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23.03.2026 Fachinformation

IEC Market Strategy Board: Trendscout unter den Normungsgremien

Trendscout, Frühwarnsystem und Chancenerkenner der internationalen Normung für Elektrotechnik ist das IEC Market Strategy Board (MSB). Dessen Mitglieder tragen die Verantwortung dafür, die technische Welt im Blick zu haben und zu entscheiden, auf welche Technologien die IEC fokussiert und wie die verfügbaren Ressourcen eingesetzt werden.

Warum Netzwerke unschlagbar sind, wie der Weg von einer Idee zu einer IEC Working Group aussieht und weshalb Schockstarre in Zeiten von Digitalisierung, KI & Co. nicht angebracht ist – darüber haben wir mit Dr.-Ing. Matthias Bölke gesprochen, der Deutschland im MSB vertritt.

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Henrike Gördes
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Das erwartet Sie in diesem Artikel:

  • Wie das MSB Zukunftstrends für die IEC identifiziert
  • Wie neue Technologien Normung und Elektrotechnik verändern
  • Warum Geschwindigkeit und moderne Normungsarbeit entscheidend werden

Vernetzung im Zentrum: Nur durch Austausch entstehen neue Impulse

Das Market Strategy Board (MSB) hat die Aufgabe, neue Bedarfe, Themen und Technologien für die IEC zu identifizieren, zu bewerten und innerhalb der IEC zu kommunizieren. Vertreten sind darin 16 Mitglieder, die alle zwei Jahre neu gewählt werden. Das MSB arbeitet eng mit dem Standardization Management Board zusammen, das Vorschläge des MSB aufgreift, abschließend bewertet und angenommene Themen innerhalb der IEC an Working Groups verteilt bzw. neue Working Groups dafür einrichtet.

Menschen treffen, die sich mit Innovation beschäftigen

Für Deutschland wurde 2025 Dr. Matthias Bölke aufgrund seiner Expertise bereits zum zweiten Mal in das Gremium gewählt. Normungsarbeit ist eines der Themenfelder, in denen er neben seiner Funktion als Vice President Strategy Industrial Automation bei Schneider Electric sehr aktiv ist. Zusätzlich engagiert er sich als Vorstandsvorsitzender der Industrial Digital Twin Association (IDTA), deren Standard für Digital Twins inzwischen in eine IEC-Norm gegossen ist.

Für den Automatisierungsspezialisten sind Netzwerken und fachlicher Austausch zentral für die Arbeit des MSB: „Ich bin in verschiedenen Organisationen aktiv, und überall treffe ich auf Menschen, die sich mit innovativen Themen auseinandersetzen. Wenn wir miteinander sprechen, stoßen wir auf aktuelle Herausforderungen oder Chancen, die es zu bewerten gilt.“

Gewohnte Pfade verlassen

Um globale oder lokale Trends zu erkennen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu verstehen, hält Bölke es zudem für wesentlich, die gewohnten Pfade zu verlassen und nicht in etablierten Silos zu denken. Hintergrund sei, dass die alten Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen immer mehr verschwimmen. „Cloudlösungen sind jetzt für die Energietechnik relevant, die Elektrifizierung des Alltags hat Konsequenzen für die Energienetze. Humanoide Roboter sind auf dem Vormarsch, wie auch neue Lösungen in der Mobilität, in der Logistik, in Produktionstechniken, in der Bereitstellung von Energie. Und nahezu alle Segmente des Marktes werden durch die KI grundlegend verändert.“

Vom Brainstorming zum Plan: Wie das MSB arbeitet

Diese Entwicklungen sind weitreichend und umfangreich, weshalb neben Netzwerken und Austausch ein zielorientiertes Themenscouting wichtig ist. Alle Mitglieder sind mit den jeweiligen Landesorganisationen verknüpft und haben Einblick in deren Roadmaps. Außerdem sind die Experten selbst in Firmen aktiv, tragen strategische Verantwortung für die Szenario-Planung und sammeln, wie Bölke, in unterschiedlichen Organisationen Input. So kommen für die IEC Impulse aus der Automation, aus der Elektrotechnik, aus der Energie und anderen Bereichen zusammen, wobei durch den internationalen Austausch eine Priorisierung für globale Themen erfolgt.

Brainstorming und zielgerichtete Iterationen

„Neben den klassischen Inputs aus Unternehmen, Organisationen und Gremien haben wir auch immer Inputs von Zukunftsforschern. Manches davon greifen wir auf, wenn auch nicht alles“, erzählt Bölke. Durch Arbeitsgruppen und regelmäßige Treffen des MSB wird der Output der Arbeit kontrolliert und kanalisiert. In Workshops werden Informationen zu neuen Technologien zusammengetragen und Szenarien entwickelt, wie Potenzial und Herausforderungen aussehen könnten. „Über sehr zielgerichtete Iterationen kommen wir zu einer Entscheidungsgrundlage, ob ein Thema sofort weiterverfolgt werden soll. Dabei geht es ans Eingemachte, denn im Zentrum steht die Frage, ob für ein Thema Ressourcen der IEC eingesetzt werden sollen oder nicht.“

Respektvolle Zusammenarbeit und jede Menge Expertise

Deshalb sind Klarheit, fachliches Know-how, Professionalität sowie eine respektvolle Zusammenarbeit extrem wichtig, um die Diversität der Gruppe zu nutzen. Gibt es ein Go des MSB, wird anhand einer Studie bzw. eines White Papers festgehalten, wie schnell ein Thema relevant wird, wie groß der Impact ist und welche Aufgaben es für die IEC geben könnte, also auch, welche Working Groups übernehmen könnten oder neu entstehen müssten.

Auch das Standardization Management Board (SMB) und das Conformity Assessment Board (CAB) ergänzen bereits in diesem Prozess ihre Sichtweise, später folgen dann Bewertung und Priorisierung von Handlungsfeldern beim SMB und der Abgleich von Norm und Umsetzung durch das CAB.


Managementstruktur der IEC

Die IEC ist eine Mitgliederorganisation, die von nationalen Komitees wie der DKE getragen wird. Ihre steuernden Organe sind die IEC General Assembly (GA) und das IEC Board (IB).

An das IEC Board berichten das Standardization Management Board (SMB), das Market Strategy Board (MSB) und das Conformity Assessment Board (CAB). Das MSB fungiert als Trendscout, das SMB als Koordinationsstelle, während das CAB sicherstellt, dass Normen in der Praxis angewendet werden und die Konformitätsbewertungssysteme ihre Arbeit transparent und zuverlässig erledigen.


Welten wachsen zusammen, Aufgaben ändern sich: Raus aus dem Trott, rein in die Zukunft

Ein aktuelles Beispiel für Themen, mit denen sich das MSB immer wieder auseinandersetzt, ist die Energietransformation. Aktuell geht es um die Virtualisierung der Stromnetze mittels der in der Automatisierung schon etablierten Digital Twins. „Damit lassen sich Effizienz, Sicherheit und Verfügbarkeit von Energienetzen deutlich steigern,“ so Bölke. Die Frage ist, welche Normen diese Technologie begleiten müssen, damit Lösungen standardisiert und effizient skaliert werden können.

Technologiefelder integrieren, Know-how-Vorsprung nutzen

Generell sei zu beobachten, dass IT und OT, also operativ eingesetzte Kombinationen aus Hardware und Software in der Industrie, der Energietechnik oder in Gebäuden immer enger zusammenwachsen. Daraus resultiert eine neue Rolle der Elektrotechnik, es entstehen neue Geschäftsmodelle, die Marktlandschaft gerät in Bewegung. Um in Zukunft zu bestehen und relevant zu bleiben, müsse die IEC diese Entwicklung gestalten und angrenzende Technologiefelder integrieren.

Vor allem durch den KI-Boom sei klar, dass IT zukünftig alle operativen Technologien beeinflusst. Automation und industrielle Produktion beispielsweise seien für die KI ein großer zukünftiger Markt. „Fakt ist aber auch, dass Prozesstechnologien in der Industrieautomation schon extrem weit automatisiert und digitalisiert sind. Diesen Know-how-Vorsprung haben wir in Europa, vor allem auch in Deutschland, und den müssen wir nutzen.“

Tempo, Tempo, Tempo: Die Welt dreht sich schneller, die IEC auch

Neben den inhaltlichen Umbrüchen ist die Schnelligkeit der technologischen Entwicklung eine Herausforderung, der sich alle stellen müssen – auch die Normungswelt. Bölke bringt auf den Punkt, was geschieht, wenn die IEC nicht Schritt hält und sich entsprechend weiterentwickelt. „Wenn Geschäftsmodelle im großen Stil die Normung überholen, sind wir da, wo wir einmal hergekommen sind: in einer Welt, in der wir uns als Verbraucherinnen und Verbraucher nicht auf die Sicherheit von Produkten verlassen können.“

„Jetzt können wir, also sollten wir es auch tun.“

Schon jetzt sei spürbar, dass sich die Dinge bewegen. So wurden früher für ein White Paper im MSB sehr viele längere Runden gedreht, nun ist es spätestens nach einigen Monaten finalisiert. Ähnliches ist auch bei der Entwicklung von Normen durch die Smart-Standards-Initiative angestoßen, so dass viele Schritte in die richtige Richtung weisen. Es stehen gigantische Rechenleistungen zur Verfügung, die, richtig genutzt, Prozesse beschleunigen können. „Wir haben früher oft gesagt, wenn man könnte, dann könnte man ... Jetzt können wir, also sollten wir es auch tun.“

Nicht in Schockstarre verfallen, sondern anpacken

Dabei blickt Bölke optimistisch in die Zukunft, sowohl mit Blick auf die Rolle der IEC als auch mit Blick auf die Bedeutung von Deutschland und Europa in der Normungs- und Technologiewelt von morgen. „Wir sind tief im Engineering, wir haben tiefes Know-how zum Einsatz strukturierter Daten, und wir sind führend in Smart und Advanced Manufacturing. Wir sollten nicht in Schockstarre verfallen, sondern die Themen in den Fokus nehmen, anpacken und erfolgreich damit sein.“

Darin liege auch eine Verantwortung für die weitere Entwicklung von Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz „Wir brauchen KI für eine effektive Normung, und wir brauchen KI-Governance, damit nicht in der Industrie der gleiche Unfug entsteht, den wir auf anderen Gebieten sehen. KI-Governance ist als Thema für die Normung extrem wichtig, es geht am Ende um die Sicherheit von Mensch und Technik.“

Die Bedeutung von Normen und Standards hochhalten

Um dies zu tun, brauche es eine lebendige Normungswelt, weshalb Bölke der Arbeit der nationalen Normungsorganisationen eine hohe Bedeutung beimisst. Nur, wenn die DKE und ihre Pendants in anderen Ländern in Nachwuchsarbeit investieren und Konzerne sowie kleine und mittelständische Unternehmen für ein Engagement gewinnen, sei es möglich, verschiedene Perspektiven einzubringen und neue technologische Entwicklungen zum Nutzen aller zu begleiten. „Aus deutscher Sicht ist es zentral, die Bedeutung von Normen und Standards weiterhin hochzuhalten und die Normungsarbeit zu modernisieren – das können wir, wenn wir es wollen.“


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Gemeinsam in die Zukunft: Zusammenarbeit leben, der Gesellschaft etwas geben

Die IEC hat das Ziel, international gültige Normen zu schaffen und damit unter anderem eine skalierbare internationale Wertschöpfung zu fördern. Aktuell tendiert die Welt zwar zum Teil in Richtung Lagerbildung, aber in Unternehmen und Wirtschaft insgesamt sind internationale Zusammenarbeit und Teamgeist die zentralen Schlüssel für Wachstum. Bölke dazu: „Wir leben daher im MSB nach wie vor das Prinzip der offenen, gemeinsamen Arbeit an Themen, die wir für die IEC als zukunftsweisend erachten.“

„Es steckt viel Erfahrung darin“

Persönlich ist es dem Normungs- und Automatisierungsexperten wichtig, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. „Ich habe in über 35 Arbeitsjahren vieles erlebt, gelernt, erfahren. In der IEC sind ganz überwiegend jüngere Leute aktiv, die sich für die Erfahrungswerte und das Know-how älterer Experten interessieren. Und daraus entsteht eine sehr fruchtbare Zusammenarbeit, welche das IEC heute ebenfalls ausmacht.“

Redaktioneller Hinweis:

Wir bedanken uns bei Dr.-Ing. Matthias Bölke für seine inhaltliche Unterstützung.


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