Mehr Sicherheit beim Betrieb elektrischer Anlagen

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26.01.2026 Fachinformation

Mehr Sicherheit beim Betrieb elektrischer Anlagen: Minimiertes Unfallrisiko durch Technische Spezifikation

Das IEC Project Committee PC 128 „Safe management and operation of electrical installations“ hat zum ersten Mal eine Publikation veröffentlicht. Die Technische Spezifikation IEC TS 63527 soll von nun an weltweit als Basis für die Bestimmungen rund um den sicheren Betrieb elektrischer Anlagen dienen.

Dr. Jens Jühling ist seit Jahrzehnten im Bereich der elektrischen Sicherheit aktiv und darüber hinaus Vorsitzender des PC 128. Im Interview spricht er mit uns über sinkende Unfallzahlen, unbezahlbaren Wissenstransfer und echte Pionierarbeit in der Normung.

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Dominika Radacki
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Das erwartet Sie in diesem Artikel:

  • Sicherer Betrieb durch klare Rollenverteilung
  • Fachwissen und Ausrüstung: Globale Unterschiede angleichen
  • Keine Einbahnstraße: Wissenstransfer als Impulsgeber

Weniger Elektro-Unfälle durch einheitliche Bestimmungen

DKE: Herr Dr. Jühling, Sie waren über 30 Jahre bei der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) tätig. Dort haben Sie von 1997 bis zu Ihrer Pensionierung im Oktober 2024 das Institut zur Erforschung elektrischer Unfälle geleitet. In dieser Zeit haben Sie nicht nur Ihre Expertise in verschiedenen Komitees und Gremien zur Erarbeitung essenzieller Normen eingebracht. Sie haben sich vor allem der Erforschung und Prävention von Unfällen in Zusammenhang mit Elektrizität gewidmet – alles Erfahrungen, die Sie als Vorsitzender im Project Committee in Ihre Arbeit einfließen lassen konnten?

Jühling: Sicherlich stecken in der aktuellen Publikation viele Inhalte, die ich in Zusammenarbeit mit zahlreichen Kolleginnen und Kollegen einbringen konnte – aber glücklicherweise auch noch ganz viel mehr. Denn der unbestritten große Vorteil durch den internationalen Austausch ist gebündeltes Fachwissen. Und das brauchen wir auch, wenn wir den sicheren Betrieb elektrischer Anlagen auf globaler Ebene ganzheitlich regeln wollen.

Denn hinter dieser ganzen Arbeit versteckt sich ja die Hoffnung, dass immer weniger Menschen Unfälle erleiden. Und vor allem: dass niemand mehr sein Leben verlieren muss, wenn er oder sie Arbeiten an elektrisch betriebenen Anlagen ausführt. Und dass unter anderem die Normung einen großen Beitrag dazu leistet, zeigt ein Blick in die Statistik: Aus einer Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes von 2022 geht zum Beispiel hervor, dass 1992 noch 152 Menschen in Deutschland in Folge eines Stromunfalls gestorben sind. 2022 waren es 23 – immer noch zu viele. Aber wir sehen ganz klar, dass es schon seit Beginn der Datenerfassung in den 1980er Jahren eine positive Tendenz gibt. Motivation genug, um weiter zu machen.


Elektrische Schalttafel mit Sicherungen und Schützen.
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Betrieb von elektrischen Anlagen

Mit den Betriebsbestimmungen in der Norm DIN VDE 0105-100 soll sichergestellt werden, dass das Bedienen von und alle Arbeiten an, mit oder in der Nähe elektrischer Anlagen gefahrlos durchgeführt werden können. Hierbei handelt es sich um elektrische Anlagen aller Spannungsebenen – von der Kleinspannung bis zur Hochspannung.

Mit DIN VDE 1000-10 werden die Anforderungen der im Bereich der Elektrotechnik tätigen Personen beschrieben.

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Meilenstein: Pionierarbeit auf europäischer Ebene

DKE: Die Arbeiten im IEC / PC 128 sind ein gutes Beispiel für internationale Zusammenarbeit in der Normung. Der globale Austausch geht auch auf die DIN VDE 0105 zurück – eine nationale Norm, die bald ihr 125-jähriges Bestehen feiert. Hatte dieser Umstand Auswirkungen auf den Prozess?

Jühling: Es stimmt durchaus, dass die nationale Norm DIN VDE 0105, neben anderen europäischen Sicherheitsregeln, ein gewisses Grundlagenpotenzial geliefert hat. Sie wurde erstmals 1903 vom VDE herausgebracht und beinhaltet die für Elektriker lebenswichtigen fünf Sicherheitsregeln: freischalten, gegen Widerstand sichern, Spannungsfreiheit feststellen, erden und kurzschließen sowie das Abschranken von unter Spannung stehenden Teilen. Mitte der 1990er Jahre wurde dann auf dieser Basis die erste europäische Norm EN 50110 unter dem Dach von CENELEC veröffentlicht. Daran haben schon viele Länder, auch über europäische Grenzen hinweg, mitgewirkt und eine wichtige Vorarbeit hinsichtlich der Internationalisierung geleistet.

Es war im Übrigen das erste Mal, dass europaweit eine Norm erarbeitet wurde, die sich ausschließlich mit dem Betreiben von Anlagen auseinandersetzt. Und nicht wie bis dato auf europäischer Ebene mit Geräten, Ausrüstungen oder anderen technischen Produkten. Das war damals eine echte Ausnahme. Das Ziel war letztlich die Harmonisierung globaler Bestimmungen, damit unsichere Arbeitsbedingungen europaweit minimiert werden. Ich denke es ist nicht übertrieben, wenn man diese Leistung als echte Pionierarbeit bezeichnet. Schließlich bildete diese europäische Norm wiederum die Grundlage für die Erarbeitung der technischen Spezifikation IEC TS 63527.

Sicherer Betrieb durch klare Rollenverteilung

DKE: Im Project Committee 128 arbeiteten 29 Länder an der Technischen Spezifikation mit – 17 davon sogar als permanente Mitglieder. Der Rest hat Impulse aus der Beobachterrolle gegeben. Stellen diverse nationale Standards und gegebenenfalls unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf den Betrieb elektrischer Anlagen eine Herausforderung für den gemeinsamen Erfolg dar – oder eher eine Chance?

Jühling: Ich drehe den Spieß mal um: Grundsätzlich ist es ja so, dass es keine länderspezifischen Unterschiede für die Bewertung von Gefahr geben sollte. Von elektrischen Anlagen und Betriebsmitteln geht per se für alle, die daran arbeiten, eine Gefahr aus – das ist auf der ganzen Welt gleich. Wenn es also um die Sicherheit am Arbeitsplatz geht, vertreten alle Nationen grundsätzlich denselben Standpunkt. Die Frage ist vielmehr: Was umfasst also überhaupt den Betrieb elektrischer Anlagen und Betriebsmittel? Für die Beantwortung mussten wir uns also ganz konkret alle Tätigkeiten anschauen, die notwendig sind, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. Neben dem eigentlichen Betrieb betrifft das auch Prozesse wie Steuerung, Validierung, Inspektion und Wartung.

Man kann sagen, dass wir mit der ersten Publikation der IEC TS 63527 den bereits bestehenden gemeinsamen Blick auf die Prozesse noch weiter geschärft haben. Im Fokus dabei: Einheitlichkeit. Also haben wir erstmal das International Electrotecnical Vocabulary (IEV) dahingehend geprüft, ob alle Begriffe und Definitionen, die den Scope unserer Spezifikation betreffen, vorhanden sind. Dabei haben wir festgestellt, dass Inhalte fehlten und haben das Werk dementsprechend berücksichtigt.

Dazu ein Beispiel aus der IEC TS 63527: Wir haben die Rollen von Personen, die an elektrischen Arbeiten beteiligt sind, zum Teil klarer beschrieben und mit dem IEV abgeglichen. Das betraf alle Beteiligten, wie den Anlagenverantwortlichen, den Anlagenbetreiber, den Arbeitsverantwortlichen, die ausführende Person, die Elektrofachkraft und in manchen Fällen eben auch die Personen, die nur unter Anleitung einer Elektrofachkraft arbeiten dürfen. In diesem Zusammenhang haben wir – auch im Abgleich mit anderen nationalen Normen der beteiligten Ländern – definiert, wer von diesen Personen welche Kompetenz haben, wer welchen Arbeitsschritt genehmigen muss und bei wem die Kompetenzen und Befugnisse eventuell nicht ausreichen, um den nächsten Schritt auszuführen. Damit haben wir die – für die weitere Normung essenzielle – Frage nach einer klaren Rollenverteilung für den sicheren Betrieb elektrischer Anlagen beantwortet.


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Fachwissen und Ausrüstung: Globale Unterschiede angleichen

DKE: Das ist, wie immer innerhalb eines Normungsprozesses, eine akribische Arbeit. Jetzt haben Sie in diesem ersten Schritt viele kleinteilige Definitionen vorgenommen und entsprechende Passagen ausformuliert. Warum ist das so wichtig in Hinblick auf ein globales Verständnis für den Betrieb elektrischer Anlagen?

Jühling: Weil es in dem Bereich, in dem wir uns befinden, an erster Stelle um die Sicherheit der beteiligten Personen geht. In der Technischen Spezifikation sprechen wir beispielsweise auch ganz konkret über das Arbeiten unter Spannung oder Arbeiten in der Nähe. Hier gibt es international noch große Unterschiede in den Bereichen Fachwissen, Ausrüstung und Sicherheitsvorkehrungen.

Stellen Sie sich vor, dass an einer luftisolierten Anlage mithilfe einer Wärmebildkamera der Zustand einer Anlage überprüft werden soll. Dazu muss die Anlage in Betrieb bleiben – und gleichzeitig geöffnet werden. Die Frage: Über welche Kompetenz muss die betreffende Person verfügen? Elektrisches Fachpersonal wird in vielen Ländern in verschiedene Level unterteilt. Diese sind aber nicht immer so leicht miteinander zu vergleichen. Der Auftraggeber muss aber bei der Vergabe eines solchen Auftrages die Kompetenz des möglichen Auftragnehmers sicherstellen. Und an dieser Stelle sollen unsere Definitionen Hilfestellung geben.

Keine Einbahnstraße: Wissenstransfer als Impulsgeber

DKE: Sie haben einen Großteil ihrer beruflichen Karriere damit verbracht die Ursache für Stromunfälle zu analysieren und in der Folge auch zu reduzieren. Und auch als Pensionär lässt Sie dieses Thema nicht los. Neben dem Vorsitz im PC 128 sind Sie Präsident der Sektion Elektrizität, Gas und Wasser unter dem Dach der IVSS und somit auch ein Treiber der globalen Strategie Vision Zero. Ein Konzept, das Arbeitsunfälle, Berufskrankheiten und Gesundheitsgefahren künftig vollständig vermeiden möchte. Können Arbeiten, die von Menschen ausgeführt werden, tatsächlich fehlerfrei sein?

Jühling: Ja, das ist das Ziel. Und ich bin da durchaus optimistisch, weil wir in einer Zeit leben, in der die globale Zusammenarbeit auch dank des technologischen Fortschritts immer enger wird. Dadurch entsteht ein unbezahlbarer Wissenstransfer, der im Übrigen keine Einbahnstraße ist. Ich persönlich habe Erfahrungen in Asien und Südamerika gesammelt, wo ich nicht nur Vorträge gehalten und an Fachdiskussionen teilgenommen habe. Ich habe dort auch neue und wichtige Impulse für die Sicherheit in Europa mitgenommen. Diese können dann wiederum zu neuen Lösungen führen, von denen am Ende alle profitieren.

Die Verbindung zwischen Prävention und Normung ist und bleibt dabei essenziell: Denn Technische Spezifikationen wie die IEC TS 63257 definieren am Ende eben nicht nur Prozesse oder die Verteilung von Verantwortlichkeiten. Sie schaffen konkrete Grundlagen für sichere Arbeitsbedingungen – in diesem Fall eigentlich weltweit. Der folgerichtige Schritt war dann auch, dass nach einem Beschluss des Project Committee IEC / PC 128 ein Antrag an das Standardization Management Board (SMB) der IEC zur Umwandlung in ein dauerhaftes Projekt ging, nämlich die Gründung eines Technical Committee IEC / TC 128.

DKE: Herzlichen Dank für das Gespräch.


Redaktioneller Hinweis:

Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen des Interviewpartners und müssen nicht denen der DKE entsprechen.

Die im Text erwähnten Normen und Standards können Sie beim VDE Verlag erwerben.

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Wir bedanken uns für dieses Interview bei

Portraitfoto Jens Jühling

Dr. Jens Jühling

Vorsitzender im IEC Project Committee 128

Portraitfoto Jens Jühling

Vorsitzender im IEC Project Committee 128


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