These Nr. 1: Normung ist Demokratie in Reinkultur
Wenn wir uns anschauen, was das demokratische Grundprinzip bedeutet, so steht im Mittelpunkt der Wille der Mehrheit. Parteien formulieren im Sinne ihrer Wählerinnen und Wähler Interessen, werden dafür gewählt und treten meist in einer Koalition dafür ein, den Mehrheitswillen umzusetzen. Je knapper ein Wahlergebnis ausfällt, desto größer kann allerdings der Anteil der Menschen sein, die sich mit dessen Umsetzung nicht abgeholt sehen. Neben diesem Potenzial für Unzufriedenheit kann diese Art der Willensbildung auch mit einem Mangel an Kontinuität verbunden sein, wenn Koalitionen wechseln und Entscheidungen zurückgenommen werden.
Internationale Normung sorgt für Zusammenhalt
Nach einer langen Phase der Stabilität mehren sich in den letzten Jahren Wahlausgänge, die genau die oben genannten Probleme aufzeigen. Die internationale Normung kann bei der Lösung dieser Probleme nicht helfen, aber sie sorgt über alle geopolitischen Unsicherheiten und Widersprüche hinweg für Zusammenhalt. Ein zentraler Grund dafür ist das Konsensprinzip, für das im Gegensatz zur Demokratie nicht 51 % Zustimmung ausreichen, sondern eine Zwei-Drittel-Mehrheit oder oftmals sogar 100 % Akzeptanz angestrebt werden.
Das Ideal der Normung formuliert den Anspruch, dass alle relevanten Stakeholder zu einer Fragestellung gehört und abgeholt werden, um die Basis für eine gemeinsame Entscheidung zu schaffen. Über das Prinzip der Inclusiveness werden also nicht Partikularinteressen verfolgt, um Konzepte durchzubringen, sondern Expertinnen und Experten einigen sich gemeinsam auf eine Lösung, mit der alle leben können, was für eine sehr hohe Tragfähigkeit des erzielten Ergebnisses sorgt.
Der Weg zu 100 % Zustimmung
Der Weg dorthin sind Verhandlungen und Kompromisse. In Arbeitsgruppen werden so lange Argumente ausgetauscht, bis ein Dokument erarbeitet ist, mit dem alle – möglichst glücklich – leben können. Bei einer ersten Abstimmung werden Kommentare eingeholt, in dieser Phase kann eine Norm durchaus noch auf Ablehnung einzelner Länder stoßen. Durch die Einarbeitung der eingegangenen Kommentare entsteht eine neue Fassung, die idealerweise in einer zweiten Abstimmung verabschiedet werden kann. Ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Einigkeit erzielt, folgt eine zweite Kommentierungsphase mit anschließender Schlussabstimmung.
Das Wertvolle an diesem Prozess: Konkurrierende Industriekonzerne, KMUs, Verbraucherschützer, Klimaschutz-NGOs, Handwerk, Forschungsinstitute und andere Player sitzen an einem Tisch und legen ihre Expertise offen – im Vertrauen auf die Zusammenarbeit und im Wissen darum, dass der gemeinsam erarbeitete Kompromiss alle Sichtweisen abbildet und eine für alle gangbare Lösung bereitstellt.