- Teamwork treibt die Weiterentwicklung von Schutzrelais‑Normen voran
- Analoge Relais bleiben auch in einer digitalen Welt immer noch wichtig
- Klimawandel und Smart Grids erfordern neue Schutz‑ und Frequenznormen
Wenn Fachleute nicht zusammenarbeiten, dann tun es Stromsysteme auch nicht
Interview mit Andrea Bonetti
e-Tech: Sie wurden 2024 Vorsitzender von IEC/TC 95. Was sind Ihre Prioritäten für TC 95?
Bonetti: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Prioritäten von IEC/TC 95 nicht vom Vorsitzenden allein festgelegt, sondern im Kollektiv beschlossen werden. Teamwork steht an oberster Stelle. Ich gehe den Weg des vorherigen Vorsitzenden, Murty Yalla, weiter, der auf Konsens und Kompromiss gesetzt hat, was auch mir sehr wichtig ist. Ich möchte hinzufügen, dass ich das Komitee nicht leiten könnte ohne die Unterstützung von Secretary Thierry Bardou, der mein vollstes Vertrauen genießt.
Eine meiner Prioritäten ist die Kompetenzerweiterung von zwei Arbeitsgruppen. Eine der Gruppen beschäftigt sich mit der Wartung analoger Schutzrelais und die andere entwickelt Normen für digitale Relais. Die Mitglieder beider Gruppen müssen nicht nur die eigenen Anforderungen, sondern auch die der anderen Gruppe verstehen. Generell brauchen wir jüngere Fachleute, vorzugsweise mit Doktortitel. Wir brauchen Fachleute mit neuer Denkweise, die die Anforderungen an intelligente Netze verstehen. Sie müssen aber auch die analoge Welt verstehen.
Zweitens möchte ich, dass die Fachleute aus unterschiedlichen Komitees zusammenarbeiten, auch mit Fachleuten außerhalb der IEC, wie zum Beispiel vom IEEE. Murty hat die Zusammenarbeit mit IEEE angestoßen und ich setze sie fort. Es herrscht großer gegenseitiger Respekt zwischen unseren Organisationen.
Eine weitere Priorität ist, die Arbeit von TC 95 sichtbarer zu machen. Unsere Normen sind unerlässlich, um die Netzstabilität zu gewährleisten, doch nur wenige Menschen kennen sie. Mehr Veröffentlichungen, Fachvorträge, Fachartikel und eine aktivere Teilnahme an Konferenzen würden helfen, unsere Sichtbarkeit zu verbessern. Und es wäre super, wenn Schutzrelais bereits zu Beginn des Netzaufbaus berücksichtigt würden und nicht erst am Ende, nach dem Motto, da war doch noch was.
Und schließlich, neben den fachlichen Prioritäten, möchte ich erreichen, dass TC 95 als Gruppe stärker zusammenwächst. Es ist ein internationales Komitee, das viele Kulturen und Traditionen beinhaltet, und die Stärkung von Vertrauen, Inklusion und gegenseitigem Verständnis ist genauso wichtig wie das Verfassen von Normen.
Ich möchte auch meinem Arbeitgeber, Megger, dafür danken, dass er meine Arbeit in der Normung aktiv unterstützt. Ohne die Unterstützung wäre meine Arbeit bei der IEC nicht möglich.
Analoge Relais bleiben weiterhin unverzichtbar
e-Tech: Wie sieht die Zukunft für analoge Relais aus? Werden sie überhaupt noch benötigt?
Bonetti: Ja, werden sie. Die meisten Netze sind alt und arbeiten mit analogen Relais, und selbst wenn Umspannwerke im Rahmen von Smart-Grid-Anforderungen automatisiert werden, werden analoge Relais noch viele Jahre im Einsatz sein. Sie funktionieren nach wie vor gut und es gibt kein zwingendes wirtschaftliches Argument dafür, sie zu ersetzen. Wenn ein Umspannwerk modernisiert werden muss, ist die Umstellung auf ein digitales System oft sinnvoll. Aber wenn das analoge System zuverlässig funktioniert, gibt es keinen Grund, es zu ersetzen. Diese Entscheidungen beziehen Kosten, Risiken und langfristige Planung ein und werden nie ohne gründliche Abwägung getroffen.
Meilenstein: Schutzfunktionen fit für das Smart Grid
e-Tech: Welche neuen Normen haben Sie veröffentlicht?
Bonetti: Wir haben gerade erst eine Technische Spezifikation veröffentlicht, die einen absoluten Meilenstein darstellt: IEC TS 60255-216-1, die Normen für die Anwendungsbereiche von Schutzfunktionen im Stromnetz, wie in IEC 61850 dargelegt, enthält. IEC 61850 ist eine Normenreihe für das Smart Grid, die von IEC/TC 57 veröffentlicht wird. Die IEC TS 60255-216-1 legt ein dediziertes Profil von IEC 61850 für Schutzfunktionen fest, das ist ein sehr wichtiger Schritt.
Es zeigt, dass TC 95 Funktionsnormen für den Schutz von Systemen in den digitalen Bereich übertragen und gleichzeitig den Gedanken von Konsens, harmonisierter Erklärungen und klarer Prüfverfahren bewahren kann.
Die Technische Spezifikation trägt dazu bei, eine Zwickmühle in der Normung zu lösen. Energieversorger führen nur widerwillig neue Technologien ein, solange sie nicht genormt sind, aber solange eine Technologie nicht genutzt wird, ist es schwierig, sie zu normen.
Um diese Spezifikation, die es den Schutzfunktionen des Netzes ermöglicht, mit Smart-Grid-Technologie zu interagieren, zu erstellen, mussten wir erst selbst in der Lage sein, auf menschlicher Ebene zusammenzuarbeiten. Die Arbeit beinhaltete die Zusammenarbeit mit Fachleuten aus IEC/TC 38, das Normen für Messwandler erstellt, und IEC/TC 57. Der Vorsitzende von TC 38, Volker Leitloff, ist gleichzeitig der Leiter der Gruppe, die diese Norm erstellt hat.
Wir haben eine gemeinsame Gruppe unter der Leitung von TC 57 mit Fachleuten aus TC 95 und TC 38 gebildet. Die wesentliche Anforderung hierbei ist, Fachleute mit unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen, zu sehen, woher sie kommen. Ich sage immer, niemand liegt richtig oder falsch. Falsch ist nur, wenn das Produkt nicht funktioniert. Zusammenarbeit ist wichtig – sie ist eine Grundvoraussetzung. Wenn Fachleute nicht zusammenarbeiten, dann tun es Stromnetze auch nicht.
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Klimawandel treibt neue Normen und Smart‑Grid‑Fokus voran
e-Tech: Wie hat der Klimawandel Ihre Normen beeinflusst?
Bonetti: Die Entwicklung der Smart-Grid-Technologie und die Einbeziehung dezentraler Energieversorgung, wie beispielsweise Microgrids, können im weitesten Sinne als eine Folge des Klimawandels gesehen werden. Das bedeutet, dass wir unsere Normen an die Anforderungen intelligenter Netze anpassen müssen und wir angehalten sind, neue Normen zu erarbeiten.
Eine der wichtigsten Folgen war die Entwicklung einer neuen Schutznorm: IEC 60255-181, die sich mit Frequenzschutz und damit zusammenhängenden Funktionen beschäftigt. Sie wurde 2019 veröffentlicht und ohne Gegenstimme angenommen, später wurde sie als Europäische Norm verabschiedet und in 34 Ländern ohne Änderungen eingeführt. Auch außerhalb Europas hat sie Anwendung gefunden, darunter in Australien, das aktuell noch nicht an TC 95 teilnimmt. Sie gilt gemeinhin als Grundnorm zum Schutz des Smart Grids. Das spiegelt eine deutliche Veränderung wider: In den 1990er Jahren sprach niemand über Netzfrequenz; heute, mit der Integration erneuerbarer Energien und anderer dezentraler Energiequellen, ist die Frequenzstabilität ein zentrales Thema, nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der öffentlichen Debatte. IEC 60255-181 legt klare Anforderungen fest und hat Unklarheiten beseitigt, wodurch die Branche eine gemeinsame Grundlage erhält.
Die Sicherstellung der Netzstabilität ist ein zentrales Anliegen geworden. Durch die Integration dezentraler Energiequellen, wie Solarmodule oder Windenergieanlagen, in das Netz, variiert die Netzfrequenz, weshalb der Frequenzschutz so wichtig geworden ist.
Wir beschäftigen uns auch mit Normen zu Gleichstrom-Schutzfunktionen. Diese Arbeit wird von einer unserer Arbeitsgruppen ausgeführt, die Funktionsanforderungen für den Schutz von Gleichstromübertragungs- und -verteilnetzen entwickelt. Es handelt sich hierbei um einen wachsenden Bereich, da die Anforderungen für beispielsweise Gleichstrom-Mikronetze steigen. Auf Wanderwellen basierender Schutz und Fehlerlokalisierung stehen ebenfalls auf der Agenda und werden von einer weiteren Expert*innengruppe bearbeitet.
Unsere Normen zu elektromagnetischer Verträglichkeit (EMV) werden ebenfalls weltweit genutzt, eine direkte Folge des Agierens in einer zunehmend digitalen Welt. Das ist das Fachgebiet von zwei unserer für Dokumentation zuständigen Gruppen, die grundlegende Normen wie IEC 60255-1 und IEC 60255-27 verfasst haben. Ihre Arbeit hat sogar die Norm IEC 61850-3 inspiriert, die Anforderungen an Kommunikationsnetze und -systeme in Umspannwerken festlegt.
Diese Normen finden direkt in der Typprüfung und Zertifizierung Anwendung, was sie unerlässlich für akkreditierte Labore und die Konformitätsbewertung macht. Die Kompetenz der Expert*innen dieser beiden Gruppen ist weithin anerkannt und viele andere Komitees bauen mit ihren EMV-Normen auf dem auf, was TC 95 bereits etabliert hat.
Analoge Normen wandern in die digitale Welt
e-Tech: Welche Normen stehen als nächstes an?
Bonetti: Langfristig arbeiten wir daran, alle unseren analogen Normen in die digitale Welt zu überführen und sie kompatibel zu IEC 61850 zu machen. Was die eher nahe Zukunft angeht, so planen wir die Veröffentlichung von IEC 60255-167, die sich mit Funktionsanforderungen für gerichteten Überstromschutz befasst, und IEC 60255-132, die sich mit Funktionsanforderungen für gerichteten Leistungsschutz beschäftigt. Beide Normen werden einen normativen Anhang enthalten, der sie mit IEC 61850 verbindet, die die Anforderungen für derartige Schutzfunktionen festlegt. Sie werden, wenn alles klappt, Ende nächsten Jahres veröffentlicht.
Zum ersten Mal werden diese Funktionsnormen klare Anforderungen nicht nur für analoge Umgebungen, sondern auch für Systeme, die auf IEC 61850 basieren, enthalten. Das ist keine einfache Aufgabe, aber sie ist notwendig, um eine konsistente Leistung über traditionelle und digitale Systeme hinweg sicherzustellen.
Daneben arbeiten wir an einer neuen Ausgabe von IEC 60255-187-3, der Funktionsnorm zu Leitungsstrom-Differentialschutz, und an binären Ein-/Ausgangs-IED (BIOI), einem zentralen Baustein im Prozessbus digitaler Umspannwerke. Es geht nicht so schnell voran, wie wir es gerne hätten, denn Schutzfunktionen sind komplex und ihre Anpassung an den digitalen Bereich braucht Zeit, aber die Ergebnisse werden den Aufwand lohnen.
TC 95 hat viele aktive Teams und gemeinsame Gruppen, die alle von Personen geleitet werden, die mit Leidenschaft dabei sind und eine wichtige Arbeit leisten – von Terminologie und EMV zu Synchrophasor, Dual-Logo-Projekten und selbst der Nummerierung von Normen. Ihre Arbeit sorgt dafür, dass unsere Normen kohärent und zukunftssicher sind.
Entspannung durch Zauberei, Kampfkunst und Golf
e-Tech: Wie entspannen Sie nach der Arbeit?
Bonetti: Ich war jahrelang Zauberer und bin es immer noch. Eine weitere meiner Leidenschaften ist Kampfkunst, sowohl chinesische als auch japanische Kampfkunst. Vor kurzem habe ich mit Golf angefangen. Ich habe vielleicht ein wenig zu spät mit diesem neuen Sport begonnen, aber ich gebe nicht auf!
Redaktioneller Hinweis:
Der englischsprachige Originalartikel von Catherine Bischofberger erschien erstmals auf etech.iec.ch in der Ausgabe 05/2025 unter:
https://etech.iec.ch/issue/2025-05/if-experts-dont-interoperate-electricity-systems-wont-either
Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen des Interviewpartners und müssen nicht mit denen der DKE übereinstimmen.
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