DKE: Was sind die größten Vorteile von SMART Solutions for Standards? Und unterscheiden sich die Vorteile für hochindustrialisierte Länder und Schwellenländer?
Pernel: Die Vorteile sind im Wesentlichen überall dieselben: mehr Klarheit, einheitlichere Verwendung und bessere Integration in digitale Arbeitsprozesse. Der Unterschied besteht darin, wie die Vorteile genutzt werden. In hochindustrialisierten Volkswirtschaften ist die direkte Folge häufig mehr Effizienz und Innovation. Normen können direkt in Engineering Tools, Compliance-Systeme und automatisierte Testumgebungen integriert werden. Das hebt Geschwindigkeit und Präzision auf ein ganz neues Level. Wir sprechen oft über digitale Zwillinge – ein SMART-Ansatz für Normen trägt wesentlich dazu bei, da er es Systemen ermöglicht, Normen direkt umzusetzen.
Aus meiner Zeit in der Telekommunikationsbranche weiß ich noch, wie viel Zeit wir damit verbracht haben, in 3GPP-Normen manuell nach Werten zu suchen. Anstatt dass Techniker*innen Stunden damit verbringen, hunderte von Seiten zu durchforsten, können Systeme genau die benötigten Parameter unmittelbar abrufen.
Lazarte: Außerdem kann SMART eine Hürde beseitigen, die in Schwellen- und Industrieländern sehr unterschiedlich ist: die Nutzbarkeit. Die Navigation bei Normen ist nicht immer einfach, was die Akzeptanz bremsen kann. Wenn SMART dafür sorgt, dass Normen leichter zugänglich, zu durchsuchen und zu verstehen sind, dann kann sich die Beteiligung deutlich erhöhen. Selbst in hochindustrialisierten Ländern gibt es viele verschiedene Nutzergruppen – von multinationalen Unternehmen mit fortschrittlichen digitalen Arbeitsprozessen bis hin zu kleinen und mittelständischen Unternehmen, die einfachere, intuitivere Werkzeuge benötigen.
Pernel: Deshalb sprechen wir von unterschiedlichen Ansatzpunkten. SMART bedeutet nicht ab dem ersten Tag dasselbe für alle. Einige Nutzergruppen wünschen eine vollständige Integration via APIs. Andere benötigen lediglich eine bessere Vorgehensweise für den Zugriff auf und die Erfassung von Informationen. Beide haben ihre Berechtigung. SMART erweist sich nicht nur in diesen Anwendungsfällen als nützlich, sondern in vielen weiteren.
DKE: Das klingt nach einer wichtigen Botschaft an die IEC-Community: Niemand muss an demselben Punkt ansetzen.
Lazarte: Genau. Nutzende haben sehr unterschiedliche Wissensstände, Ressourcen und Erwartungen. Manche benötigen erweiterte Funktionen, andere brauchen Klarheit und Einfachheit. Man muss nicht wissen, wie ein Computer funktioniert, um ihn zu nutzen und um zu verstehen, warum er dein Leben verbessert. Einige Nutzende müssen wissen, wie er funktioniert, aber für die Mehrheit von uns zählt nur, was er kann. SMART muss all das berücksichtigen.
Pernel: Integration ist nichts, was man später hinzufügt – sie muss von Anfang an Teil der Gestaltung sein. SMART wird als gemeinsames Programm von IEC und ISO entwickelt. Von Beginn an bestand die Herausforderung darin, sehr unterschiedliche Bedürfnisse zu reflektieren. Nicht jeder braucht erweiterte Funktionalität. Manche Nutzergruppen benötigen sehr praktische Werkzeuge, um Informationen einfacher zu finden und zu nutzen. Diese Diversität ist durch Advisory Groups und entsprechende Anwendungsfälle im Programm berücksichtigt.
Lazarte: Auch deshalb muss deutlich gemacht werden, dass SMART nicht als einzelnes Produkt anzusehen ist. Es handelt sich um ein Programm und einen erweiterten Ansatz, um Normen flexibel ins digitale Zeitalter zu überführen, wodurch mehrere Lösungen ermöglicht werden, die an unterschiedliche Bedürfnisse angepasst werden können.
DKE: Sie betonen Nutzung und Zugang. Aber verändert SMART auch wie Normen entwickelt werden?
Pernel: Ja und nein, und das ist der nächste große Schritt. Bisher lag der Fokus darauf, bereits existierende Normen zu ändern. Aber nun kommen wir an den Punkt, den wir „SMART from the Start” nennen, also die Integration von SMART-Funktionen schon während der Entwicklung von Normen. Das ist gar nicht so einfach, da Normen im Rahmen von strukturierten Verfahren entwickelt werden, die technische Komitees und mehrere Phasen involvieren. Wir müssen festlegen, wo und wie diese neuen Anforderungen in den Prozess integriert werden können, ohne dass sie eine zusätzliche Belastung für die Expert*innen darstellen. Daran wird aktuell gearbeitet. Die Normen selbst werden sich nicht ändern, und auch nicht der hohe Standard bei ihrer Entwicklung.
Lazarte: Das zeigt, dass es nicht nur um die Nutzung geht. Mit der Zeit wird SMART sämtliche Prozessschritte von der Normenentwicklung bis zur Anwendung betreffen. Es handelt sich um eine langfristige Transformation.