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19.10.2020 Fachinformation

Active Assisted Living (AAL): Rasante Fortschritte, große Herausforderungen

AAL bietet großes Potenzial, um den demografischen Wandel konstruktiv zu unterstützen und Menschen lange ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In der Praxis gilt es jedoch noch diverse Hemmnisse abzubauen. Der Normungsprozess spielt dabei eine wichtige Rolle.

Dies ist der dritte Teil unserer Serie zu Smart Home & Living.

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Janina Laurila-Dürsch
Zuständiges Gremium

Die deutsche Bevölkerung wird immer älter. Was einerseits eine Errungenschaft des Gesundheitssystems und des relativen Wohlstands ist, bringt gleichzeitig neue Herausforderung für die Gesellschaft mit sich. Mit Beginn erster Krankheitssymptome, dem ersten Sturz oder nach einem Herzinfarkt, stellt sich hier die Frage: Wie lange ist es sicher, wenn eine Person allein lebt?

Lebensqualität definiert sich nicht zuletzt darüber, wie lange Menschen selbstbestimmt über ihr Leben und ihre Gewohnheiten entscheiden und in ihrer vertrauten Umgebung leben können. Schon lange wird über das so genannte „Hausnotruf-System“ versucht, für ältere Personen und deren Angehörige, Sicherheit zu schaffen.

Die Idee ist simpel: Im Notfall drückt die Person den Knopf, der Alarm wird an einen Dienstleister gemeldet, der Rücksprache in die Wohnung hält; im Notfall wird Hilfe geholt. In der Praxis zeigt sich aber, dass sich viele Menschen nicht trauen, in einer Notsituation tatsächlich den Knopf zu drücken, in Panik nicht mehr an diese Option denken oder den Knopf schlicht nicht erreichen oder bei sich tragen.

Active Assisted Living – technikunterstütztes Leben – bietet die Möglichkeit, diesen Vorgang zu automatisieren beziehungsweise zu verbessern. Software ist in der Lage, aus gesammelten Daten ein Verhaltensmuster zu erkennen und zu interpretieren, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Notfallsituation eingetreten ist. Dies kann der Fall sein, wenn eine Person lange an einer Position verharrt oder zu einer ungewöhnlichen Zeit das Haus verlässt, zum Beispiel bei Demenz. Ein automatisch ausgelöstes Signal ruft dann in einer solchen Situation nach menschlicher Hilfe.

„Dabei lassen sich in der Voreinstellung individuelle Wünsche in Bezug auf Persönlichkeit, Privatsphäre und Alarmkette treffen“, sagt Dr. Reiner Wichert von der AHS Assisted Home Solutions GmbH und Sprecher im Lenkungskreis des Smart Living Hessen Cluster, der bereits seit vielen Jahren an der Entwicklung von AAL-Systemen forscht.


Smart Home Living Grafik
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Die Deutsche Normungsroadmap Smart Home & Living

ist in sechs Domänen aufgeteilt, die den aktuellen Stand der Normung, Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Sie lebt von den beteiligten Expertinnen und Experten, die ihre Erfahrungen, Ideen und ihr Wissen in gemeinsamen Workshops zusammentragen.

Zur Normungsroadmap Smart Home & Living

Kosten drastisch gesunken

Das AAL-Potenzial ist offensichtlich hoch. Dennoch: „Die verkauften Stückzahlen sind im Verhältnis zum Potenzial immer noch recht gering“, sagt Wichert. Anfangs galten vor allem die Preise für solche Systeme als ein besonders großes Hemmnis. Durch den rasanten Fortschritt bei Sensoren und Geräten sowie durch neue Kommunikationsprotokolle, liegen die Verkaufspreise für AAL-Systeme inzwischen bei nur noch 20 Prozent von den Kosten von vor fünf Jahren.

Nach wie vor besteht hingegen das Problem der geringen Akzeptanz gegenüber solchen Systemen. Vor allem bei jener Zielgruppe, die von AAL besonders profitieren könnte: ältere Personen. „Egal, ob bei 80- oder 90-Jährigen: Keiner will als alt oder krank gelten. Das Thema wird weggeschoben und verdrängt“, sagt Wichert. Auch die Angst vor unkontrollierter Überwachung spielt eine Rolle. Durch Datenschutz-Skandale sind Menschen skeptisch und sensibilisiert, wenn es um die sensorische Auswertung und den Abfluss ihrer Daten geht. „Privatsphäre ist wichtig. Nutzer müssen die Möglichkeit haben, zu bestimmen, welche Daten von ihm nach außen gehen und wer wieviel von diesen Infos bekommt. Ich bin sicher, mit diesem Ansatz hat haben wir die größten Chancen, Verständnis von allen Bevölkerungsgruppen zu erwerben“, so Wichert weiter.

Größtes Hemmnis seien aber die Pflege, Sozial- und Krankenversicherungen, die die AAL-Technologie oft als Luxus oder gewöhnliche Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens sehen und ihnen damit ihre Erstattungsfähigkeit nehmen, so Wichert. Hier habe es AAL versäumt, sich von gewöhnlichen Smart-Home-Systemen entsprechend abzugrenzen.


autonomer Betreuungsroboter hält zwei Handtücher und gibt sie einer älteren erwachsenen Frau
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Ein wirtschaftliches Werkzeug zur Bewertung von AAL-Diensten

AAL-Dienstleistungen werden in Zukunft weiter zunehmen – nicht nur aufgrund der Covid-19-Pandemie und der damit verbundenen Isolation im eigenen Zuhause. Menschen werden auch immer älter und eine Pflege durch Angehörige ist oftmals nur schwer möglich.

Die IEC hat in diesem Jahr zwei Normen veröffentlicht, um den vollen wirtschaftlichen Nutzen von AAL-Diensten ermitteln zu können.

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Mehr Marketing notwendig

„Die Bevölkerung weiß bislang einfach nicht, was hier alles Positives möglich wäre“, meint Dr. Marc Jäger, Experte im DKE/AK 801.0.6 und Geschäftsführer des Ingenieurbüros für Planung und Systemintegration von elektrischer Gebäudesystemtechnik und Medizintechnik „JAEGER Wohn- und Gebäudeintelligenz“.

In der breiten Masse müsse sich erst noch ein Bewusstsein für den Mehrwert dieser Systeme bilden, etwa, dass eine derartige Technologie beispielsweise auch in Form präventiver Maßnahmen einsetzbar wäre. Ein typischer Anwendungsfall wäre das Erkennen von Epilepsie-Anfällen. Aus Jägers Sicht wird die aktuelle Normungsroadmap Smart Home & Living helfen, aufzuzeigen, welchen Mehrwert intelligente Technik für die Gesundheit in der Zukunft zu leisten vermag.

Qualitätsversprechen durch Normung sicherstellen

Auf internationaler Ebene wurde 2015 das IEC-Systemkomitee AAL (SyC AAL) gegründet; auf nationaler Ebene existiert das Spiegelgremium DKE/K 801.

Hier geht es zum Beispiel um Fragen, wie Dienstleistungen in ein Haus gebracht werden können und wie sich das technisch begleiten lässt, wie funktionale Sicherheit im Umfeld von Gebäuden umgesetzt wird oder wie die herstellerübergreifende Interoperabilität von AAL-Systemen, -Diensten, -Produkten sowie -Komponenten ermöglicht werden kann. Nicht zuletzt wird auch versucht, eine Schnittstelle zwischen den Technologiebereichen herzustellen.

Mit den sinkenden Preisen für Sensoren sind vollkommen neue Akteure in das Marktumfeld eingetreten. „Nicht jeder Anbieter versteht unter AAL das, was über IEC und DKE bereits relativ gut definiert wurde. Oft wird dadurch das Thema verwässert“, sagt Wichert. Der Markt müsse kritisch beleuchtet werden, fordert der Experte. Für potenzielle Käufer sei es bislang zu schwierig zu erkennen, worin die Unterschiede der verfügbaren Systeme liegen, die alle mehr oder minder dieselbe Leistung bewerben. „Es sollte nur das versprochen werden dürfen, was auch gehalten werden kann. Es gibt keine hundertprozentige Garantie, dass ein Notfall erkannt wird, sondern immer nur Wahrscheinlichkeiten. Und ein potenzieller Käufer sollte klar erkennen können, wie nah ein Produkt an dieses Ideal kommt. Das sollte klar kommuniziert werden müssen“, fordert Wichert.

Erforderlich wäre aus seiner Sicht ein Kriterienkatalog oder Zertifikat, über den Verbraucher eine Bewertung der Systeme vornehmen können. Solch ein Katalog könnte zudem Grundlage einer Abgrenzung von erstattungsfähigen AAL-Systemen zur Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit von nicht erstattungsfähigen AAL-Produkten zur allgemeinen Lebensunterstützung von Smart-Home-Systemen führen.

Im Expertengremium DKE/K 801 wird daran gearbeitet, was diesbezüglich als Norm festgelegt werden sollte. „Einerseits sollte kein Wildwuchs entstehen und Verantwortlichkeiten klar geregelt sein, anderseits muss dieser noch junge Markt Spielräume haben, sich auszuprobieren. Das sind schwierige Abwägungen“, erklärt Wichert.


Senioren
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Expertengremium DKE/K 801 System Komitee AAL

Zu den wesentlichen Zielen des Expertengremiums gehört es, themenübergreifende Schnittstellen zu verwandten Domänen wie zum Beispiel Smart Home & Living sowie funktionale Anforderungen in Zusammenarbeit mit relevanten Gremien, Konsortien und Foren zu identifizieren.

Unter Berücksichtigung des ausgeprägten Systemcharakters von AAL-Technologien kann auf diese Weise unter anderem eine herstellerübergreifende Interoperabilität sichergestellt werden.

Zum Expertengremium DKE/K 801

Herausforderung Erkennungsgenauigkeit

Nutzerbefragungen aus realen Wohnungen wie im Rahmen des Projektes ACTIVAGE, einem der größten Pilotprojekte im Bereich des Internet of Things (IoT), ergeben ein klares Bild, welche Eigenschaften den Nutzern von AAL-Systemen besonders wichtig sind.

Von überragender Bedeutung für die Akzeptanz solcher Systeme ist eine zuverlässige Erkennungswahrscheinlichkeit von Notfällen. Ein System, welches häufig einen Fehlalarm auslöst, ist inakzeptabel. Eines, das im Notfall nicht auslöst, natürlich ebenso. „Nicht nur Vermutung, sondern auch Plausibilitätsprüfungen sind deshalb erforderlich. Die Sensitivität und Spezifität der Entscheidungsfindung solcher Systeme muss höher liegen als bei bisherigen Verfahren. Dafür bedarf es semantischer Plattformen“, sagt Reiner Wichert. Die EU hat in ihrem „Internet of Things  – An action plan for Europe“ drei geeignete IoT- Plattform explizit genannt:

  • FI-Ware
  • CRYSTAL
  • UniversAAL

Newsletter in Tablet liegt auf einer Tastatur
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Mehr Austausch zwischen Experten aus Haus- und Medizintechnik

Reiner Wichert und Marc Jäger sehen durchaus noch einige Baustellen für den Bereich AAL in Deutschland, blicken aber positiv in die Zukunft. „Aus meiner Sicht wird es nur positive Weiterentwicklungen im Bereich von AAL geben, wenn Menschen sich nicht an die Technik anpassen müssen, sondern die Technik dem Menschen assistiert, ohne dass sich der Mensch ändern muss“, urteilt Wichert. Im Gegensatz zu AAL sei der Bereich Smart Home bislang hauptsächlich an Automatisierung von Prozessen interessiert, bei AAL muss aber der Bewohner und dessen Interesse im Mittelpunkt stehen, sonst könne sich die Technik nicht auf den Menschen einstellen.

Auch aus diesem Grund wäre deutlich mehr Vernetzung als bisher zwischen Experten aus dem Bereich Medizintechnik und Smart Home sinnvoll. „Es braucht Menschen, die aus der Medizintechnik in die Gebäudetechnik schauen und umgekehrt. In Deutschland sind wir in beiden Bereichen gut aufgestellt, aber der Austausch fehlt noch. Wir stehen noch am Anfang, ein solches Netzwerk aufzubauen“, sagt Marc Jäger.

Bislang seien auch noch relativ wenige Unternehmen bereit, für diesen Gesundheitsmarkt Geld auszugeben, so Jäger. Die meiste Entwicklung finde aktuell im Komfortbereich statt, wo in Smart Homes bereits relativ selbstverständlich Bus-Technik eingesetzt wird. Wichtig sei es deshalb, schon heute Interoperabilität zu gewährleisten, damit später die Möglichkeit besteht, eine Software anzudocken, die aus dem bestehenden Datenfluss auch Gesundheitsdaten verwerten kann.

Als sicher kann gelten, dass AAL sich rasant weiterentwickeln wird. „Ich erwarte, dass die Einbindung von körpernaher Sensorik zunehmen wird und die Zusammenführung in das Smart Home im Sinne der Vernetzung voranschreitet, um etwa das Erkennen von Herzinfarkten, Atemnot oder Epilepsie inklusive Weiterleitung von Alarmen in Echtzeit zu ermöglichen“, sagt Reiner Wichert. Die Entwicklungsarbeiten hierzu haben bereits begonnen. Je höher der Nutzen auch für die Zielgruppe aufgezeigt werden kann desto höher wird die Akzeptanz von AAL-Systemen werden und damit auch die Bereitschaft, diese durch diverse Krankenkassen zu fördern.


Handlungsbedarf für Politik und Verbände

Beim Creativ Dialog, der am 5. Februar 2020 stattfand, haben Expertinnen und Experten aus den unterschiedlichsten Unternehmensbereichen eine Vielzahl von Herausforderungen, Ideen und Lösungsmöglichkeiten im Sinne der Standardisierungs- und Konsolidierungsbestrebungen für die Weiterentwicklung von Smart Home & Living hin zum Volumenmarkt erarbeitet.

Darüber hinaus sind weitere Ausbildungsbedarfe sowie politische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen. Diese sind in der folgenden Aufzählung genannt und werden nun in zukünftigen Workshops von der Expertengruppe den einzelnen Domänen zugeordnet und priorisiert. Daraus ergeben sich dann konkrete Arbeitsaufträge an Politik und Verbände.

Herausforderungen

  • Mangelnde Zuverlässigkeit im Betrieb
  • Mangelndes Vertrauen in den Datenschutz
  • Mangelndes Vertrauen in die Nutzung der Daten
  • Mangelndes Wissen zu Kosten-Nutzungsverhältnis
  • Berührungsängste (Know-how wie Geräte funktionieren und in Betrieb genommen werden)
  • Hohe Komplexität
  • Fehlende Langlebigkeit und Investitionsrisiko
  • Unsichere Geräte bezüglich der Datensicherheit
  • Proprietäre Lösungen versus Interoperabilität
  • Ständiger Wechsel der Interoperabilität

Lösungen

Internationale Standards schaffen zu:

  • Definition von Smart Home & Living
  • Security und Auswirkung auf Safety (Funktionale Sicherheit)
  • Interoperabilität
  • Plug and Play
  • Zukunftssichere Geräte
  • Sichere Datenübertragung (Signatur)
  • Datenspeicherung
  • Dienstleitungsnorm zur Klärung von Verantwortlichkeiten und Systemgrenzen

Ausbildungsprofile

  • Planer/Handwerker/Betreuungspersonal
  • Neutrale Aufklärung und Konzeption soll durch Verbände erfolgen
  • Einkaufshilfe bzw. skalierbare Entscheidungshilfe für Endkunde einschließlich Wohnungsbaugesellschaften und -Wohnungsbetreiber
  • Referenzwohnungen/-Häuser schaffen

Politische Rahmenbedingungen

  • Gesetze für oben genannte Punkte notwendig
  • Klärung der Gesetze auf nationaler oder europäischer Ebene
  • Wirksame Marktüberwachung auch zum Umgang mit Daten
  • Finanzielle Förderung für Anschaffung/Betrieb für Geräte/Systeme zur Unterstützung von Umweltschutz, Gesundheit und Einbruchsschutz
  • Entbürokratisierung
  • Konformitätsnachweise

Unsere Artikelserie zu Smart Home & Living