieser Dialog langfristig Bestand hat und gute Ergebnisse hervorbringt.


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Normung und Politik: Gemeinsam und zum Wohle für die Menschen

Normungspolitisches Handeln auf sämtlichen Ebenen – national, europäisch und international – macht den Erarbeitungsprozess von Normen und Standards überhaupt erst möglich.

Es dient der weltweiten Verbreitung und Verbesserung sowie der vollen Entfaltung des tiefgreifenden Nutzens von Normen und Standards für Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Staat.

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