Gruppe von Menschen helfen sich beim Bersteigen
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17.02.2026 Kurzinformation

Warum ist Vertrauen heute so wichtig?

Nach einer langen Zeit politischer und wirtschaftlicher Stabilität sind derzeit viele vermeintliche Fixpunkte ins Wanken geraten, das Bedürfnis nach Orientierung ist groß. Die elektrotechnische Normung kann dies zwar nur in einem Teilbereich der Gesellschaft leisten, doch ihre Bedeutung als vertrauenswürdige Institution steigt.

Henrike Gördes, Leitung DKE Stabsstelle Governance, zeigt in ihrem Meinungsbeitrag auf, wie sehr eine Welt im Wandel Anker braucht und warum trotz aller Herausforderungen Zuversicht und Selbstbewusstsein angebracht sind. Damit starten wir die Kommunikation zum Themenfeld Vertrauen anlässlich des IEC General Meetings im November 2026 in Hamburg – weitere Diskussionbeiträge folgen.

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Henrike Gördes

Alles im Wandel: Blick in die Welt

Wir leben in einer Welt, die auf allen Ebenen im Wandel begriffen ist. Zum einen sehen wir Umbrüche im internationalen Umfeld und einen Wandel des politischen Klimas. Als ich vor zehn, fünfzehn Jahren Politikwissenschaften studiert habe, war die gängige Annahme, dass die Welt durch die zunehmende Globalisierung letztendlich immer mehr zusammenwachsen und allgemein friedlicher werden würde. Dieses Bild hat sich leider in kurzer Zeit völlig gedreht, eine Entwicklung, die sich zu dem Zeitpunkt kaum jemand vorstellen konnte.

Zum anderen sehen wir im Bereich der technologischen Entwicklungen radikale Veränderungen und ein unglaubliches Tempo. Manchmal entsteht sogar das Gefühl, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz würden uns regelrecht vor sich hertreiben. Damit einher gehen schnelle Produktentwicklungszyklen und hohe Marktdynamiken, die zum Erstarken neuer Player und zu neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen führen. 

Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit gesucht

Fakt ist: Wir nehmen all diese Umbrüche wahr und können die Auswirkungen im Ganzen nur schwer einschätzen. Ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit, und das Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit gewinnt an Bedeutung. Wie kann ich beurteilen, ob ein Produkt sicher ist, wenn es keinen Nachweis dafür gibt? Woher weiß ich, ob ein Foto echt ist, wenn KI täuschend echte Realitäten schaffen kann? Und wie unterscheide ich in all der Datenflut zwischen News und Fake News? 

Diese und viele weitere Fragen treiben uns alle um, jeden Tag. Deshalb brauchen wir Institutionen, die für Stabilität und Verlässlichkeit stehen, umso mehr – eine davon ist die internationale elektrotechnische Normung.


IEC General Meeting 2026

Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.

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Wandel braucht Anker: Normung schafft Vertrauen

Wir sind nicht die erste Generation, die einen radikalen Wandel erlebt. Mit dem Beginn der Elektrifizierung Ende des 19. Jahrhunderts begann ein radikaler Umbruch, der alle Bereiche der Gesellschaft betraf. Die neue Technologie brauchte einen sicheren Rahmen, um in der Breite Akzeptanz zu finden.

Zu dieser Zeit entstand die elektrotechnische Normung, mit dem Anspruch, Unfälle mit Strom zu verhindern, die Anwendung sicher zu machen und den Wandel zu begleiten. 130 Jahre später ist die elektrotechnische Normung eine wichtige Institution und international verankert. Das ist eine gute Voraussetzung, die aktuellen Umbrüche zu flankieren und uns zumindest im Bereich der Technologien sicher in die Zukunft zu bringen.

Orientierung geben

Normung schafft Vertrauen, indem sie Orientierung gibt. Sie gibt Orientierung für Hersteller, denn sie macht einheitliche Vorgaben für die technische Sicherheit von Produkten – vom Schaltschrank in der Automatisierung bis zum KI-gesteuerten Roboter im Kinderzimmer. Sie gibt aber auch Orientierung für den internationalen Handel, denn standardisierte Angaben zu Spannung, Stromstärke oder Schutzklasse erleichtern den Austausch von Waren über Grenzen hinweg.

Nicht zuletzt schafft Normung Orientierung für Verbraucherinnen und Verbraucher: Die Angaben zu technischen Daten, deren Herkunft über einheitliche Berechnungsmethoden glaubwürdig ist, machen Produkte als Basis für die Kaufentscheidung bewertbar und vergleichbar.

Teilhabe und Verlässlichkeit bewahren

Damit Normen Orientierung geben können, basiert ihr Entstehungsprozess auf dem Prinzip der Teilhabe.  An jeder Norm und jeder Aktualisierung einer Norm sind Expertinnen und Experten aus verschiedenen Bereichen beteiligt. Es findet ein Austausch zwischen Industrie, Forschung und Wissenschaft und anderen Stakeholdern statt. Es wird diskutiert und verhandelt, und genau dieses Ringen um eine gemeinsame Basis ermöglicht die Definition von Regeln, die für alle verbindlich sind.

So wird die Teilhabe auch zur Grundlage von Verlässlichkeit, denn die gemeinsam erarbeiteten technischen Anforderungen – beispielsweise zu Schutzmaßnahmen, Prüfverfahren oder Materialqualität – werden in sichere, funktionsfähige und verlässliche Produkte überführt. Dies gelingt durch die internationale Normung weltweit und über die gesamte Lieferkette hinweg.


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Bedeutung der Normung: Nutzen und Vorteile

Normen sind von erheblichem Nutzen – das gilt national, europäisch und international. Für Verbraucher und Anwender genauso wie für Wirtschaft, Wissenschaft und Staat. Normen und Standards sorgen für Sicherheit und ebnen den Weg für innovative Technologien.

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Blick auf aktuelle Herausforderungen

Wenn wir die aktuelle Situation aus dieser Perspektive betrachten, wird deutlich, dass wir ein gutes Fundament haben, um die anstehenden Herausforderungen zu bewältigen. Wir dürfen allerdings nicht stehenbleiben, sondern wir müssen weitergehen – und wir müssen dahin schauen, wo Handlungsbedarf besteht.

Vielfalt einbinden

Um als Institution weiterhin Vertrauen zu genießen und Umbrüche zu begleiten, müssen wir auch in Zukunft Teilhabe ermöglichen, selbst wenn diese Aufgabe immer schwieriger zu bewältigen ist. So ist die Einbindung der Perspektive von Verbraucherinnen und Verbrauchern politisch teilweise gewünscht, und sie kann für die Entwicklung von Produkten und deren Marktakzeptanz wertvolle Erkenntnisse bringen. Allerdings ist zu prüfen, wie Menschen ohne technisches Fachwissen sich an der Normung sinnvoll beteiligen können.

Zudem erfordern Normen heute teilweise hochspezialisiertes technisches Know-how, weshalb sich der Kreis an benötigten Expertinnen und Experten vergrößert. Nur durch Vielfalt und Einbindung verschiedener Blickwinkel entstehen Normen, die auf allen Seiten Akzeptanz finden. Demgegenüber steht ein Mangel an Fachkräften, der sich von der Forschung über die Industrie bis zum Handwerk erstreckt und einem ehrenamtlichen Engagement in der Normung nicht unbedingt in die Hände spielt.

Klar kommunizieren, Mehrwert verständlich machen

Wenn wir in diesem schwierigen Umfeld Teilhabe ermöglichen und Menschen für die Normung gewinnen wollen, müssen wir den Mehrwert klar kommunizieren und verständlich darlegen. Dabei müssen wir vor allem Menschen in den Blick nehmen, die nicht täglich mit Normung zu tun haben.

So ist es für kleinere und mittlere Unternehmen oder für Handwerksbetriebe auf den ersten Blick ein kaum vorstellbarer Invest, einen Mitarbeitenden in die Normung zu entsenden. Resultiert aber aus der Mitarbeit beispielsweise ein einfacherer Marktzugang für ein neues Produkt oder eine Anwendungserleichterung im Installationsalltag, hat sich der Invest gelohnt, und zwar nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für den eigenen Betrieb.

Lasst uns zuversichtlich bleiben

Es gibt noch viele weitere Herausforderungen, die wir zu bewältigen haben und die sicherlich auf dem IEC General Meeting im November zur Diskussion stehen werden. Ich denke aber, dass wir viele Gründe haben, zuversichtlich zu bleiben. Normung ist per se zukunftsorientiert und beschäftigt sich damit, wie Technologien normativ ausgestaltet werden können, um ihr ganzes Potenzial zu entfalten.

Normer*innen sind Expert*innen für den Wandel

Daher haben wir Normerinnen und Normer das perfekte Set an Skills, die es in Zeiten des Wandels braucht. Wir sind lösungsorientiert und bleiben so lange um den großen runden Tisch sitzen, bis ein Konzept gefunden ist, das alle Interessen bestmöglich berücksichtigt. Wir können zuhören, wir können verhandeln, wir arbeiten strukturiert und flexibel zugleich.

Ich denke, damit sind wir gut gerüstet für die Zukunft. Lasst uns zuversichtlich und stolz sein auf das, was wir erreichen. Lasst uns Wertschätzung leben für die, die schon an Bord sind, und bereithalten für die, die künftig an Bord kommen. Dann schaffen wir die Basis für ein vertrauensvolles Miteinander und vertrauenswürdige Normen.

Henrike Gördes, Leitung Stabstelle Governance


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Grundlagen der Normung: kurz und verständlich erklärt

Um die Grundsätze und Grundprinzipien der Normung verstehen zu können, bedarf es nur der Kenntnis weniger Aspekte. Die Grundlagen beinhalten Definitionen, Grundbegriffe und Erklärungen zu Prozessen und Zielen als auch weitergehende Informationen zu Normen und Standards.

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