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13.04.2022 Fachinformation

Den Wandel zur Förderung der Gleichstellung von Frauen vollziehen

Frauen setzen sich bei einem Autounfall höheren Risiken aus, verletzt oder getötet zu werden. Der Grund ist einfach: Crashtest-Dummies werden anhand der männlichen Anatomie gebaut. Gleichzeitig fließt das Gender-Thema bislang nur wenig in die Normungsarbeit ein.

Lynne Gibbens spricht im Interview mit e-Tech über die Aktivitäten des Standards Council of Canada, um Geschlechtergerechtigkeit in der Normung zu erreichen.

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Von Catherine Bischofberger

Lynne Gibbens spricht mit e-tech darüber, wie das Canadian National Committee Geschlechterdiversität („Gender Diversity“) in den Mittelpunkt seiner Strategie gestellt hat und wie auch die IEC Fortschritte in diesem Bereich macht.

Gibbens ist Manager of International Standards Development des Standards Council of Canada (SCC) der IEC. Zudem ist sie National Secretary des Canadian National Committee der IEC (CANC/IEC) und Mitglied des Managementausschusses für Normung der IEC (SMB).

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Interview mit Lynne Gibbens

e-Tech: 2020 hat der SCC den Bericht „When One Size Does Not Protect All: Understanding Why Gender Matters for Standardization” veröffentlicht und dabei Daten aus 106 Ländern genutzt. Der Bericht befasst sich mit den Auswirkungen des Geschlechts auf die Normung. Was hat den SCC dazu veranlasst, eine solche Studie durchzuführen?

Gibbens: 2019 hat der SCC die Declaration for Gender Responsive Standards der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) unterzeichnet. Die Erklärung wurde von vielen führenden Organisationen in der Normung weltweit unterzeichnet, inklusive der IEC. Als Teil dieser Verpflichtung hat der SCC eine 5-Jahres-Strategie erstellt, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Normung zu verbessern. Um einen positiven Wandel zu erreichen, müssen wir zunächst genau verstehen, welche Implikationen sich für Frauen aus der Normung ergeben haben. Es fehlt an Literatur zu diesem Thema, was häufig als eine der Herausforderungen hervorgehoben wird. Deshalb wurde die Durchführung der Studie zu einem wesentlichen Ziel der 5-Jahres-Strategie des SCC. Ich bin stolz, sagen zu können, dass unsere Studie maßgeblich dazu beigetragen hat, die Argumente für die Notwendigkeit eines Wandels zu untermauern und uns in die Lage versetzt hat, den diesbezüglichen Fortschritt zu messen und zu verfolgen.

e-Tech: Was hat der SCC seitdem zur Verbesserung der durch die Studie aufgezeigten Situation – zum Beispiel, dass Normen häufig Frauen nicht im gleichen Maße schützen wie Männer – getan?

Gibbens: Intern ist eines unserer Ziele, den Anteil kanadischer Frauen in den Technischen Komitees zu erhöhen. Wir haben eine interne Arbeitsgruppe gebildet, um einen Aktionsplan für Gleichstellung und Inklusion zu erarbeiten und bei der Entwicklung von Normen umzusetzen.

Eine große Herausforderung bei der Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit ist das fehlende Bewusstsein dafür, dass es überhaupt ein Thema ist. Die IEC und ISO haben eine Umfrage unter den Vorsitzenden der Technischen Komitees zum Thema Gender durchgeführt und nur 25 Prozent gaben an, dass das Thema „Gender“ eine Rolle in ihrer Arbeit spielt.

Wir nutzen Vorträge bei unseren Partnern, um das Bewusstsein dafür zu stärken, welchen Nutzen geschlechtergerechte Normen für die Bewältigung sozioökonomischer Probleme, für ein gestärktes Hervorgehen aus der Pandemie und für die Unterstützung von Unternehmen beim Aufbau eines nachhaltigen Talentpools für die Zukunft haben würden. Wir gründen unsere Argumente auf Daten und Fakten, die belegen, dass ein Ansatz, der auf der Gleichstellung der Geschlechter basiert, für die Lebensqualität aller von Vorteil ist, inklusive Männer, Unternehmen, nationale und internationale Wirtschaft und unterrepräsentierte Gruppen.

Auf nationaler Ebene unterstützt der SCC die sog. „50-30 Challenge“ der kanadischen Regierung. Die Initiative fordert Organisationen auf, in ihren Vorständen und ihrem oberen Management eine Geschlechterparität von 50 Prozent anzustreben sowie dafür zu sorgen, dass 30 Prozent der Mitglieder in Vorständen und dem oberen Management aus unterrepräsentierten Gruppen stammen. Der SCC war für die Erarbeitung einer öffentlich verfügbaren Spezifikation (en: Publicly Available Specification, PAS) verantwortlich, die es Organisationen ermöglicht, ihren Fortschritt bei der Erfüllung der „50-30 Challenge“ zu verfolgen.

Auf internationaler Ebene leitet der SCC eine Arbeitsgruppe der United Nations Economic Commission for Europe (UNECE) zur Entwicklung von Leitlinien für geschlechtergerechte Normen.


Unterschrift Diversity Declaration

Michael Teigeler, Geschäftsführer der DKE, unterzeichnet die UNECE Declaration for Gender Responsive Standards and Standards Development

| DKE

Geschlechtergerechtigkeit in der Normung – DKE unterzeichnet UNECE-Deklaration

Unsere Welt wird durch Normen und Standards entscheidend geprägt. Indem Normen die Eigenschaften von Produkten bestimmen, auf die wir tagtäglich angewiesen sind, beeinflussen sie unser Leben in fast allen Bereichen. Sie unterstützen das wirtschaftliche Wachstum, erleichtern den Handel und spielen eine Rolle beim Schutz von Gesundheit und Sicherheit. Aus dem Grund ist es umso wichtiger, dass Normen und Standards die Bedürfnisse von Frauen und Männern stets abbilden und allen gleichermaßen Nutzen bringen.

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e-Tech: Sie waren Teil der IEC Board Taskforce zu Diversität und der IEC/ISO Joint Strategic Advisory Group (JSAG) zu geschlechtergerechten Normen. Was haben die Gruppen im Hinblick auf konkrete Maßnahmen beschlossen, um die Geschlechterdiversität in der IEC zu verbessern?

Gibbens: Die IEC und ISO haben beide die Erklärung zu Geschlechtergerechtigkeit in der Normung, die „UNECE Declaration for Gender Responsive Standards“, unterzeichnet. Der erste Schritt der Taskforce bestand in der Überprüfung der Erklärung. Anschließend hat sie eine allgemeine Erklärung zu Diversität erarbeitet und entschieden, sich auf drei Bereiche zu konzentrieren: Stakeholder-Diversität, geographische Diversität und Geschlechterdiversität. Es wurden ein Maßnahmenplan und spezifische Erklärungen für jeden dieser Bereiche erstellt, die von der IEC Community genehmigt und veröffentlicht wurden.

Um die geographische Diversität zu verbessern, hat sich die Taskforce die Zusammensetzung der Management Boards, Conformity Assessment Systems Officers, National Committee Officers und des IEC Secretariats genauer angesehen. Die Analyse hat gezeigt, dass der Frauenanteil niedrig ist. Die Taskforce hat daraufhin die Einrichtung eines Gremiums empfohlen, das die Verteilung hinsichtlich Geschlecht und geographischer Herkunft in den IEC Management Boards und ihren jeweiligen Gremien sowie bei den Nominierungen hierfür beobachtet und entsprechend Meldung darüber erstattet. Sie hat ferner empfohlen, eine geschlechter- und geographieneutrale Sprache in der Terminologie der IEC-Satzungen und Geschäftsordnungen, den Richtlinien und Klauseln der verschiedenen Leitungsorgane und ihrer verbundenen Gruppen zu verwenden.

Das neue Diversity Advisory Committee (DAC) der IEC integriert ebenfalls Ergebnisse der Taskforce in seine eigenen Maßnahmen. Geschlechterdiversität ist nun ein integraler Bestandteil des neuen Strategieplans der IEC.

Der Auftrag von ISO/IEC JSAG ist es, Instrumente für die Technischen Komitees der ISO und IEC zu entwickeln, die sicherstellen, dass die Normen, die sie erarbeiten oder ändern, geschlechtergerecht sind. Dazu gehört auch die Entwicklung von Verfahren zur Bewertung möglicher geschlechterspezifischer Implikationen, ein Leitfaden zur Sicherstellung, dass von den Komitees verwendete Daten neutral sind, ein Leitfaden zur Sicherstellung, dass Normen geschlechtergerecht sind, und das Unterbreiten von Vorschlägen bezüglich Änderungen der ISO-/IEC-Richtlinien zur Verbesserung der Geschlechtergerechtigkeit bei der Entwicklung von Normen. Die ISO/IEC JSAG wird dem TMB der ISO und dem Standardization Management Board der IEC ihre finalen Empfehlungen vorlegen.

Die Arbeiten der Taskforce und von ISO/IEC JSAG sind nur der Anfang. Die Bedeutung von Geschlechterdiversität wurde auf Führungsebene erkannt und wird in Zukunft ein zentraler Aspekt sowohl der ISO- als auch der IEC-Strategie sein.

e-Tech: Wie passen die Nachhaltigkeitsziele der UN, insbesondere SDG 5, Gleichstellung der Geschlechter, in die Arbeit des SCC?

Gibbens: Wie bei der Kampagne „World Standards Day“ hervorgehoben wurde, sind Normen maßgeblich für das Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele. Es gibt bereits zahlreiche Studien zur Beziehung zwischen Normen und SDGs. Die IEC, ISO und die kanadischen Normungsorganisationen haben jeweils eigene Studien durchgeführt.

Beim SCC ergab ein vorläufiger Abgleich der nationalen Normen Kanadas mit den 17 SDGs der UN, dass nur 2 Prozent unserer nationalen Normen einen Beitrag zu SDG 5, Gleichstellung der Geschlechter, leisten. Als eine Nation, die sich selbst als führend im Bereich der Gleichstellung und Diversität der Geschlechter sieht, müssen wir definitiv besser werden. Die Diskrepanz hat alarmierende Auswirkungen. So haben Studien beispielsweise gezeigt, dass das Risiko bei einem Autounfall verletzt oder getötet zu werden für Frauen 73 Prozent höher ist, da Crashtest-Dummies auf Grundlage der Anatomie von Männern entwickelt werden. Frauen sind keine kleinen Männer und die Annahme, dass sie das seien, hat zu vielen vermeidbaren Unfällen geführt.


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e-Tech: Was sind die größten Herausforderungen für kanadische Expert*innen in den SCC-Spiegelkomitees, insbesondere im Hinblick auf IEC-Normen?

Gibbens: Die Entwicklung und Verwendung von Normen trägt dazu bei, eine wettbewerbsfähigere und innovativere kanadische Wirtschaft aufzubauen. Studien zeigen eine klare Verbindung zwischen Normung, Arbeitsproduktivität und wirtschaftlichem Wachstum. Um sicherzustellen, dass wir die Bedürfnisse aller Kanadier und unterrepräsentierten Gruppen erfüllen, müssen wir unterschiedlichste Fachleute einstellen und halten, um Kanadas Interessen zu vertreten. Eine der größten Herausforderungen dabei ist die Erhöhung der Diversität in kanadischen Spiegelkomitees. Wir sehen es als unsere Verpflichtung, mehr Frauen, junge Berufstätige und neue Mitglieder aus neuen, sich entwickelnden Technologien für die Normungsarbeit zu begeistern und einzustellen.

Eine weitere Herausforderung hat mit den Auswirkungen der Pandemie auf die globale Wirtschaft und die Teilnahme an der Normungsarbeit zu tun. Ihre negativen Auswirkungen auf Unternehmen, insbesondere auf kleine und mittelständische Unternehmen, können dazu führen, dass die Anzahl kanadischer Fachleute, die sich an nationalen und internationalen Normungsarbeiten beteiligen, sinkt. Organisationen haben eventuell mit Herausforderungen in ihren Lieferketten zu kämpfen, haben begrenzte finanzielle und/oder personelle Ressourcen und haben Schwierigkeiten ihr Geschäft aufrechtzuerhalten bzw. wieder aufzubauen. Das kann dazu führen, dass sie nicht die Kapazitäten haben, sich an der Normungsarbeit zu beteiligen, um Kanadas Interessen in der IEC zu vertreten.

Wir müssen zudem sicherstellen, dass unsere Mitglieder Nachhaltigkeits- und Umweltaspekten bei der Erarbeitung, Änderung oder Überarbeitung von Normen Rechnung tragen – nicht nur in Kanada, sondern auch international.

Und schließlich wird dieses Zeitalter der digitalen Transformation die Art und Weise beeinflussen wie Normen entwickelt werden. Bisher spielten textbasierte Dokumente eine wesentliche Rolle. Der Wandel hin zu digitalen Inhalten und virtueller Arbeit hat das Potential, textbasierte Dokumente von Grund auf zu verändern. Die Rolle von Open-Source-Software bei Normen wird zunehmen und könnte die Definition einer Norm verändern. Das kann einen Einfluss auf die Normung an sich sowie auf den Umfang der IEC-Normung haben. Einige unserer Mitglieder werden diesen Wandel begrüßen und gut damit zurechtkommen, andere werden das nicht.

e-Tech: Wenn wir auf die Zukunft blicken, was werden die Prioritäten für den SCC in den kommenden Jahren sein?

Gibbens: Der SCC entwickelt gerade eine „National Standards Strategy“, um sicherzustellen, dass das kanadische Normungssystem proaktiv auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Unternehmen, Regierung und Konsument*innen reagiert. Ziel ist es, die Prioritäten und Sektoren zu identifizieren, auf die sich das kanadische Normungssystem in den kommenden Jahren konzentrieren sollte. Die Strategie hat eine maßgebliche Rolle dabei, kanadischen Unternehmen zu helfen, sich auf neue Technologien einzustellen und aus der Pandemie gestärkt hervorzukommen.

Wir konzentrieren uns zudem darauf, Kanadas Bemühungen zum Wiederaufbau nach der Pandemie zu unterstützen, eine klimaresiliente Zukunft aufzubauen sowie Data Governance und Cybersecurity-Schutz für Unternehmen zu verbessern.

Wir werden unsere Anstrengungen fortsetzen, den Frauenanteil in Technischen Komitees zu erhöhen und einen Leitfaden dafür zu entwickeln, wie sichergestellt werden kann, dass Normen geschlechtergerecht sind. Eines unserer Ziele ist es, jedes Jahr einen Frauenanteil von 24 Prozent in Technischen Komitees und Leitungskomitees zu erreichen.


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