- Kupferkabel: So zukunftsfähig wie ein Faxgerät
- Grundstücksgrenzen, gemeinsam Kaffee trinken und der Return on Invest
- Die neue Leichtigkeit beim Planen und Bauen: Glasfasern bergen keine Brandgefahr
VDE Leitlinie vereinfacht den Glasfaserausbau
| leungchopan / stock.adobe.com & somneuk / stock.adobe.comNeue VDE Leitlinie spart Zeit und Kosten beim Glasfaserausbau
Stolpern in eine spannende Branche: Einmal Glasfaser, immer Glasfaser
DKE: Frau Sill, neben Ihrer Tätigkeit als CTO beim Haus des Glases sind Sie dibkom-Dozentin zum Thema Glasfaserausbau, leiten einen Arbeitskreis bei der DKE und produzieren Podcasts. Auf ihrem LinkedIn-Profil bezeichnen sie sich als Überlebenskünstlerin in einer Männerbranche. Ist es wirklich so schlimm?
Sill: (lacht, Anm. d. Red.) Nein, so schlimm ist es nicht. Ich war schon immer eher in der Männerwelt zu Hause, denn ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert, um mir möglichst viele Optionen offen zu halten. Danach bin ich – wie viele andere auch – in die Glasfaserbranche hineingestolpert, da sie zu der Zeit ganz am Anfang stand und mich neugierig gemacht hat.
Mein Weg führte vom Praktikum bei einer Kunststofffirma über Kunststoff- und Mikrorohre zur Telekommunikation, und da war ich dann. Zu der Zeit war es noch eine andere Welt als heute. Ich musste mich als Frau sehr oft beweisen und zeigen, dass ich Technikerin bin und nicht etwa von der Messeorganisation. Das war teilweise sehr anstrengend, aber ich habe auch viel Anerkennung und Wertschätzung erfahren.
Heute ist die Glasfaserbranche zwar noch immer männerdominiert, aber deutlich offener, jünger und diverser. Es gibt auch einige Fraueninitiativen, wobei ich mich manchmal frage, ob wir damit nicht wieder in Kategorisierungen verfallen. In jedem Fall liebe ich meinen Job und möchte ihn gegen nichts eintauschen – nach dem Motto einmal Glasfaser, immer Glasfaser.
Kupferkabel: So zukunftsfähig wie ein Faxgerät
DKE: Mit über 15 Jahren Erfahrung in der Glasfaserbranche begleiten sie Netzbetreiber und Stadtwerke beim Glasfaser-Inhouse-Ausbau. Was macht die Investitionen in den Glasfaserausbau für Deutschland so wichtig?
Sill: Wir kommen vom Kupferkabel und schaffen nun den Übergang in eine Welt der Glasfaser. Wenn ich das begreifen möchte, sollte ich mir klarmachen, dass ein Kupferkabel so zukunftsfähig ist wie ein Faxgerät. Die Datenübertragung per Glasfaser ist so viel schneller, stabiler, energieeffizienter und es gibt kaum Latenzen, also Verzögerungen bei der Übertragung. Das merke ich heute bei der Videokonferenz im Home Office oder beim Video-Streaming vielleicht nur manchmal – aber in Zukunft wird dieser Unterschied extrem zu spüren sein.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz treiben die benötigten Datenmengen in die Höhe. Wenn ich mir vorstelle, dass über Telemedizin Operationen von Fachärzten begleitet werden können, die gar nicht selbst vor Ort sind, dann braucht es dafür 100 Prozent zuverlässige Übertragungswege. Auch Anwendungen wie der digitale Zwilling in der Automation, Virtual Reality oder die KI-gestützte Alltagsorganisation brauchen Glasfaser. Darin steckt unendlich viel Potenzial, und wenn wir in Deutschland nicht weiter investieren, bremsen wir die Zukunft aus.
Glasfaserausbau in Deutschland: Beschleunigung des Ausbaus der digitalen Infrastruktur durch einheitliche Standards
Glasfaserkabel machen hierzulande einen steigenden Anteil am gesamten Breitbandnetz aus. Neue Kommunikationstechnologien reizen hohe Bandbreiten aus, um Daten zu übertragen – mit den bisher verwendeten Kupferkabeln ist das aber kaum möglich. In der DKE arbeiten zahlreiche Experten und Expertinnen gemeinsam an Lösungen für die Herausforderungen des Glasfaserausbaus.
Grundstücksgrenzen, gemeinsam Kaffee trinken und der Return on Invest
DKE: Die Marktanalyse des Bundesverband Breitbandkommunikation e. V. meldet für 2025, dass die Zahl der der potenziell erreichbaren Haushalte (Homes passed, Anm. d. Red.) durch nahegelegte Glasfaserleitungen, auf 24,3 Millionen angestiegen ist. Tatsächlich angeschlossen sind aber nur 12,6 Millionen Haushalte und Gebäude, wovon 6,6 Millionen Anschlüsse aktiv genutzt wurden. Warum ist das so?
Sill: Das liegt in der Unterschiedlichkeit der Aufgaben begründet. Eine hohe Anzahl an potenziell erreichbaren Haushalte zu realisieren, ist der leichte Teil: Ich bin im öffentlichen Raum, ich kann planen, bekomme Förderungen vom Bund und greife auf bekannte Routinen zurück. Dann komme ich, um einen Haushalt tatsächlich anzuschließen, an die Grundstücksgrenze – und es wird kompliziert. Zwar sieht das Telekommunikationsgesetz vor, dass ein Anschluss zu erfolgen hat. Es heißt auch, dass bis 2030 die Übertragung per Kupferkabel eingestellt wird.
Ich habe es aber mit privaten Lebensräumen zu tun, mit Eigentümern, die sich über Baustellen beschweren, muss komplizierte Terminabstimmungen managen – das kostet Zeit und Nerven. Was aus meiner Sicht fehlt, um diesen Prozess voranzutreiben, ist Kommunikation. Ich war letzte Woche erst wieder auf einer Baustelle und habe selbst Glasfaser verlegt. Gebucht waren wir für den Vollausbau bei einem einzelnen Anschluss in einem Sechs-Parteien-Haus. Wir haben mit den Leuten gesprochen, Kaffee getrunken, und am Ende wollte ein weiterer Haushalt gleich einen Termin vereinbaren und zwei haben mehr Informationen angefordert.
Ein aktiver Vertrieb und ein vernünftiges Abholen der Menschen würde sich aus meiner Sicht für jeden Netzbetreiber lohnen, denn es wird zwar in die Infrastruktur investiert, aber die letzte Meile fehlt – und erst mit einem aktiven Anschluss kommt der Return on Invest.
Glasfaser sucht Normen: Erste Qualitätsstandards schaffen
DKE: Sicherheit bei der Umsetzung ist einer der zentralen Treiber dafür, dass neue Technologien ihren Weg in die Praxis finden. Mit der VDE Leitlinie 0800-720 wurden Vorgaben zur Qualität des Materials gemacht, und es gab technische Vorgaben, wie der Glasfaserausbau im Netz auszusehen hat. Welche Aspekte sind hier zentral?
Sill: Wir haben in den letzten Jahren eine stark wachsende Zahl an Herstellern für Mikrorohre, Glasfaserkabel und Zubehör gesehen und damit eine stark schwankende Qualität. Der Grund ist, dass es für Glasfaser keine Normen gab. 2019 haben wir uns im nationalen Unterkomitee DKE/UK 412.6 zusammengesetzt, um erste Qualitätsstandards zu erarbeiten. Das Ergebnis ist die VDE Leitlinie 0800-720, die dafür verbindliche Kriterien definiert und so die Orientierung am Markt erleichtert. Ziel ist, dass die Installationen zuverlässig sind und eine hohe Lebensdauer aufweisen – wir wollen ja nicht in fünf Jahren von vorne anfangen.
Arbeitskreis sucht Leitung: Glasfaser-Normung nimmt Fahrt auf
DKE: Im Oktober 2022 haben Sie begonnen, im Arbeitskreis DKE/AK 412.6.7 an einer neuen Leitlinie zu arbeiten, die den Abschnitt vom Netz in die Immobilien in den Fokus nimmt. Wie kam es dazu, dass Sie die Leitung des Projekts übernommen haben?
Sill: Ich habe nicht schnell genug Nein gesagt (lacht, Anm. d. Red.). Im Ernst, ich hatte schon an der ersten Leitlinie mitgearbeitet und es stand im Raum, in einem Arbeitskreis mit maximal zwölf Mitarbeitenden weitere Qualitätskriterien für den Glasfaserausbau zu erarbeiten. Da sonst keiner Anstalten gemacht hat, die Leitung dafür zu übernehmen, habe ich mich bereit erklärt – durchaus auch, weil ich aktiv mitgestalten und meinen Beitrag leisten wollte.
Es wurde allerdings schnell klar, dass es für den Ausbau von der Grundstücksgrenze ins Haus, also die Netzebene 4 (NE4), dringend normative Grundlagen brauchte. Und so wurde aus meinem kleinen Arbeitskreis ein großer mit über 30 Teilnehmenden, der eine Sonderfreigabe der DKE erhielt, weil das Thema hohe Brisanz hatte.
30 Personen, Baileys im Kaffee und patentierte Ruhe
DKE: Wie lief die Arbeit in der Projektgruppe – waren auch hier Überlebensstrategien gefragt? Welche Themen wurden besonders heiß diskutiert?
Sill: Ich sage es einmal so, bei einer Gruppe aus 30 Personen geht es durchaus ans Eingemachte, zumal Mitbewerber, Planer, Netzbetreiber und Gutachter jeweils unterschiedliche Sichtweisen einbringen. Wir hatten zum Teil sehr langwierige Diskussionen zu einzelnen Details, wobei im Kern die Frage stand, was in einem Fluchtweg verlegt werden darf – eine Frage, zu der verschiedene Brandschutzgutachter verschiedene Sichtweisen einbrachten.
Insofern brauchte ich durchaus Überlebensstrategien (lacht, Anm. d. Red.). Da hilft manchmal ein Baileys im Kaffee zur Beruhigung, und außerdem Thomas Sentko. Er ist Normungsmanager für die Glasfaser-Thematik bei der DKE und hat mich quasi als Co-Leitung sehr unterstützt. Er strahlt eine solche Ruhe aus, die sollte er sich patentieren lassen, denn das ist bei intensiven Diskussionen wirklich hilfreich.
Mit unserem DKE Newsletter sind Sie immer top informiert! Monatlich ...
- fassen wir die wichtigsten Entwicklungen in der Normung kurz zusammen
- berichten wir über aktuelle Arbeitsergebnisse, Publikationen und Entwürfe
- informieren wir Sie bereits frühzeitig über zukünftige Veranstaltungen
Die neue Leichtigkeit: Glasfasern bergen keine Brandgefahr
DKE: Einer der Kernpunkte der VDE Leitlinie 0800-730 ist eine klare Vereinfachung bei der Glasfaserinstallation in Gebäuden. Sie steht im Zusammenhang mit der Muster-Richtlinie über brandschutzrechtliche Anforderungen an Leitungsanlagen (MLAR). Was ist der Clou?
Sill: Letzten Endes ist der Clou die Glasfaser selbst. In der MLAR war sie bislang gleichgesetzt mit einem elektrischen Kabel, was sie de facto nicht ist. Sie leitet keine Spannung, sie brennt nicht, sie erwärmt sich noch nicht einmal. Dennoch war sie aus Brandschutzsicht so zu behandeln, als ob sie eine intrinsische Brandgefahr berge, so dass sie in Fluchtwegen nur in Kombination mit einem Brandschutzkanal verlegt werden durfte.
Diese Art der Installation ist teuer, aufwändig und zudem von der Optik unschön, weil der Kanal sehr klobig ist. Teilweise haben sich Netzbetreiber damit beholfen, vom Keller über Steigleitungen von Wohnung zu Wohnung zu gehen – allerdings ist das ungünstig, wenn Nachbarn streiten und an den Kabeln manipulieren, und in Bestandsgebäuden sind die Steigleitungen zudem meistens voll.
In unserem Arbeitskreis war nun ein Gutachter vertreten, der parallel an einer Überarbeitung der MLAR beteiligt war. Anfang 2025 wurde darin festgelegt, dass Glasfasern in einem Metallkanal oder Klebefasern in Fluchtwegen verlegt werden dürfen, wenn sie über eine Gebäudeklassifikation verfügen. Darauf basierend, konnten wir die neue Leitlinie finalisieren und praxisnah aufzeigen, wie künftig eine sichere Glasfaserinstallation im Gebäude erfolgen kann.
Glasfaserinstallation im Fluchtweg: Sicher Zeit und Kosten sparen
DKE: An wen richtet sich die Leitlinie und welche Vorteile bringt sie konkret?
Sill: Unser Anspruch war es, für alle Beteiligten – Eigentümer, Planer, Architekten, Installateure, Elektriker und weitere Fachkräfte – eine leicht verständliche Grundlage zu schaffen. Die MLAR ist hochkomplex, das ist für Fachfremde kaum zu verstehen.
Die Leitlinie macht aus dem alten Angstgegner Fluchtweg einen Ort, an dem rund 80 Prozent der Glasfaserinstallationen einfach, kostengünstig, zeitsparend und unauffällig durchgeführt werden können. Wer sich an die Vorgaben aus der Leitlinie hält, arbeitet rechtssicher und braucht sich keine weiteren Gedanken zu machen. Dadurch, dass die Installation kaum auffällt, steigt vielleicht sogar an der in oder anderen Stelle die Akzeptanz bei den Menschen, die in den Häusern leben.
4.000 Fachkräfte für ein grünes Lämpchen
DKE: Sie beobachten den Glasfasermarkt schon seit langem und kennen ihn aus verschiedenen Perspektiven. Ihre Einschätzung zum Schluss: Welche Schritte sind jetzt notwendig – und wo stehen wir bestenfalls in fünf Jahren?
Sill: Ich war lange auf Seiten der Hersteller unterwegs und weiß, dass dort alles bis ins letzte Detail durchdacht wird. Nun bin ich in der Umsetzung aktiv und sehe, dass es in der Praxis vor allem eines braucht – klare Vorgaben und einen sicheren Rahmen, um die Dinge konsequent umzusetzen.
Wenn wir bis 2030 20 Millionen Haushalte real angeschlossen haben wollen, brauchen wir außerdem circa 4.000 Fachkräfte, und zwar nur für die Installation. Das lässt sich einfach ausrechnen, wenn ich weiß, dass ein Zwei-Personen-Trupp am Tag acht Wohneinheiten anschließen kann. Das heißt, wir brauchen dringend mehr Menschen, die den Job erledigen, und Initiativen zur Weiterbildung.
Der VDE hat bereits einen Leitfaden herausgegeben, der sich gezielt an Menschen wendet, die im Glasfaserausbau aktiv werden wollen. Auch mit meiner Firma ziele ich darauf ab, mehr Manpower für die Branche zu schaffen. Persönlich kann ich sagen, dass es ein Job ist, der Spaß macht. Jeder handwerklich begabte Quereinsteiger kann sich das aneignen, egal, ob Werkstudent oder Schneiderin, die mit filigranen Arbeiten Übung hat. Du arbeitest drinnen, kannst dich mit Menschen unterhalten und bekommst meistens Kaffee. Am Ende brennt ein grünes Lämpchen, alle sind glücklich und du gehst zum nächsten Einsatzort. Was willst du mehr?
DKE: Frau Sill, vielen Dank für das spannende Gespräch.
Redaktioneller Hinweis:
Die Antworten entsprechen den persönlichen Ansichten und Meinungen der Interviewpartnerin und müssen nicht denen der DKE entsprechen.