- Datenmanagement entscheidet über den Erfolg smarter Energienetze.
- Internationale Normung ermöglicht Interoperabilität und Zusammenarbeit im Energiesystem.
- Innovative Themen wie digitale Zwillinge und CO₂‑neutrale Städte prägen die Zukunft der Energiebranche.
Smart Grid: Herausforderungen beim Erfassen und Auswerten von Daten meistern als oberste Priorität
Interview mit Pascal Terrien
e-Tech: Sie waren Anfang Januar auf der CES – welche Erkenntnisse haben Sie dort gewonnen?
Terrien: Ich durfte an einer Diskussionsrunde zum Thema Smart Communities und die Rolle von Normen beim Vorantreiben von Innovationen teilnehmen, die von Vimal Mahendru, dem Vorsitzenden des IEC Standardization Management Board (SMB), moderiert wurde.
CES ist eine große Fachmesse, deren Fokus hauptsächlich auf Konsumgütern liegt, aber auch hier ist Elektrizität das zentrale Thema. Künstliche Intelligenz ist überall; Roboter, autonome Fahrzeuge und Exoskelette – darüber sprechen alle. Es dreht sich alles um Elektrotechnologie und sauberen Strom. Es war eine großartige Messe und ich habe viel Neues erfahren!
e-Tech: Wie würden Sie die Arbeit des IEC System Committee Smart Energy (IEC SyC SE) beschreiben?
Terrien: Bei Smart Energy geht es um die Digitalisierung der Stromnetze und Stromübertragung, die vor zehn Jahren begann. IEC-Normen unterstützen das Smart Grid seit Jahren. Die IEC hat Datenmodelle, Interoperabilität und Kommunikation für das Netzmanagement entwickelt. Das Systemkomitee Smart Energy betrachtet das Stromnetz als ein System, das neben Strom auch Gas und Wärme mit einbezieht.
Für uns ist Koordination und Kooperation ein zentraler Bestandteil unserer Arbeit, sozusagen unsere „Raison d’Être“. Wir arbeiten mit IEC/TC 13, das Normen für Smart Meter entwickelt, IEC/TC 57, das Normen für das Smart Grid erstellt, IEC/TC 8, das sich mit Stromversorgung beschäftigt, IEC/TC 69, das sich mit dem Datenfluss für Elektrofahrzeuge befasst, und IEC/TC 23/SC 23K, das sich mit dem Energiemanagement von Gebäuden auseinandersetzt, um nur ein paar zu nennen.
Wir schauen, wo es Lücken im Hinblick auf Normen gibt und versuchen, Überschneidungen zu vermeiden. Die Werkzeuge dafür haben wir, wie zum Beispiel unseren Use-Case-Ansatz. Wir analysieren die Normen mit einem Smart-Grid-Architekturmodell. Unsere Smart Energy Roadmap ist online für alle zugänglich. Das ist das Radar für Smart-Energy-Normen!
Smart Grid: Intelligentes Stromnetz für die Energiewende
Smart Grids sind intelligente Stromnetze, die regelbasiert und automatisch für die Netzstabilität sorgen. Für das Gelingen der Energiewende sind sie deshalb unverzichtbar. Entsprechend hoch ist auch ihre Bedeutung in der Normung. Um die künftige Energieversorgung zu gewährleisten, arbeiten Expertinnen und Experten auf nationaler und internationaler Ebene eng zusammen.
e-Tech: Worauf wird Ihr Fokus in den kommenden Jahren liegen?
Terrien: Unsere oberste Priorität ist, die Herausforderungen bei Datenerfassung und -auswertung zu meistern. Es geht dabei um den Informationsfluss zwischen elektrischen Geräten und dem Stromnetz. Das letzte noch unerforschte Gebiet, auf das wir aktuell unseren Blick richten, ist die Frage, was da passiert, wo das Stromnetz aufhört, nach den Smart Metern, also die Interaktion mit den Endverbrauchern von Strom, seien es Elektrofahrzeuge oder Haushaltsgeräte. Der Endverbraucher soll konstant eingebunden sein. Zu diesem Thema wird es bald mehr Informationen geben.
Unsere Arbeit im Bereich Digitale Zwillinge, die von großartigen Leuten geleitet wird, ist ebenfalls Teil der Herausforderung, da sie die Interoperabilität von Daten verbessert. Wir möchten uns weiterhin auf Flexibilität und Resilienz im Stromnetz konzentrieren – ein weiteres wichtiges Thema. Wir haben letztes Jahr eine Gruppe eingerichtet, die sich mit diesen Themen auseinandersetzt. Im Zuge dessen hat sich gezeigt, dass viele IEC-Normen, die schon vor Jahren entwickelt wurden, auf einmal in den Mittelpunkt rücken. Wir müssen die Lücke zwischen Energieversorgern, Netz und Verbrauchern schließen, zum Beispiel mit der Art von Geräten oder Produkten, die wir auf der CES gesehen haben. Wir brauchen Normen, um den Datenfluss vom Stromnetz zu den Verbrauchergeräten sicherzustellen. Der Strom fließt, aber nicht die Daten!
e-Tech: Gibt es irgendwelche Veränderungen auf Ebene des Systemkomitees?
Terrien: Zunächst einmal müssen wir mehr kommunizieren. Ich lade die Leserschaft dazu ein, sich unsere Roadmap anzusehen und uns Feedback zu geben!
Außerdem haben wir einen neuen Aufgabenbereich für das Systemkomitee offiziell festgelegt: Inkubation. Wir haben viele neue Ideen und wir müssen prüfen, was wir tun können, was die Anforderungen an Normen sind, und wer die Aufgabe übernehmen kann! Intelligente Wasserkraft, Null-Energie- und Null-Emissions-Gebäude, Wechselrichter und intelligente Sensoren sind Themen, die aktuell Gegenstand von Inkubationsprozessen sind. Der Gedanke dahinter ist, schnell voranzukommen und diese neuen Bereiche so schnell wie möglich zu erforschen, um der Normungscommunity Antworten zu liefern. Wir müssen entscheiden, ob wir neue Arbeitsgruppen oder neue Technische Komitees brauchen oder ob sich die bestehenden Technischen Komitees mit diesen Themen auseinandersetzen können.
e-Tech: Was sind die größten Herausforderungen für das Systemkomitee?
Terrien: Ressourcen, Ressourcen und Ressourcen! Wir haben viele aktive Expert*innen, aber wir brauchen mehr, genauso wie aktive Kooperationen. Wir brauchen beispielsweise Fachleute zum Thema Null-Emissions-Gebäude. Am Ende unserer Plenarsitzungen sagen wir immer: „Helfen Sie uns, Ihnen zu helfen!“ Das Systemkomitee wurde gegründet, um die Zusammenarbeit zwischen Komitees zu fördern. Und wir brauchen alle Expert*innen, die wir bekommen können!
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e-Tech: Arbeiten Sie mit dem Systemkomitee Smart Cities zusammen, das bald Teil von ISO/IEC JTC 4 sein wird?
Terrien: Ich habe JTC 4 mit ins Leben gerufen; ich war Co-Convenor der Taskforce, die zu seiner Gründung geführt hat. Meiner Meinung nach ist das ein wichtiger Schritt nach vorne. Strom ist die Lösung zur Bekämpfung des Klimawandels. Städte verursachen 80 Prozent der Kohlendioxidemissionen, und wir haben nicht viel Zeit, um das Ziel von Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Das bedeutet, wir müssen mit den Verantwortlichen von Städten, lokalen Behörden, Bügermeister:innen sowie Unternehmen, und dabei nicht nur solchen, die mit Strom zu tun haben, sondern auch mit Unternehmen, die mit Abfall, Wasser, öffentlichen Verkehrsmitteln etc. zu tun haben, zusammenarbeiten.
Wir befassen uns mit dem Thema Positive Energy Districts (PEDs), also CO2-neutralen Stadtvierteln. Das ist ein sehr spannendes Thema, aber auch ein sehr komplexes. In einem Stadtviertel gibt es Anforderungen an die Mobilität, erneuerbare Stromerzeugung, Energieaustausch, intelligente Gebäude, um nur ein paar zu nennen. Wir brauchen ein Dashboard, das uns sagt, wie viel Energie erzeugt und wie viel Energie verbraucht wird. Außerdem müssen wir Daten sammeln, um die Bewohner:innen des Stadtviertels zu informieren und wir müssen Möglichkeiten finden, sie einzubeziehen. Von Smart Metern erfasste Daten sind sehr wichtig. Das Potenzial, Stadtviertel energiepositiv zu machen, ist da, aber leicht ist die Aufgabe nicht. Wir arbeiten mit Michael Mulquin, Vorsitzender des Systemkomitees Smart Cities, an diesen Themen.
e-Tech: Was sind die Unterschiede zwischen SyC SE und dem IEC-Systemkomitee Sustainable Electrified Transportation (SyC SET)? Es scheint gewisse Überschneidungen zu geben …
Terrien: Dem stimme ich zu. Wir hatten eine Diskussion im SMB, in der es darum ging, was die beiden Systemkomitees tun. Eine gute Koordination zwischen den beiden Komitees ist sehr wichtig, da wir gemeinsame Interessensgebiete im Hinblick auf Laden und Flexibilität der Einspeisung von Strom aus Fahrzeugen in das Netz haben.
2025 hat SyC Smart Energy IEC SRD 63460 veröffentlicht. Bei diesem sog. Systems Reference Deliverable handelt es sich um einen Bericht, der untersucht, wie Elektrofahrzeuge als dezentrale Energiequellen (DER) agieren können (bzw. müssen), wenn sie mit dem Stromnetz verbunden sind. Das SyC SET hat noch nicht existiert, als wir mit der Arbeit an dem SRD begonnen haben. Aber mit entsprechender Koordination ist es einfach, zu entscheiden, wer was machen wird. Das SyC SET befasst sich mit vielen Arten von Elektrofahrzeugen, darunter Autos, öffentliche Verkehrsmittel wie Busse, aber auch mit Drohnen, warum auch nicht. Eine zentrale Frage ist, wie sich die Entwicklung von (sauberen) Elektrofahrzeugen beschleunigen lässt.
e-Tech: Wie schalten Sie ab?
Terrien: Mit meiner wunderbaren Frau, ich liebe es, zu reisen, Museen zu besuchen, etwas über die Geschichte unterschiedlicher Kulturen zu erfahren. Ich liebe es, Menschen aus aller Welt zu treffen, was auch einer der Gründe ist, warum ich so gerne für die IEC arbeite. Und während ich abschalte, ist es wichtig, dass wir alle unsere Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen anschalten!
Redaktioneller Hinweis:
Der englischsprachige Originalartikel von Catherine Bischofberger erschien erstmals auf etech.iec.ch in der Ausgabe 01/2026 unter:
https://etech.iec.ch/issue/2026-01/meeting-the-data-challenge-is-our-top-priority
Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen des Interviewpartners und müssen nicht mit denen der DKE übereinstimmen.
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