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19.10.2020 Fachinformation

Active Assisted Living (AAL): Rasante Fortschritte, große Herausforderungen

AAL bietet großes Potenzial, um den demografischen Wandel konstruktiv zu unterstützen und Menschen lange ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In der Praxis gilt es jedoch noch diverse Hemmnisse abzubauen. Der Normungsprozess spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dies ist der dritte Teil unserer Serie zu Smart Home & Living.

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Janina Laurila-Dürsch
Zuständiges Gremium

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Was einerseits eine Errungenschaft des Gesundheitssystems und des relativen Wohlstands ist, bringt gleichzeitig neue Herausforderung für die Gesellschaft mit sich. Mit Beginn erster Krankheitssymptome, dem ersten Sturz oder nach einem Herzinfarkt, stellt sich hier die Frage: Wie lange ist es sicher, wenn eine Person allein lebt?

Lebensqualität definiert sich nicht zuletzt darüber, wie lange Menschen selbstbestimmt über ihr Leben und ihre Gewohnheiten entscheiden und in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Schon lange wird über das so genannte „Hausnotruf-System“ versucht, für ältere Personen und deren Angehörige, Sicherheit zu schaffen.

Die Idee ist simpel: Im Notfall drückt die Person den Knopf, der Alarm wird an einen Dienstleister gemeldet, der Rücksprache in die Wohnung hält; im Notfall wird Hilfe geholt. In der Praxis zeigt sich aber, dass sich viele Menschen nicht trauen, in einer Notsituation tatsächlich den Knopf zu drücken, in Panik nicht mehr an diese Option denken oder den Knopf schlicht nicht erreichen oder bei sich tragen.

Active Assisted Living – technikunterstütztes Leben – bietet die Möglichkeit, diesen Vorgang zu automatisieren beziehungsweise zu verbessern. Software ist in der Lage, aus gesammelten Daten ein Verhaltensmuster zu erkennen und zu interpretieren, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Notfallsituation eingetreten ist. Dies kann der Fall sein, wenn eine Person lange an einer Position verharrt oder zu einer ungewöhnlichen Zeit das Haus verlässt, zum Beispiel bei Demenz. Ein automatisch ausgelöstes Signal ruft dann in einer solchen Situation nach menschlicher Hilfe.

„Dabei lassen sich in der Voreinstellung individuelle Wünsche in Bezug auf Persönlichkeit, Privatsphäre und Alarmkette treffen“, sagt Dr. Reiner Wichert von der AHS Assisted Home Solutions GmbH und Sprecher im Lenkungskreis des Smart Living Hessen Cluster, der bereits seit vielen Jahren an der Entwicklung von AAL-Systemen forscht.


Smart Home Living Grafik
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Die Deutsche Normungsroadmap Smart Home & Living

ist in sechs Domänen aufgeteilt, die den aktuellen Stand der Normung, Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Sie lebt von den beteiligten Expertinnen und Experten, die ihre Erfahrungen, Ideen und ihr Wissen in gemeinsamen Workshops zusammentragen.

Zur Normungsroadmap Smart Home & Living

Kosten drastisch gesunken

Das AAL-Potenzial ist offensichtlich hoch. Dennoch: „Die verkauften Stückzahlen sind im Verhältnis zum Potenzial immer noch recht gering“, sagt Wichert. Anfangs galten vor allem die Preise für solche Systeme als ein besonders großes Hemmnis. Durch den rasanten Fortschritt bei Sensoren und Geräten sowie durch neue Kommunikationsprotokolle, liegen die Verkaufspreise für AAL-Systeme inzwischen bei nur noch 20 Prozent von den Kosten von vor fünf Jahren.

Nach wie vor besteht hingegen das Problem der geringen Akzeptanz gegenüber solchen Systemen. Vor allem bei jener Zielgruppe, die von AAL besonders profitieren könnte: ältere Personen. „Egal, ob bei 80- oder 90-Jährigen: Keiner will als alt oder krank gelten. Das Thema wird weggeschoben und verdrängt“, sagt Wichert. Auch die Angst vor unkontrollierter Überwachung spielt eine Rolle. Durch Datenschutz-Skandale sind Menschen skeptisch und sensibilisiert, wenn es um die sensorische Auswertung und den Abfluss ihrer Daten geht. „Privatsphäre ist wichtig. Nutzer müssen die Möglichkeit haben, zu bestimmen, welche Daten von ihm nach außen gehen und wer wieviel von diesen Infos bekommt. Ich bin sicher, mit diesem Ansatz hat haben wir die größten Chancen, Verständnis von allen Bevölkerungsgruppen zu erwerben“, so Wichert weiter.

Größtes Hemmnis seien aber die Pflege, Sozial- und Krankenversicherungen, die die AAL-Technologie oft als Luxus oder gewöhnliche Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens sehen und ihnen damit ihre Erstattungsfähigkeit nehmen, so Wichert. Hier habe es AAL versäumt, sich von gewöhnlichen Smart-Home-Systemen entsprechend abzugrenzen.


autonomer Betreuungsroboter hält zwei Handtücher und gibt sie einer älteren erwachsenen Frau
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Ein wirtschaftliches Werkzeug zur Bewertung von AAL-Diensten

AAL-Dienstleistungen werden in Zukunft weiter zunehmen – nicht nur aufgrund der Covid-19-Pandemie und der damit verbundenen Isolation im eigenen Zuhause. Menschen werden auch immer älter und eine Pflege durch Angehörige ist oftmals nur schwer möglich.

Die IEC hat in diesem Jahr zwei Normen veröffentlicht, um den vollen wirtschaftlichen Nutzen von AAL-Diensten ermitteln zu können.

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Mehr Marketing notwendig

„Die Bevölkerung weiß bislang einfach nicht, was hier alles Positives möglich wäre“, meint Dr. Marc Jäger, Experte im DKE/AK 801.0.6 und Geschäftsführer des Ingenieurbüros für Planung und Systemintegration von elektrischer Gebäudesystemtechnik und Medizintechnik „JAEGER Wohn- und Gebäudeintelligenz“.

In der breiten Masse müsse sich erst noch ein Bewusstsein für den Mehrwert dieser Systeme bilden, etwa, dass eine derartige Technologie beispielsweise auch in Form präventiver Maßnahmen einsetzbar wäre. Ein typischer Anwendungsfall wäre das Erkennen von Epilepsie-Anfällen. Aus Jägers Sicht wird die aktuelle Normungsroadmap Smart Home & Living helfen, aufzuzeigen, welchen Mehrwert intelligente Technik für die Gesundheit in der Zukunft zu leisten vermag.

Qualitätsversprechen durch Normung sicherstellen

Auf internationaler Ebene wurde 2015 das IEC-Systemkomitee AAL (SyC AAL) gegründet; auf nationaler Ebene existiert das Spiegelgremium DKE/K 801.

Hier geht es zum Beispiel um Fragen, wie Dienstleistungen in ein Haus gebracht werden können und wie sich das technisch begleiten lässt, wie funktionale Sicherheit im Umfeld von Gebäuden umgesetzt wird oder wie die herstellerübergreifende Interoperabilität von AAL-Systemen, -Diensten, -Produkten sowie -Komponenten ermöglicht werden kann. Nicht zuletzt wird auch versucht, eine Schnittstelle zwischen den Technologiebereichen herzustellen.

Mit den sinkenden Preisen für Sensoren sind vollkommen neue Akteure in das Marktumfeld eingetreten. „Nicht jeder Anbieter versteht unter AAL das, was über IEC und DKE bereits relativ gut definiert wurde. Oft wird dadurch das Thema verwässert“, sagt Wichert. Der Markt müsse kritisch beleuchtet werden, fordert der Experte. Für potenzielle Käufer sei es bislang zu schwierig zu erkennen, worin die Unterschiede der verfügbaren Systeme liegen, die alle mehr oder minder dieselbe Leistung bewerben. „Es sollte nur das versprochen werden dürfen, was auch gehalten werden kann. Es gibt keine hundertprozentige Garantie, dass ein Notfall erkannt wird, sondern immer nur Wahrscheinlichkeiten. Und ein potenzieller Käufer sollte klar erkennen können, wie nah ein Produkt an dieses Ideal kommt. Das sollte klar kommuniziert werden müssen“, fordert Wichert.

Erforderlich wäre aus seiner Sicht ein Kriterienkatalog oder Zertifikat, über den Verbraucher eine Bewertung der Systeme vornehmen können. Solch ein Katalog könnte zudem Grundlage einer Abgrenzung von erstattungsfähigen AAL-Systemen zur Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit von nicht erstattungsfähigen AAL-Produkten zur allgemeinen Lebensunterstützung von Smart-Home-Systemen führen.

Im Expertengremium DKE/K 801 wird daran gearbeitet, was diesbezüglich als Norm festgelegt werden sollte. „Einerseits sollte kein Wildwuchs entstehen und Verantwortlichkeiten klar geregelt sein, anderseits muss dieser noch junge Markt Spielräume haben, sich auszuprobieren. Das sind schwierige Abwägungen“, erklärt Wichert.


Senioren
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Expertengremium DKE/K 801 System Komitee AAL

Zu den wesentlichen Zielen des Expertengremiums gehört es, themenübergreifende Schnittstellen zu verwandten Domänen wie zum Beispiel Smart Home & Living sowie funktionale Anforderungen in Zusammenarbeit mit relevanten Gremien, Konsortien und Foren zu identifizieren.

Unter Berücksichtigung des ausgeprägten Systemcharakters von AAL-Technologien kann auf diese Weise unter anderem eine herstellerübergreifende Interoperabilität sichergestellt werden.

Zum Expertengremium DKE/K 801

Herausforderung Erkennungsgenauigkeit

Nutzerbefragungen aus realen Wohnungen wie im Rahmen des Projektes ACTIVAGE, einem der größten Pilotprojekte im Bereich des Internet of Things (IoT), ergeben ein klares Bild, welche Eigenschaften den Nutzern von AAL-Systemen besonders wichtig sind.

Von überragender Bedeutung für die Akzeptanz solcher Systeme ist eine zuverlässige Erkennungswahrscheinlichkeit von Notfällen. Ein System, welches häufig einen Fehlalarm auslöst, ist inakzeptabel. Eines, das im Notfall nicht auslöst, natürlich ebenso. „Nicht nur Vermutung, sondern auch Plausibilitätsprüfungen sind deshalb erforderlich. Die Sensitivität und Spezifität der Entscheidungsfindung solcher Systeme muss höher liegen als bei bisherigen Verfahren. Dafür bedarf es semantischer Plattformen“, sagt Reiner Wichert. Die EU hat in ihrem „Internet of Things  – An action plan for Europe“ drei geeignete IoT- Plattform explizit genannt:

  • FI-Ware
  • CRYSTAL
  • UniversAAL

Mehr Austausch zwischen Experten aus Haus- und Medizintechnik

Reiner Wichert und Marc Jäger sehen durchaus noch einige Baustellen für den Bereich AAL in Deutschland, blicken aber positiv in die Zukunft. „Aus meiner Sicht wird es nur positive Weiterentwicklungen im Bereich von AAL geben, wenn Menschen sich nicht an die Technik anpassen müssen, sondern die Technik dem Menschen assistiert, ohne dass sich der Mensch ändern muss“, urteilt Wichert. Im Gegensatz zu AAL sei der Bereich Smart Home bislang hauptsächlich an Automatisierung von Prozessen interessiert, bei AAL muss aber der Bewohner und dessen Interesse im Mittelpunkt stehen, sonst könne sich die Technik nicht auf den Menschen einstellen.

Auch aus diesem Grund wäre deutlich mehr Vernetzung als bisher zwischen Experten aus dem Bereich Medizintechnik und Smart Home sinnvoll. „Es braucht Menschen, die aus der Medizintechnik in die Gebäudetechnik schauen und umgekehrt. In Deutschland sind wir in beiden Bereichen gut aufgestellt, aber der Austausch fehlt noch. Wir stehen noch am Anfang, ein solches Netzwerk aufzubauen“, sagt Marc Jäger.

Bislang seien auch noch relativ wenige Unternehmen bereit, für diesen Gesundheitsmarkt Geld auszugeben, so Jäger. Die meiste Entwicklung finde aktuell im Komfortbereich statt, wo in Smart Homes bereits relativ selbstverständlich Bus-Technik eingesetzt wird. Wichtig sei es deshalb, schon heute Interoperabilität zu gewährleisten, damit später die Möglichkeit besteht, eine Software anzudocken, die aus dem bestehenden Datenfluss auch Gesundheitsdaten verwerten kann.

Als sicher kann gelten, dass AAL sich rasant weiterentwickeln wird. „Ich erwarte, dass die Einbindung von körpernaher Sensorik zunehmen wird und die Zusammenführung in das Smart Home im Sinne der Vernetzung voranschreitet, um etwa das Erkennen von Herzinfarkten, Atemnot oder Epilepsie inklusive Weiterleitung von Alarmen in Echtzeit zu ermöglichen“, sagt Reiner Wichert. Die Entwicklungsarbeiten hierzu haben bereits begonnen. Je höher der Nutzen auch für die Zielgruppe aufgezeigt werden kann desto höher wird die Akzeptanz von AAL-Systemen werden und damit auch die Bereitschaft, diese durch diverse Krankenkassen zu fördern.


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Handlungsbedarf für Politik und Verbände

Nachfolgend werden technische Themen benannt, die in der Umsetzung und zukünftigen Gestaltung des AAL-Umfeldes zwingend berücksichtigt werden müssen:

  • Integrationsprofile und Interoperabilität hängen zusammen und müssen zusammen betrachtet werden;
  • Vernetzungsfähigkeit der Komponenten im Sinne der Anforderungen von Use Cases und die praktische und wirtschaftliche Umsetzung müssen gewährleitet sein;
  • Themenübergreifende Schnittstellen zu verwandten Domänen (z. B. Smart Home und Smart Grid) und funktionale Anforderungen in Zusammenarbeit mit relevanten Gremien, Konsortien und Foren sollen identifiziert werden, um beispielsweise die Interoperabilität sicherzustellen und Initial-Förderungen zu erreichen;
  • Proprietäre Lösungen sollen über Industrie-Standards so mit eingebunden werden, dass über diese Art von Vorstufe die Merkmale in die Normung mit einfließen;
  • Deutschland ist in der Gebäudetechnik, wie auch in der Telemedizin, gut aufgestellt. Jedoch gibt es so gut wie keine Verknüpfung dieser beiden Domänen, weshalb dieser Punkt zu fördern ist. Der ganzheitliche Mehrwert der einzelnen Domänen ist für Investoren und Nutzer zu wenig bekannt;
  • Förderung der domänenübergreifenden Kommunikation bei Investitionen und Betrieb;
  • Bekanntheitsgrad und Marketing zur Darstellung der Nachhaltigkeit und des Mehrwerts muss gefördert werden;
  • Es fehlt ein Katalog von verknüpfbaren Komponenten, worin abrufbar ist, welche Möglichkeiten es bezüglich Use Case-bezogenem Einsatz bzw. der Umsetzung gibt;
  • Zertifizierungs- und Prüfsiegelvergabe muss für die Akzeptanz und die Förderungsprüfung initiiert werden;
  • Ein beispielhafter Betrieb und die Ausbildung müssen organisiert, geschaffen und gefördert werden;
  • Finanzierungsförderung der Systeme muss organisiert werden.

Herausforderungen

Als Herausforderung bei der Realisierung und Umsetzung sehen die Expert*innen folgende Punkte an:

  • Als Basis für die Gebäudeausstattung (zumindest als grundlegende Infrastruktur im Neubau) muss sein, dass Vernetzungs- und Kabelstrukturen, Leerrohre, vertiefte Dosen und ein Server-Raum eingeplant werden (siehe hierzu auch EN 50090).
  • Durch AAL ergibt sich zu oft ein nachteiliger Nimbus von „Betreutem Wohnen“ oder Heim in Bezug auf ein neues Quartier. Daher schrecken viele Investoren vor den Investitionen zurück. Dieser Zustand muss durch konzertiertes Marketing, Politik, Förderung, ggfs. Konzeptplanungsvorgaben und PR abgeschafft werden. Eine mögliche Lösung ist die Entwicklung eines Lösungs-Katalogs (siehe auch unten unter Lösungen).
  • Bei jeder Investition ist gegenüber den Investoren, Betreibern und Endkunden sofort das Einsparungspotential und die Steigerung der Lebensqualität aufzuzeigen (Activate und Foresight sind Beispiele, die dazu noch ausgewertet werden sollen).

Lösungen

  • Eine Moderation ist zwingend notwendig, um die relevanten Domänen und Player zusammenzuführen.

Die Definition von Interoperabilität und Konformität wird nachfolgend festgelegt:

Interoperabilität

Interoperabilität ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg von ganzheitlichen AAL-Lösungen. Interoperabilität bezeichnet die Fähigkeit von zwei oder mehr Systemen zur Erfüllung einer Aufgabe mittels Kommunikation über ihre Schnittstelle zusammenzuarbeiten und Daten austauschen. Umgesetzt werden soll dies über eine einheitliche technologienneutrale, standardisierte Sprache, die somit eine Interoperabilität zwischen den Teilnehmer herstellt.

Das Konzept der Interoperabilität kann dabei in mehrere Ebenen gegliedert werden, etwa nach ETSI ETR 130:1994:

  • Protokoll-Interoperabilität (protocol interoperability)
  • Dienst-Interoperabilität (service interoperability)
  • Anwendungs-Interoperabilität (application interoperability)
  • Interoperabilität aus Anwendersicht (user perceived interoperability)

Konformität

Konformität wird als Übereinstimmung eines Systems mit den in einer Spezifikation formulierten Anforderungen bezeichnet. Die Konformität der Schnittstellen eines Systems mit den entsprechenden Schnittstellenspezifikationen gilt als Vorbedingung dafür, dass sich zwei oder mehrere Systeme über diese Schnittstelle miteinander verbinden lassen und dann in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren.

Eine Festlegung der Vorgehensweise zur Erstellung eines AAL-Systems könnte folgende sein:

  • Erhebung der individuellen Wünsche und Erfordernisse in Bezug auf Persönlichkeit, Privatsphäre oder Alarmkette
  • Festlegung und Planung des AAL Systems
  • Festsetzung von Anforderungen
  • Konfiguration des Gesamtsystems
  • Beschaffung und Prüfung auf Interoperabilität, Konformität und Versprechen-Erreichung
  • Konfektionierung und Installation
  • Einrichtung, Inbetriebnahme, Test
  • Abnahme und Zertifizierung
  • Betriebsunterstützung, Service und Instandsetzung und Erweiterung
  • Dokumentation der Ergebnisse
  • Erfolgskontrolle

Im Folgenden sollten die generellen Forderungen in konkrete Forderungen umgebaut werden:

  • Erstellen eines Konfigurationstools, mit welchem Einsatz- und Umsetzungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Dazu wird ein (digitaler) Katalog erstellt, der Nutzern die vielfältigen funktionalen Möglichkeiten von AAL-Produkten aufzeigen kann und sie bei der Formulierung ihres Bedarfs unterstützt. Da der Produktnutzen oft erst im Zusammenwirken mit anderen Produkten entsteht, müssen alle Funktionen als Teil von Use Cases beschrieben werden. Dieser Katalog muss auch Beschreibungen (im Sinne von „digitale Zwillinge“) der technischen und funktionellen Eigenschaften sowie Schnittstellen enthalten und Produkte nach diesen über Suchmaschinen auswählbar machen („Component Mining“).
  • Die Erweiterbarkeit, die Inter-Workingfähigkeit und die einfache Konfiguration, je nach Use Case und User Story, soll durch die Bereitstellung von ontologischen Modellen, beschriebenen Schnittstellen auch durch die semantische Interoperabilität sichergestellt werden.
  • Weiterhin fehlt ein Konfigurationstool, das funktionale Wünsche von Nutzern erfragt und im Katalog funktional geeignete sowie interoperable Produktkombinationen findet und als Lösungen vorschlägt.
  • Der Bekanntheitsgrad von AAL muss gesteigert werden. Die Vorteile und die vorhandenen Normen und Anwendungsregeln müssen Fachplanern, Investoren, Betreibern und Endkunden offensichtlich gemacht werden. Dazu müssen Verbindungen zu anderen Initiativ- und Standardisierungs-Plattformen genutzt werden.
  • Schaffung von Möglichkeiten zur Integration von proprietären Lösungen (Standard als Vorstufe der Normung). Einbindung der Daten von proprietären Systemen über allgemeingültige Kommunikationsebenen; hierzu wird die Ansprache der Initiatoren der Standards empfohlen, um in Arbeitskreisen eine Verknüpfung zu erreichen.

Ausbildungsprofile

Derzeit gibt es keine Dienstleister, die ein Haus intelligent machen können. Im Gegensatz zum Automobil ist ein Haus viel individueller. Die wenigsten Häuser gibt es in einer standardisierten Form wie es im Bereich der Automobile sein kann. Die möglichst gute Anpassung der Wohnung mit den jeweils adäquaten smarten Komponenten muss auf die Bedürfnisse der Bewohner abgestimmt sein. Das ermöglicht eine hohe Akzeptanz, wodurch eine Zufriedenheit erzeugt wird, die wiederum dringend für die Verbreitung von AAL erforderlich ist.

Hersteller, Systemintegratoren, Investoren und Betreiber brauchen für eine qualifizierte Erstellung, Bereitstellung und Beratung entsprechende Kenntnisse. Dies erfordert ein Ausbildungskonzept, das sich der jeweiligen Zielgruppe annimmt.

Die in dem Gesamtprozess beteiligten Personen brauchen entsprechend der Aufgabenstellung eine adäquate Ausbildung. Das Ausbildungskonzept sollte auf einer bestehenden Ausbildung in verwandten Bereichen aufsetzen. Aber das Konzept sollte auch niedrig qualifizierte Personen mit einbeziehen können. Hierzu wurden gute Erfahrungen mit dualen Systemen gemacht.

Mitarbeiter in einem Elektrofachbetrieb sollten eine Zusatzqualifikation zum „Smart-Home-Experten“ durchlaufen können. Um ein echtes Smart Home zu generieren, bedarf es einer Analyse der Bedürfnisse der Bewohner, um auf Technik basierende Vereinfachungen des individuellen Wohnens bereitstellen zu können. Die System- und Anwendungsvielfalt ist so enorm, dass diese individuell auf die gestellten Anforderungen reduziert werden müssen. Es braucht insbesondere einen „Allrounder“ als beispielsweise einen Fachmann auf einem BUS-Gebiet.

Folgende Beteiligte sollten aus- und weitergebildet werden:

  • Anwendungs- und Systemplaner (ganzheitliche Betrachtung, Anforderungserhebung, Lösungsübersicht)
  • Systemintegratoren (Konfiguration, Konfektionierung, Realisierung, Test)
  • Installateure (hoch und niedrig qualifizierte Personen)
  • Personen für die Inbetriebnahme (Implementierung und Individualisierung) und den langfristigen Service
  • Betreibende
  • Leistungserbringer (hoch und niedrig qualifiziert)
  • Schulende
  • Den Nutzer assistierende Personen (niedrige Qualifikation)
  • Nutzer

Es gibt Ansätze, einen „Smart-Home-Experten“ in einer mehrtägigen / wöchigen Schulung auszubilden. Dieser Experte könnte eine zusätzliche Qualifikation bezüglich des AAL-Umfelds erhalten. Alternativ kann eine Ausbildung zu einem AAL-Fachexperten in Betracht gezogen werden. Der Ausbildungs(zeit)rahmen ist jedoch hinsichtlich der Verantwortlichkeiten und der zu leistenden Punkte (auch im Vergleich zum Architekten) mit den relevanten Institutionen zu erstellen. Zum Vergleich: Ein Architekt erlernt in einem mehrjährigen Universitäts- oder Hochschulstudium das Planen eines Hauses. Es wäre daher sinnvoll, auch solch eine Ausbildung im Bereich Planung und Integration von Smart Homes zu schaffen.

Die Frage nach dem WAS ist, WER und WAS MACHT ein „Smart-Home-/AAL-Experte“ muss umso genauer definiert werden. Da das Gebiet Smart Home und AAL – ganzheitlich betrachtet mit allen seinen untergeordneten Domänen – zu umfangreich für eine kurze Zusatzausbildung ist, muss gegebenenfalls bedacht werden, ob eine mehrwöchige Zusatzausbildung die Lösung ist oder ob die Ausbildung bzw. das Studium neutral – also unabhängig einer Technologie – als eigener Ausbildungsweg oder Studium mit eigenem Namen gelernt werden soll. Die Anforderungen erfordern viel Know-How in den Bereichen Requirements Engineering, Projektmanagement, Elektrotechnik, Systemüberblick sämtlicher Systeme, Programmierung von Regelung und Systemabläufen und Usability Engineering sowie der Betrachtung und Umsetzung von Anwendungsfällen.

Politische Rahmenbedingungen

Durch Normung, Standardisierung und ggf. auch Gesetzgebung soll eine niederschwellig regulierte Produktkategorie zwischen den Alltagsprodukten (Haustechnik) und den Medizinprodukten angesiedelt werden. Insbesondere dann, wenn die „regulierten Produkte“ ihren Zweck bereits autark hinreichend erfüllen, die „niederschwelligen Produkte“ diesen „Status Quo“ aber noch weiter verbessern könnten, darf man eine solche Ergänzung (Verbesserung) nicht regulatorisch verbieten. Es muss erlaubt sein, mit solchen Ergänzungsprodukten „besser als reguliert“ zu werden, ohne für Letztere einen Regulierungszwang auszulösen. Die Unterbindung von Haftung aus der Rückwirkung von nicht gesicherten oder auch überqualifizierten Systemen (im Sinne von „Vergiftung“ durch medizinische Produkte und Anwendungen) muss erreicht werden.

Grundsätzlich ist eine Schaffung von Definitionen, Forderungen und Förderungsgrundlagen durch den Gesetzgeber erforderlich. Die Nutzung und Bereitstellung von (europäischen) Gesetzen, Normen und Standards, Forderungen und Förderungen muss erfolgen und dargestellt werden.

In diesem Zusammenhang sollte eine Förderung und Gestaltung von grundsätzlichen Prüfkriterien erfolgen, damit eine Orientierung, Zuordnung und Bewertbarkeit durch den Nutzer erfolgen kann. Daraus resultiert, dass eine Förderung der unabhängigen Zertifizierung, die Bereitstellung von Test-Centern und Prüfungskapazitäten aber (und im Sinne der Aufklärung) der Einbezug und Verantwortlichmachung von Verbänden über Informationen, konzertierte Gespräche sowie Schulungen erfolgen muss.

Weiterhin wird eine frühzeitige Beteiligung der Normung und somit einer unabhängigen Plattform (durch eine Normungsinstitution) zur Erarbeitung einer gemeinsamen und zukunftsgerichteten Normung und Standardisierung empfohlen. Somit würde allen Interessierten, Beteiligten und ihren jeweiligen fachlichen Vertretern eine Plattform angeboten, damit alle Stakeholder frühzeitig in die Planung, Gestaltung und Erstellung entsprechender Normen eingebunden werden.

Priorisierung durch Expertengruppe

Die Expertengruppe leitet aus den hervorgegangenen Diskussionsinhalten nachfolgende Priorisierung ab, um das AAL-Umfeld auch zukünftig voranzutreiben, die wirtschaftliche Umsetzung zu fördern, aber auch, um die internationale sowie regionale Sichtbarkeit zu stärken:

  • Interoperabilität ist die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg von ganzheitlichen AAL-Lösungen;
  • Konformität der Schnittstellen eines Systems mit den entsprechenden Schnittstellenspezifikationen gilt als Vorbedingung dafür, dass sich zwei oder mehrere Systeme über diese Schnittstelle miteinander verbinden lassen und dann in der Lage sind, miteinander zu kommunizieren;
  • Ein Use-Case- und User-Story-Bezug muss erarbeitet und sichtbar gemacht werden;
  • Die Umsetzbarkeit muss (z. B. mit Hilfe des Mappings) überprüft werden;
  • Die Praktikabilität und die daraus resultierenden Vorteile müssen den verschiedenen Domänen und Playern aufgezeigt werden;
  • Daraus resultierende anwendungsfallspezifische Anforderungen für das AAL-Umfeld müssen aufgezeigt und definiert werden;
  • Ein Plattform-Mapping und die Lösungsarchitektur sollen auch mit Hilfe der internationalen Normungen entwickelt und bereitgestellt werden. Hilfreich sind Lösungskataloge als Beispiele;
  • Im Anschluss daran soll die technische Umsetzung und deren Prüfung angegangen werden;
  • Eine Integration der proprietären Systeme über allgemeingültige Kommunikationsebenen soll erfolgen.

Unsere Artikelserie zu Smart Home & Living