USB-Typ-C-Stecker wird in den USB-Anschluss des Laptops gesteckt
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05.10.2022 Fachinformation

Interview: Warum USB-IF-Spezifikationen in internationale IEC-Normen überführt wurden

Eine Zusammenarbeit zwischen der IEC und Konsortien kann für beide Seiten einen Mehrwert bringen – so auch bei der internationalen Normung der USB-Spezifikationen.

Ein Interview mit Jeff Ravencraft.

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IEC

Von Gabriela Ehrlich

Die IEC weiß, wie wichtig die Rolle von Konsortien bei der Erarbeitung von Normen, die weltweit Anwendung finden sollen, ist. Die Zusammenarbeit mit Konsortien ist eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Ein perfektes Beispiel für den Nutzen, den beide Seiten aus einer solchen Kooperation ziehen, ist die gemeinsame Arbeit von IEC und dem USB Implementers Forum (USB-IF).

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Zuständiges Gremium
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Interview mit Jeff Ravencraft

Austauschbare Ladelösung

Austauschbare Ladelösung

| USB Implementers Forum

DKE: Was hat USB-IF dazu veranlasst, mit seinen Spezifikationen zur IEC zu gehen, damit sie als internationale IEC-Normen übernommen werden?

Ravencraft: Nun, zunächst kurz etwas zum Hintergrund: Aufgrund der zunehmenden Nutzung von Mobiltelefonen und der Einführung von Smartphones war die Europäische Kommission besorgt, dass die gleichzeitige starke Zunahme von Ladegeräten für Mobiltelefone unnötig Elektronikabfall produzieren würde. Zu der Zeit entwickelte jeder Mobiltelefonhersteller seine eigenen Ladegeräte und -stecker. Haben sich Verbraucher*innen ein neues Telefon gekauft, wurde auch ein neues Ladegerät mitgeliefert. Das führte schließlich dazu, dass Schubladen voll waren mit einwandfrei funktionierenden Ladegeräten, die nicht mehr verwendet werden konnten.

Um den Bedenken der Europäischen Kommission Rechnung zu tragen, haben die 14 führenden Mobiltelefonhersteller im Juni 2009 ein Abkommen unterzeichnet, in dem sie sich verpflichten, die Ladegeräte für datenübertragungsfähige Mobiltelefone, die in der Europäischen Union verkauft werden, zu vereinheitlichen. Das Abkommen stützte sich auf vorangegangene Gespräche mit der Mobilfunkbranche, die die Verwendung von USB zum Laden und eines Mikro-USB-Anschlusses am Telefon befürwortete.

Die Europäische Kommission beauftragte das Europäische Komitee für elektrotechnische Normung (CENELEC) mit der Erarbeitung einer Norm, um das Problem der sich ständig ändernden Ladegeräte zu beheben. Expertinnen und Experten der IEC sowie von CENELEC nahmen sich dieser Aufgabe als Teil ihres Kooperationsabkommens an. USB-IF unterzeichnete eine Absichtserklärung (en: Memorandum of Understanding, MoU) und gestattete damit das kostenlose Herunterladen technischer USB-Spezifikationen. Die daraus resultierende Norm IEC 62684 wurde parallel als Europäische Norm EN 62684 verabschiedet.


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DKE: Welche Erwartungen hatten Sie hinsichtlich einer derartigen Zusammenarbeit?

Ravencraft: Es ist für USB-IF nicht ungewöhnlich, Abkommen mit technischen Organisationen und internationalen Unternehmen zu unterzeichnen, da USB vielen verschiedenen Technologien als Grundlage dient. Eine derartige Zusammenarbeit war allerdings etwas Neues für uns.

Unsere Erwartungen waren zu Beginn eher niedrig; wir waren ziemlich skeptisch. Wir hatten große Bedenken, dass die Spezifikationen ohne unsere Zustimmung geändert würden oder dass die Bedingungen für die Lizenzierung von geistigem Eigentum infrage gestellt oder falsch dargestellt würden. Wir befürchteten, dass unsere Spezifikationen abgewandelt bzw. nur Teile davon übernommen würden. In unseren Verhandlungen mit der IEC konnten wir unsere Bedenken ansprechen und haben eine Vereinbarung getroffen, die sich seitdem zu einem wichtigen Abkommen für die weltweite Übernahme von USB-Standards entwickelt hat.

DKE: Wie profitiert USB-IF von der Zusammenarbeit?

Ravencraft: Eines der Argumente für die Zusammenarbeit und unser weiteres Engagement in der Beziehung war, dass die IEC international höchste Anerkennung genießt. Allein durch ihre Größe, Reichweite und ihr umfassendes Tätigkeitsfeld konnte sie uns einen weltweiten Zugang ermöglichen. Einige Menschen werden vielleicht sagen, dass USB ein US-amerikanischer Standard ist. Es ist richtig, dass die Formalitäten in den USA erledigt werden, aber die Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten, kommen von überall auf der Welt.

Zudem verlangen einige Regierungen die Verwendung von IEC-Normen und USB-IF wollte hier nicht außen vor bleiben. Wir möchten auf allen Ebenen teilhaben. Die Bestätigung unserer Standards durch die IEC verschafft ihnen weltweite Anerkennung. Wir glauben, dass sich dadurch unser Markt weltweit vergrößert.

DKE: Würden Sie sagen, dass die Zusammenarbeit Ihnen auch dabei geholfen hat, USB-Produkte zu verbessern?

Ravencraft: In letzter Zeit, ja. Wir haben Feedback von IEC-Mitgliedern und teilnehmenden Fachleuten erhalten, das sehr hilfreich war und das wir in unsere Spezifikationen übernommen haben. Zudem wurde die jüngste Norm, IEC 63002 basierend auf USB-C, die eine austauschbare Ladelösung für sämtliche Unterhaltungselektronikgeräte bietet und dazu beitragen wird, Elektronikabfall weiter zu reduzieren, direkt in der IEC mit Beteiligung von IEC-Mitgliedern und -Fachleuten erarbeitet.


USB - Common Charging Interoperability Solution

Das Video erläutert die Vorteile von IEC 63002.

Es wurde gemeinsam von den Expert*innen von IEC/TC 100 und USB-IF erarbeitet.

Quelle: USB Implementers Forum


DKE: Was würden Sie anderen Konsortien sagen, warum sie in Betracht ziehen sollten, mit ihren Spezifikationen zur IEC zu gehen? 

Ravencraft: In erster Linie wäre eine Zusammenarbeit mit der IEC und hoffentlich Unterstützung und Akzeptanz für die Standards der Konsortien von der IEC zu erhalten ein sehr positiver Schritt und hätte eine positiven Effekt auf jede Organisation. Es würde ihren Einfluss in egal welchem Marktsegment erweitern, da die IEC in so vielen Bereichen engagiert ist. Niemand sonst in der Industrie kommt an die Reichweite und Expertise der IEC heran. Sie würde dem Konsortium die Möglichkeit geben, seinen Markt weltweit zu vergrößern.

Natürlich war USB kein Anfänger … Uns gibt es schon eine ganze Weile und wir sind im Technologiebereich etabliert. Als wir anfingen, hatten wir viel Konkurrenz und wir hatten das „Stigma“, ein US-amerikanischer Standard zu sein. Uns sind in einigen Ländern, in denen die IEC eine Anforderung zur Umsetzung von Technologien und Lösungen ist, Chancen entgangen.

Die IEC hat ein sehr gutes Image und dieses Image ist auch für die jeweilige Organisation förderlich. Meine Erfahrung ist, dass die IEC-Teams direkt und organisiert sind, über vielfältige Methoden und Prozesse verfügen und Qualitätsarbeit leisten. Das war ein wesentlicher Aspekt für uns, um ein Abkommen mit der IEC zu schließen. Genauso führen wir auch USB-IF: Wir verfügen ebenfalls über ordentlich dokumentierte Methoden und Verfahren.

Lässt man sich auf ein derartiges Kooperationsabkommen ein, will man sicherstellen, dass die eigene Marke nicht in irgendeiner Form Schaden nimmt. Wie wir, so ist auch die IEC die Art von Organisation, der man vertrauen kann. Unsere Zusammenarbeit ist in der Industrie sehr anerkannt. Meiner Meinung nach sollten andere Konsortien kein Problem haben, sich mit der IEC zusammenzutun.


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