In der Industrie 4.0 tauschen Maschinen, Bauteile und Anlagen zunehmend automatisiert Daten aus, etwa über digitale Zwillinge, virtuelle Abbilder mit allen wichtigen Informationen zu einem Produkt. Normen und Standards blieben davon bislang ausgeschlossen und lagen meist nur auf Papier oder als PDF vor. Die IDiS-Projektgruppe hat solche Normen, im Projekt „SMART Standards" genannt, ebenfalls mit einem digitalen Zwilling ausgestattet, einer sogenannten Verwaltungsschale. In zwei Projektphasen zeigte sie, wie sich Normanforderungen dadurch automatisiert mit der Produktentwicklung abgleichen und in Vorzertifizierungsprozesse, also die Prüfung vor der eigentlichen Zertifizierung, einbinden lassen.
Projektdaten auf einen Blick
Projekt-Plattform: Initiative Digitale Standards (IDiS) von DIN und DKE
Laufzeit: Q3 2021 – 06/2024, durchgeführt in zwei Projektphasen
Projektphase A: Q3 2021 – Q3 2022 (12 Monate)
Projektphase B: 15.09.2023 – 26.06.2024
Projektpartner
Projektphase A
- DIN Deutsches Institut für Normung e. V.
- Empolis Information Management GmbH
- Fraunhofer IOSB-INA
- Parson AG
- Phoenix Contact GmbH & Co. KG
- VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. / DKE Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik
- WAGO Kontakttechnik GmbH & Co. KG
- wordbsign
Projektphase B
- BAM Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung
- Beuth Verlag
- DIN Deutsches Institut für Normung e. V.
- DLR Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
- Fraunhofer IOSB-INA
- Harting
- Parson AG
- Phoenix Contact GmbH & Co. KG
- Siemens
- Siemens Healthineers
- VDE Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e. V. / DKE Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik
- WAGO Kontakttechnik GmbH & Co. KG
- wordbsign
Ausgangssituation & Herausforderung
Industrie 4.0 (I4.0) hat das Ziel, Produkte, Maschinen und Anlagen in der Industrie über Computer und Software intelligent und selbstständig miteinander zu vernetzen. Was dabei vernetzt wird, nennt man ein „Asset", also zum Beispiel eine Maschine, ein Bauteil oder eine Anlage. Die Verwaltungsschale (englisch: Asset Administration Shell, kurz AAS) ist das Konzept, mit dem so ein Asset seinen digitalen Zwilling erhält: eine Art digitale Akte, in der alle wichtigen Informationen zu diesem Asset gesammelt sind. Das verbessert die Dokumentation über die gesamte Lebensdauer hinweg und sorgt für Interoperabilität: die Fähigkeit, dass Systeme unterschiedlicher Hersteller Daten austauschen und miteinander arbeiten können, ohne dass man sie erst mühsam „übersetzen" muss.
Normen und Standards legen fest, welche Anforderungen ein Asset erfüllen muss; sie werden zum Beispiel für die Dokumentation oder Zertifizierung herangezogen. Das Problem: Bislang wurden auch Normen selbst in ganz unterschiedlichen, teils firmeneigenen (proprietären) Verwaltungssystemen abgelegt, die nicht miteinander kompatibel sind. Über Abteilungs- und Unternehmensgrenzen hinweg entsteht so ein Bruch in der digitalen Kette.
Das Projekt hat deshalb Normen und Norminhalte ebenfalls als Verwaltungsschale abgebildet, im Projekt „SMART Standards" genannt. Damit passen sie ins gleiche digitale Format wie die Produkte, die sie betreffen, und lassen sich direkt in Industrie-4.0-Systeme integrieren. Das schafft Interoperabilität mit allen Partnern in der Wertschöpfungskette und vereinfacht normenbasierte Abläufe wie die Produktzertifizierung.
Projektziel
Im Piloten „Normintegration in die Verwaltungsschale“ (NormAAS) wurden SMART Standards mit Verwaltungsschalen ausgestattet. In der Folge können SMART Standards als Industrie-4.0-Komponente – also SMART Standard plus Verwaltungsschale – in Industrie-4.0-Ökosysteme integriert werden. Als Nutzen wurden erwartet:
- Integration und semantische Anreicherung von Norminhalten auf Dokument- und Contentebene in die Verwaltungsschale
- Direkte Abrufbarkeit relevanter Norminhalte und -fragmente aus der Verwaltungsschale heraus
- Automatisches Matching von Produktfähigkeiten mit Normanforderungen
- Rückspielen von Anwendungswissen in ein Normen-Management-Portal zur Bewertung und gegebenenfalls Übernahme durch Normersteller
Nutzen
Durch die iterative Anwendung der Produktentwicklungs- und Vorzertifizierungsservices wird frühzeitig sichergestellt und dokumentiert, dass entwickelte Produkte konform zu den jeweils als relevant eingestuften Normen sein werden. Darüber hinaus sinkt durch die Reduzierung von Interpretationsvarianzen das Risiko, dass ein Produkt aufgrund abweichender Auslegungen von Auftraggebenden und Produktentwickelnden nicht abgenommen oder schlicht nicht zertifiziert wird.
- Integration von Normanforderungen in die Produktentwicklung
- Matching von Produktfähigkeiten und Normanforderungen auf Basis der Verwaltungsschalen von Produkt und Standard
- Bewertung der Normkonformität des jeweils aktuellen Produktentwicklungsstands
- Weniger Interpretationsspielraum und damit weniger Abstimmungs- und Nacharbeitsaufwand entlang der Lieferkette