Viele Daumen zeigen hoch zu Glühlampe
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12.02.2026 Kurzinformation

Konsens – ein Prinzip von gestern? Drei Thesen zur aktuellen Lage

100 Prozent Akzeptanz werden zwar nicht bei jeder Norm erreicht, doch sie sind das Ziel aller Beteiligten. Das ist der Kern des Konsensprinzips, das seit vielen Jahrzehnten in der elektrotechnischen Normung gilt und die Basis für die hohe Tragfähigkeit von Normen bildet.
Warum Normung daher zutiefst demokratisch ist, weshalb die Waage zwischen Schnelligkeit und Konsens dennoch neu austariert werden muss und wie der Weg aus der Komfortzone aussieht: drei Thesen zum Konsensprinzip von Christian Marian, Projektmanager International bei der DKE. Damit starten wir die Kommunikation zum Themenfeld Konsens anlässlich des IEC General Meetings im November 2026 in Hamburg – weitere Diskussionsbeiträge folgen.

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Christian Marian
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These Nr. 1: Normung ist Demokratie in Reinkultur

Wenn wir uns anschauen, was das demokratische Grundprinzip bedeutet, so steht im Mittelpunkt der Wille der Mehrheit. Parteien formulieren im Sinne ihrer Wählerinnen und Wähler Interessen, werden dafür gewählt und treten meist in einer Koalition dafür ein, den Mehrheitswillen umzusetzen. Je knapper ein Wahlergebnis ausfällt, desto größer kann allerdings der Anteil der Menschen sein, die sich mit dessen Umsetzung nicht abgeholt sehen. Neben diesem Potenzial für Unzufriedenheit kann diese Art der Willensbildung auch mit einem Mangel an Kontinuität verbunden sein, wenn Koalitionen wechseln und Entscheidungen zurückgenommen werden.

Internationale Normung sorgt für Zusammenhalt

Nach einer langen Phase der Stabilität mehren sich in den letzten Jahren Wahlausgänge, die genau die oben genannten Probleme aufzeigen. Die internationale Normung kann bei der Lösung dieser Probleme nicht helfen, aber sie sorgt über alle geopolitischen Unsicherheiten und Widersprüche hinweg für Zusammenhalt. Ein zentraler Grund dafür ist das Konsensprinzip, für das im Gegensatz zur Demokratie nicht 51 % Zustimmung ausreichen, sondern eine Zwei-Drittel-Mehrheit oder oftmals sogar 100 % Akzeptanz angestrebt werden. 

Das Ideal der Normung formuliert den Anspruch, dass alle relevanten Stakeholder zu einer Fragestellung gehört und abgeholt werden, um die Basis für eine gemeinsame Entscheidung zu schaffen. Über das Prinzip der Inclusiveness werden also nicht Partikularinteressen verfolgt, um Konzepte durchzubringen, sondern Expertinnen und Experten einigen sich gemeinsam auf eine Lösung, mit der alle leben können, was für eine sehr hohe Tragfähigkeit des erzielten Ergebnisses sorgt.

Der Weg zu 100 % Zustimmung

Der Weg dorthin sind Verhandlungen und Kompromisse. In Arbeitsgruppen werden so lange Argumente ausgetauscht, bis ein Dokument erarbeitet ist, mit dem alle – möglichst glücklich – leben können. Bei einer ersten Abstimmung werden Kommentare eingeholt, in dieser Phase kann eine Norm durchaus noch auf Ablehnung einzelner Länder stoßen. Durch die Einarbeitung der eingegangenen Kommentare entsteht eine neue Fassung, die idealerweise in einer zweiten Abstimmung verabschiedet werden kann. Ist zu diesem Zeitpunkt noch keine Einigkeit erzielt, folgt eine zweite Kommentierungsphase mit anschließender Schlussabstimmung.
Das Wertvolle an diesem Prozess: Konkurrierende Industriekonzerne, KMUs, Verbraucherschützer, Klimaschutz-NGOs, Handwerk, Forschungsinstitute und andere Player sitzen an einem Tisch und legen ihre Expertise offen – im Vertrauen auf die Zusammenarbeit und im Wissen darum, dass der gemeinsam erarbeitete Kompromiss alle Sichtweisen abbildet und eine für alle gangbare Lösung bereitstellt.


IEC General Meeting 2026

Die DKE fühlt sich geehrt, Gastgeberin des Jahresevents der internationalen elektrotechnischen Normung zu sein. Unter dem Titel "Global Development. Driven by Standards." werden im November 2026 rund 3.500 Gäste in Hamburg erwartet.

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These Nr. 2: Schnelligkeit und Konsens stehen im Widerspruch – noch

These 1 zeigt: Konsens braucht Abstimmungen, Niederlagen, Neufindungen und  Ausdauer. Konsens schafft Akzeptanz und braucht Zeit. Demgegenüber steht der technologische Wandel, der mit einem hohen Tempo voranschreitet. Eine Norm, die drei Jahre braucht, bis sie veröffentlicht wird, kann im schlechtesten Fall von der betreffenden Technologie schon dreimal überholt worden sein.

Dieses Spannungsfeld zwischen Konsens und Schnelligkeit ist uns bewusst, und wir diskutieren verschiedene Wege, es zu entschärfen. So arbeiten wir in verschiedenen Managementgremien daran, die Normung zu beschleunigen und zu flexibilisieren. Künstliche Intelligenz kann uns helfen, administrative Aufgaben zu reduzieren und Zeit für das Wesentliche zu schaffen. Mit dem Online Standards Development erleichtern wir die Kommentierungsphase, so dass das Konsolidieren der verschiedenen Rückmeldungen einfacher und schneller erfolgen kann – in Zukunft wohl auch KI-gestützt. Initiativen wie Smart Standards zielen darauf ab, in der Umsetzung von Normen für mehr Effizienz zu sorgen als mit der umständlichen Suche in PDFs, die 100 Seiten und mehr umfassen.
Außerdem arbeiten wir daran, agile und gleichzeitig verbindliche Dokumente zu schaffen, die der Industrie eine Orientierung geben, wohin sich eine Norm entwickelt. Diese Zwischenschritte haben zwar noch nicht alle Stufen der Konsensbildung durchlaufen, geben aber einen ausreichenden Anhalt für Hersteller, wohin die Reise geht, so dass sie sich Schritt für Schritt auf die Anforderungen vorbereiten können, die definiert werden. Am Ende steht ein fundiertes finales Dokument, das den Stand der Technik abbildet und für Hersteller umsetzbar ist. Im Idealfall sind 100 % Konsens erreicht, aber es kann auch Fälle geben, in denen eine einfache oder eine Zwei-Drittel-Mehrheit ausreichend sind.


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Alles rund um den Normungsprozess

Der Begriff „Norm" findet in vielen Lebensbereichen wieder: als soziale Norm, Rechts- oder Arbeitsnorm sowie im technischen Bereich als „anerkannte Regel der Technik". Normung beschreibt in dem Fall die Formulierung, Herausgabe und Anwendung von Regeln, Leitlinien oder auch Merkmalen durch eine anerkannte Organisation. Aber wie genau funktioniert der Normungsprozess eigentlich?

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These Nr. 3: Normung muss raus aus der Komfortzone

Wir alle wissen, dass der Weg zu einer Norm kein Kinderspiel ist und angesichts der technologischen Entwicklungen bereits für sich betrachtet denkbar komplex ist. Dennoch bewegen wir uns nicht im luftleeren Raum und dürfen nicht die Augen davor verschließen, dass wir unter Umständen auch unbekanntes Terrain betreten müssen. In Europa zum Beispiel tun wir dies mit den sogenannten harmonisierten Normen, die eine unterstützende Funktion haben für Rechtsakte. 

Was bedeutet das für uns? Zunächst müssen wir uns damit abfinden, dass Assessoren oder Consultants prüfen, ob unsere Norm die sogenannten „essential requirements“ erfüllt. Das Ganze meist nach einem langen Weg zum Konsens, den viele Expertinnen und Experten verhandelt haben, weshalb ein Veto durchaus die Gemüter erhitzen kann. 

Anders herum betrachtet, können wir daran aber auch erkennen, dass Normen durch diese zusätzliche Ebene eine höhere Relevanz und mehr Verbindlichkeit in der Umsetzung erlangen. Dies ist ein Momentum, das die Normung nicht torpediert, sondern im Gegensatz ihre Bedeutung noch unterstreicht. 

Um mit diesen neuen Dynamiken umzugehen, bietet es sich an, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich beispielsweise damit auseinanderzusetzen, Rechtstexte zu verstehen und korrekt anzuwenden. Wenn wir diese zusätzliche Expertise mitbringen oder uns in die Gremien holen, um frühzeitig die erforderlichen Aspekte einzubeziehen, lässt sich Frust vermeiden und unser aller Ziel schneller erreichen: eine konsensbasierte Norm, die für alle umsetzbar ist und noch mehr Gewicht hat als ohnehin schon.

Christian Marian, Projektmanager International DKE


Volltreffer an einer Wand mit einigen Darts
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Normung und Strategie: Gemeinsam Zukunft gestalten

Die Digitalisierung schreitet voran und die Welt wächst zusammen. Dem tragen wir Rechnung, indem wir unterschiedliche Stoßrichtungen ins Leben gerufen haben und wichtigen Zielvorhaben beiwohnen.

Unser Ziel ist es, die Normung weiterzuentwickeln und als Normungsorganisation unseren Beitrag in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik zu leisten.

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