Afroamerikanische Ingenieurin, die über Funk Anweisungen gibt
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03.11.2025 Fachinformation

IEC Global Impact Fund: Überwinden von Barrieren bei der Gleichstellung

Das erste durch den IEC Global Impact Fund unterstützte Projekt verschafft nicht nur ländlichen Kommunen den Zugang zu Strom, sondern ist auch eine Möglichkeit für weibliche Ingenieure, ihr Wissen unter Beweis zu stellen und vor Ort etwas zu bewegen.

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Alena Widder
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Das erwartet Sie in diesem Artikel:

  • Neue Projektperspektiven durch weibliche Beteiligung
  • IEC und ISO: Geschlechtergerechte Normen sind ein Muss
  • IEC Global Impact Fund stärkt die Fähigkeiten und Expertise aller Beteiligten

Als Esther Nzau im ländlichen Kenia zur Grundschule ging, träumte sie davon, Ingenieurin zu werden. Aber als nur eines von sieben Mädchen in einer Klasse mit insgesamt 28 Kindern, war ihr bewusst, dass ihre Chancen dafür eher klein waren. Jahre später, als sie es auf die Ingenieurschule geschafft hatte, war sie nur eine von zwei Frauen in der Klasse. „Das Verhältnis von Männern zu Frauen war verrückt“, erinnert sie sich. „Ich hatte wirklich Angst, dass die andere Studentin aussteigen würde.“

Weibliche Ingenieure bilden vor Ort einen Mehrwert

Inzwischen ist sie als Systems Engineer bei Differ Community Power (DCP) tätig und sieht, dass ihre Anwesenheit zu einem absoluten Mehrwert für ihr Unternehmen vor Ort beiträgt. DCP, ein internationaler Anbieter von Solarenergiedienstleistungen für Kommunen, wurde dazu auserwählt, das erste vom IEC Global Impact Fund unterstützte Projekt durchzuführen, das darauf ausgerichtet ist, nicht mehr funktionsfähige Photovoltaikanlagen, die auf sieben Grundschulen und zwei Geburtskliniken in ländlichen Kommunen installiert sind, wieder in Gang zu setzen. Auch wenn es überwiegend Männer sind, die für die Installation zuständig sind und die Arbeit überwachen, so sind es die Frauen, mit denen sie am meisten sprechen wird. Es sind die Mütter, die in die Klinik kommen, um ihre Kinder auf die Welt zu bringen, oder die Familie impfen zu lassen. Es sind die Mütter, die ihre Kinder zur Schule bringen. Außerdem sind etwa die Hälfte des Pflegepersonals und der Lehrkräfte Frauen.

Esther ist eine von drei Frauen im Team von DCP, die an dem Projekt arbeiten. Die anderen beiden sind Celestine Atieno, Finance Engineer, und Vallary Shinaywa, Project Trainee und Studentin der Elektrotechnik. Ihr Input ist laut Ray Gorman, Director of Business Development bei DCP, unbezahlbar, da sie eine andere Perspektive einbringen und so ein besseres Verständnis ermöglichen, was die Arbeit effektiver macht. „Die Frauen in unserem Team können Gespräche führen, die ich nicht führen kann“, erklärt er. „Wir erhalten Feedback von Betroffenen, das wir nicht erhalten würden, wenn nur Männer im Team wären. Die Gemeindemitglieder haben mehr Vertrauen zu uns, was eine Voraussetzung dafür ist, dass das Projekt funktioniert.“

Wayne Dwallow, ein weiteres Teammitglied, der als Solar Project Engineer tätig ist, bestätigt diese Aussage. Als Matt Doherty, IEC Senior Advisor für das Projekt, und Jo Cops (IEC-Präsident) vor kurzem die Standorte zusammen mit Ray und Celestine besuchten, sei das Feedback, das Dwallow von den Männern bekommen habe, ein ganz anderes gewesen, als das von Celestine. „Der Fokus der Männer lag auf dem Projekt, wohingegen der Fokus von Celestine auf den Menschen lag. Sie sprach mit jenen, die den Strom tatsächlich nutzen würden. Die beiden Perspektiven haben sich gegenseitig ergänzt. Außerdem haben die Frauen in unserem Team Fehler bzw. Lücken entdeckt, die uns vorher überhaupt nicht aufgefallen waren. Sie bringen neue Ansätze und neue Lösungen ein.“

Second-Life-Batterien für PV-Anlagen

Die PV-Anlagen werden wieder in Gang gesetzt, indem Second-Life-Batterien, die den internationalen Normen der IEC entsprechen, genutzt werden. Gleichzeitig werden lokale Techniker*innen in der Installation und Wartung geschult. Das Projekt zielt darauf ab, die Menschen vor Ort sowie die lokalen Entscheidungsträger*innen zu stärken, die von internationalen Best Practices profitieren werden. Aber auch die IEC profitiert dabei. Das Feedback und die aus dem Projekt gewonnenen Erfahrungswerte werden dazu genutzt, die Normen zu verbessern und das Projekt weiterzuentwickeln, sodass es als Vorlage für weitere Projekte dienen kann. Sicherzustellen, dass die Anlagen die Bedürfnisse all jener erfüllen, die davon betroffen sein könnten, ist eine wichtige Voraussetzung, damit das Projekt erfolgreich ist.

Das IEC Global Impact Fund-Projekt liefert einen praktischen Beweis dafür, wie wichtig die Initiative von IEC und ISO in Bezug auf geschlechtergerechte Normen ist. Damit Normen ihre Aufgabe erfüllen können, die Sicherheit, Qualität und Leistung von Produkten, Dienstleistungen und Technologien für alle zu garantieren, müssen bei ihrer Entwicklung geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigt werden.


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Geschlechtergerechte Normen sind ein Muss

Um Themen wie dieses zu adressieren, haben IEC und ISO im Jahr 2019 die UNECE Declaration on Gender Responsive Standards and Standards Development unterzeichnet. Die unterzeichnenden Organisationen haben sich unter anderem dazu verpflichtet, anzuerkennen, dass Frauen bei der Normungsarbeit fast immer unterrepräsentiert sind und dass die Auswirkungen auf Männer und Frauen während der Normungsarbeit nicht explizit adressiert werden. Sie haben sich außerdem dazu verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass Normen in Zukunft geschlechtsspezifische Aspekte berücksichtigen.

IEC und ISO haben zusätzlich einen Leitfaden veröffentlicht, der denjenigen, die Normen entwickeln, und allen technischen Komitees sowie Mitgliedern von Arbeitsgruppen Denkanstöße und Fragen liefert, die ihnen dabei helfen, sicherzustellen, dass die von ihnen entwickelten Normen geschlechtergerecht sind. Im Hinblick auf das GIF-Projekt der IEC trägt Gender Diversity im Team nicht nur zu dieser Initiative, sondern auch zur Realisierung von SDG 5 der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung bei, nämlich Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung für alle Frauen und Mädchen zu erreichen.

Auf globaler Ebene ist nur ein kleiner Prozentsatz der Ingenieure weiblich, und in Afrika ist das Ungleichgewicht noch viel ausgeprägter. Einem UN-Bericht zufolge ist der Anteil von Frauen mit einem Hochschulabschluss in Ingenieurwissenschaften in vielen afrikanischen Ländern unter 30 Prozent und von diesen Absolventinnen arbeiten dann tatsächlich nur 20 Prozent als Ingenieurinnen.

Dem UNESCO Engineering Report zufolge ist mehr Diversität bei der Belegschaft im Ingenieurwesen unerlässlich, um sicherzustellen, dass die globalen Herausforderungen, die in den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung dargelegt sind, bewältigt werden, und dass das Ingenieurwesen und die Technologie ihre Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels und der globalen Ungleichheit erfüllen können.

Beteiligung von Frauen fördern

Das Projekt bietet auch eine Möglichkeit, um Frauen und Mädchen in der Region zu informieren und zu inspirieren, indem ihnen gezeigt wird, was möglich ist, insbesondere da sowohl Esther als auch Celestine auf freiwilliger Basis für Non-Profit-Organisationen arbeiten, die sich für die Förderung von Mädchen aus benachteiligten Familien einsetzen. Bei einer Schulung erklärte Celestine vor kurzem, dass sie das Gefühl hatte, dass ihre Präsenz die anderen ermutigt habe. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Anwesenheit den Frauen in der Gemeinde die Bestätigung gab, dass sie das Recht haben, sich einzubringen. Und den Männern gab sie das Vertrauen, dass, wenn ich es tun konnte, es dann nicht so schwierig sein konnte.“

In einer Region, in der Teenager-Schwangerschaften doppelt so hoch sind wie der weltweite Durchschnitt und mehr als 19,3 Millionen weibliche Jugendliche im Oberstufenalter bereits ihre Schulausbildung abgebrochen haben, mag das Projekt wie ein Tropfen auf den heißen Stein wirken. Doch, wie das Global Impact Fund-Projekt beweist, hat die Normung das Potenzial, auf globaler Ebene etwas zu bewegen. Es gibt bereits Gespräche, ein derartiges Projekt in einem anderen afrikanischen Land umzusetzen. Und es werden neue Projekte entwickelt.

„Der Global Impact Fund bietet so viel mehr, als Gemeinden an zuverlässigen und sauberen Strom anzuschließen“, erklärt Doherty. „Es ist eine Möglichkeit, die Fähigkeiten und Expertise aller Beteiligten zu stärken und viele andere soziale und ökonomische Herausforderungen zu bewältigen. Die Gleichstellung der Geschlechter ist eine der wichtigen Herausforderungen.“


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