- Konformitätsbewertung entscheidet darüber, ob Normen im Markt tatsächlich greifen.
- Zwischen globalen Anforderungen und nationalen Regelwerken entsteht ein komplexes Spannungsfeld.
- Richtig eingesetzt wird Konformitätsbewertung zu einem relevanten Treiber für Qualität und Unternehmenserfolg.
Quo vadis, Konformitätsbewertung?
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Dinge verknüpfen, die auf den ersten Blick nicht zusammen gehören
DKE: Raymond, neben Deiner Tätigkeit als Alternate Member im IEC Conformity Assessment Board (IEC CAB) bist Du Convener der IEC/CAB WG 14 „Promotion & Marketing“ und Mitglied in sieben weiteren Arbeitsgruppen der IEC zum Thema Konformitätsbewertung. Vorsichtig gesagt, sind da ziemlich viele Bälle in der Luft. Wie geht es Dir damit?
Raymond: Das ist eine sehr fürsorgliche Frage (lacht, Anm. d. Red.). Der Ursprung für die vielen Bälle bin vermutlich ich selbst, denn die Antwort auf die Frage liegt ein bisschen weiter zurück. Mich hat schon im Rahmen meiner Abschlussarbeit 2008 fasziniert, wie viel Wirkung entsteht, wenn man Dinge miteinander verknüpft, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.
Das bedeutet, bezogen auf Deine Frage: Ja, es sind viele Bälle in der Luft, aber sie sind miteinander verknüpft. Auch wenn es nicht immer offensichtlich ist, geht es im Kern um die gleiche Thematik: Konformitätsbewertung sinnvoll in die Praxis zu bringen und ihren Nutzen sichtbar zu machen.
DKE: Also alles im Fluss, und die dahinterliegende Verantwortung lässt sich gut stemmen?
Raymond: Ich breche die Dinge im Alltag auf ein überschaubares Niveau herunter und kann tatsächlich gut damit umgehen. Natürlich hinterfrage ich auch, ob ich das, was auf mich einprasselt, mit der gebotenen Sorgfaltspflicht verarbeite und die Leistung bringe, die von mir erwartet wird.
Das Conformity Assessment Board: Eine Grafik auf der Tonspur
DKE: Für die, die sich mit dem Thema noch nicht intensiv befasst haben: Wie ist das IEC Conformity Assessment Board aufgestellt, welche Arbeit wird dort und in den dazugehörigen Arbeitsgruppen erledigt?
Raymond: Das könnte man mit einer Grafik vermutlich einfacher erledigen, aber ich versuche es auf der Tonspur (schmunzelt, Anm. d. Red.). Das IEC Conformity Assessment Board ist ein strategisches Steuerungsgremium für Konformitätsbewertung innerhalb der IEC. Es sorgt dafür, dass die verschiedenen Konformitätsbewertungssysteme nicht in unterschiedliche Richtungen laufen, sondern nach gemeinsamen Prinzipien arbeiten.
In den Working Groups, Task Forces und Adhoc Groups wird es konkreter, da arbeiten wir an Digitalisierung, neuen Services oder der Frage, wie man Konformitätsbewertung verständlicher macht. Ziel ist am Ende immer, dass die Systeme nicht nur funktionieren, sondern auch im Markt ankommen.
Neue Ansätze entstehen, wenn bestehende Muster geknackt werden
DKE: Schauen wir auf Deine Funktionen innerhalb des IEC CAB: Was sind Deine zentralen Aufgaben, wofür bist Du verantwortlich?
Raymond: Du meinst sicher die ganzen Bälle, die vorhin im Spiel waren (lacht, Anm. d. Red.). Im Board arbeite ich an Strategy- und Policy-Themen und sehe meine Rolle darin, eine strategische Sichtweise einzubringen. Als Convener der WG 14 beschäftige ich mich auf übergeordneter Ebene zudem damit, wie wir Konformitätsbewertung positionieren und über de Systeme hinweg transparent und konsistent vermitteln. Da spielt Kreativät eine wichtige Rolle, weil neue Ansätze nur entstehen können, wenn ich bereit bin, bestehende Muster zu durchbrechen.
Sehr gute Beispiele dafür sind das Mehrwertmodell zu SMART Standards und das IDIS White Paper 3, die den betriebswirtschaftlichen Nutzen aus SMART Standards für Unternehmen konkret benennen. Diese Beiträge sind in Deutschland initiiert worden, haben aber als Impulse international einen entsprechenden Impact.
DKE: Und wie läuft die Zusammenarbeit mit Heribert Schorn im CAB?
Raymond: Eine enge Zusammenarbeit mit Heribert Schorn ist unabdingbar. Er ist CAB Member und wir stimmen sehr genau miteinander ab, wie wir Deutschland dort mit einer Stimme vertreten.
Hohe Akzeptanz, uneinheitliche Lage
DKE: Konformitätsbewertung bedeutet, dass ein Unternehmen Prozesse oder Produkte auf den Prüfstand stellt. Das Unternehmen selbst, ein Geschäftspartner oder eine externe Drittstelle ermittelt, ob zum Beispiel die Anforderungen einer Norm erfüllt werden. Eine erfolgreiche Konformitätsbewertung schafft unter anderem Vertrauen am Markt, Rechtssicherheit und betriebswirtschaftliche Planbarkeit. Eigentlich eine klare Sache – wie steht es denn um die Akzeptanz der Konformitätsbewertung weltweit?
Raymond: Die Akzeptanz ist in vielen Bereichen hoch, vor allem dort, wo etablierte Systeme existieren. Gleichzeitig ist die Lage recht uneinheitlich, denn wir haben verschiedene Ebenen zu betrachten: die nationale Ebene, die europäische, stark einregulierte Ebene und die internationale Ebene. Wir haben unterschiedliche Märkte und Regelmechanismen, also teilweise auch eigene nationale Bereitstellungsgesetze, die nicht automatisch auf die international anwendbaren Konformitätsbewertungssysteme der IEC referenzieren.
Damit landen wir bei der WTO (World Trade Organization, Anm. d. Red.) und dem TBT-Abkommen (Technical Barriers to Trade, Anm.d.Red.), das dafür sorgen soll, dass gesetzliche Vorgaben nicht zu Handelsbarrieren werden. Da gilt es immer die Balance zu finden: Wo sind Lücken in der nationalen Gesetzgebung, zum Beispiel in einem Land, das in einem bilateralen Abkommen mit einem anderen Land steht? An den Listungen von Produkten, die mit Handelseinschränkungen belegt sind, wird ersichtlich, wo die Konformitätsbewertung nicht umgesetzt oder gelebt wird.
Vom Bremsklotz zum Enabler für Unternehmenserfolg
DKE: Ein fehlendes Commitment zu einer international anerkannten Konformitätsbewertung sorgt also mehr oder weniger unfreiwillig für Handelsbarrieren?
Raymond: Genauso ist es, und diese Tatsache steht der Wahrnehmung gegenüber, dass Konformitätsbewertung oftmals als lästige Pflicht und als Bremsklotz gesehen wird. Das ist aber ein Anwendungsproblem und nicht eines der Regulierung. Wenn ich Konformitätsbewertung als Checkliste am Ende des Entwicklungs- und Fertigungsprozesses für ein Produkt wahrnehme, dann ist sie nur Bürokratie und kommt einer Verifizierung gleich. Richtig eingesetzt, als integraler Bestandteil von Unternehmensprozessen, ist sie ein Enabler für Qualität und Effizienz und damit für den Unternehmenserfolg.
Es ist immer eine Frage der Balance. Wir sprechen viel über Geschwindigkeit und digital nutzbare Normen. Wir müssen aber auch prüfen, wie schnell der Markt all das überhaupt umsetzen kann. Die Prozessumstellungen in der Industrie für die Normenanwendung in Produkten sind komplex und betreffen die gesamte Organisation bis zur kleinsten Einheit. Zu viel Dynamik führt zu Instabilität, was sich am Markt in Qualitätseinbußen zeigen kann.
Quo vadis, Konformitätsbewertung: Interview mit Raymond Puppan
Raymond Puppan spricht über die Grundlagen der Konformitätsbewertung, zentrale Herausforderungen und erläutert, warum Messbarkeit integraler Bestandteil seiner Zukunftsvision für die Normung und die Konformitätsbewertung ist.
- Welche Arbeit wird im IEC CAB und den Arbeitsgruppen erledigt?
- Wie steht es um die weltweite Akzeptanz der Konformitätsbewertung?
- Was sind die Konsequenzen einer nicht umgesetzten Konformitätsbewertung?
Der Unterschied zwischen Sogwirkung und Druck
DKE: Ähnlich geht es der internationalen Normung generell: Sie ist zentrale Voraussetzung für den internationalen Handel, wird durchaus aber auch als Pflicht wahrgenommen. Zudem steht die IEC ebenfalls unter dem Druck, das Tempo der aktuellen technologischen Entwicklungen mitzugehen und ihre Relevanz in Zukunft zu erhalten. Welche Bedeutung hat in diesem Kontext die Konfomitätsbewertung, und welche Herausforderungen entstehen aus der drohenden Qualitätserosion?
Raymond: Es gibt Sogwirkung, und es gibt Druck. Es bringt aus meiner Sicht nichts, die Normungsprozesse unter Druck zu beschleunigen, wenn der Markt nicht so weit ist. Und umgekehrt braucht der Markt an manchen Stellen Normen, und sie sind noch nicht da. Eine der großen Herausforderungen besteht in der sauberen Synchronisierung zwischen Normung und Konformitätsbewertung in der Praxis, wenn man sie sinnbildlich als Normennutzungsprozess versteht. Das ist auf IEC-Ebene und auf europäischer Ebene ein Balanceakt.
Die Balance zwischen gut investierter Zeit und zu viel Vorsicht
DKE: Hast Du ein Beispiel dafür, wo aktuell daran gearbeitet wird, um mögliche Lücken in der Normung, aber auch zwischen Normung und Konformitätsbewertung zu schließen?
Raymond: Es gibt im europäischen regulierten Bereich zum Beispiel die Anforderungen aus dem Cyber Resilience Act oder aus dem AI Act. Dort brauchen wir qualifizierte Normen, die umsetzbar sind. Gerade im Bezug auf Produkte, bei denen wir vertikale Produktrechtsakte haben, also die CE-Kennzeichnung, die beispielsweise auch KI beinhalten. Diese Mischung muss in den Prozess integriert werden, und wir brauchen Normen, die darauf einzahlen. Nur dann kann der Ablauf der Konformitätsbewertung, also der Ablauf zur Bewertung eines Produkts, vollständig, richtig und aktuell sein.
DKE: Oft hört man im Kontext rund um KI, es ginge alles viel zu langsam. Gleichzeitig verstärkt sich der Eindruck, der KI-Hype habe Dellen bekommen, weil Vertrauen verspielt wurde. Kann es sein, dass die Herangehensweise, sich Zeit zu nehmen, sich langsam bewahrheitet?
Raymond: Definitiv. Jede neue Technologie hat zuerst eine große Faszination, und dann kommt so etwas wie die große Ernüchterung, denn die Praxis zeigt auf, wo Handlungsbedarf besteht. Es ist daher sehr wichtig, die Entwicklung zu flankieren, und das braucht Zeit. Gleichzeitig laufen wir manchmal Gefahr, zu vorsichtig zu agieren – auch das ist wieder ein Balanceakt, den wir im Einschleifprozess brauchen, um danach wieder auf sicheres Terrain zu gelangen, auf dem wir dann alle am Markt harmonisiert und damit abgestimmt agieren können.
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Prozessorientierte Qualitätsinfrastruktur dank Digitalisierung
DKE: Schauen wir vom großen Bild auf Deinen persönlichen Handlungsspielraum: Welche Ziele hast Du Dir gesetzt, und welche Hebel siehst Du, um sie zu erreichen?
Raymond: Ein zentraler Punkt ist für mich, eine stärkere Verzahnung der Systeme zu erreichen, nicht nur organisatorisch, sondern auch im Sinne einer funktionierenden Qualitätsinfrastruktur. Konformitätsbewertung funktioniert nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit Normung, Regulierung und Marktanforderungen. Mein Ziel ist es, diese Elemente stärker zusammenzudenken und konsistenter über die einzelnen Systeme hinweg auszurichten. Dazu möchte ich mich intensiv einbringen, denn alleine kann ich das natürlich nicht bewerkstelligen.
Als Hebel für die Umsetzung sehe ich die Digitalisierung: Wenn wir Anforderungen, Prozesse und Nachweise digital verfügbar und nutzbar machen, entsteht erst die Möglichkeit, die Konformitätsbewertung entlang der Wertschöpfungskette zu integrieren – besser als je zuvor. So können wir uns weg von punktuellen Prüfungen bewegen hin zu einer durchgängigen, prozessorientierten Qualitätsinfrastruktur.
Im Spannungsfeld zwischen Tagesgeschäft und Zukunft
DKE: Da Du die WG 14, Promotion und Marketing, als Convener leitest: Gibt es bezüglich Darstellung in der Öffentlichkeit bereits konkrete Ansätze, all diese Themen noch besser an den Markt zu bringen?
Puppan: Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Aufklärung über alle möglichen Wege weiter ausgebaut wird. In der DKE haben wir 2024 eine sehr intensive Kampagne zur Konformitätsbewertung ins Leben gerufen, mit Interviews, Fachbeiträgen und Videos, alles miteinander vernetzt. Das ist auf internationaler Ebene ein gutes Beispiel, das andere Länder aufgreifen können. Gleichermaßen können wir alle daran arbeiten, die Wahrnehmung zu verbessern und der Konformitätsbewertung noch mehr in die Anwendung zu verhelfen.
Was wir zudem mitdenken müssen, sind die geopolitischen Entwicklungen, die entscheidend dafür sind, wie Konformitätsbewertung in einzelnen Märkten umgesetzt werden kann. Darauf sollten wir ein wachsames Auge haben und dennoch jenseits des Tagesgeschäfts die Zukunft im Blick behalten.
Mehrwert messbar machen – auch auf dem IEC General Meeting
DKE: Jetzt noch ein Blick nach vorn: Welche Vision hast Du für die IEC und die Konformitätsbewertung, wenn Du fünf bis zehn Jahre in die Zukunft denkst?
Puppan: Meine Vision baut stark auf einem Thema auf, das ich in den letzten Jahren verfolgt habe. Der Überbegriff lautet Messbarkeit. Wir müssen viel besser verstehen und aufzeigen können, welchen konkreten Mehrwert Normen schaffen, etwa für Sicherheit, Nachhaltigkeit oder Effizienz. Es gibt erste Ansätze dazu mit den bereits erwähnten IDIS White Papers oder dem Smart Standards-Mehrwertmodell. Dort wird sichtbar gemacht, wie Normen auf Prozesse, Organisationen und Produkte wirken. Entscheidend ist, dass diese Wirkung erst entsteht, wenn Normen in reale Nutzungsprozesse überführt werden – also faktisch durch Konformitätsbewertung entlang der kompletten Wertschöpfung.
Im November beim IEC General Meeting in Hamburg werden wir dazu einen weiteren Schritt machen und zeigen, wie sich diese Wirkung in Zahlen abbilden und nachvollziehen lässt. Das heißt, wir gehen dahin, die Wirkung von Normen besser zu verstehen und dieses Wissen gezielt zu nutzen. Das ist meine Vision, und das braucht durchaus Zeit.
DKE: Raymond, vielen Dank für das spannende Gespräch.
Wir bedanken uns für dieses Interview bei
Redaktioneller Hinweis:
Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen des Interviewpartners und müssen nicht denen der DKE entsprechen.
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