Grüne Kreislaufwirtschaft Konzept
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14.10.2019 Fachinformation 491 0

Wie kann die IEC die Kreislaufwirtschaft gestalten?

Wir leben aktuell noch in einer Wegwerfgesellschaft. Aber die Chancen auf eine Veränderung hin zum Positiven stehen gut. Nachhaltig zu leben und an die Zukunft der nächsten Generationen zu denken, gewinnt wieder mehr an Bedeutung. Ein großes Thema im Kontext der Veränderung ist die Kreislaufwirtschaft. International beschäftigt sich das TC 111 von IEC mit Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei Produkten in der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik.

IEC-Logo

Von Natalie Mouyal

Stetig wachsende Müllberge und die drohende Erschöpfung der natürlichen Ressourcen beweisen, dass aktuelle Verfahren der Produktion alles andere als nachhaltig sind.

Beim derzeitigen linearwirtschaftlichen Modell werden Produkte hergestellt, genutzt und anschließend entsorgt – so entsteht eine „Wegwerfwirtschaft“.

Ein neues Wirtschaftsmodell, die sogenannte Kreislaufwirtschaft (eng. circular economy) ist angetreten, diese Linearwirtschaft abzulösen, und gewinnt zunehmend an Fahrt.

Kontakt

Ingrid Blank
Zuständiges Gremium

Innerhalb der IEC sind das Advisory Committee on Environmental Aspects (ACEA), das dem Standardization Management Board (SMB) bei Umweltfragen beratend zur Seite steht, und das IEC/TC 111 (Spiegelgremium: DKE/K 191), das horizontale Normen zu Umweltaspekten erarbeitet, damit befasst, die Anforderungen für die Kreislaufwirtschaft zu untersuchen.

Begriffsdefinitionen: Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz

Das Konzept der Kreislaufwirtschaft verlangt einen die gesamte Gesellschaft betreffenden Paradigmenwechsel, bei dem Produkte, Komponenten und Materialien als Teil eines regenerativen und nachhaltigen Systems betrachtet werden. Dahinter steht eine Neubewertung des Ressourcenmanagements und der Wahrnehmung von Abfall über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts – angefangen bei der Gestaltung eines Produkts über dessen Nutzung, Reparatur, Wiederverwendung, Wiederaufbereitung bis hin zur Umwandlung in Teile für neue Produkte.

Oder, wie die ACEA-Vorsitzende Solange Blaszkowski es formuliert: „Bei der Kreislaufwirtschaft geht es darum, die Entwicklung und Nutzung von Produkten zu fördern, die langlebiger, einfacher zu reparieren und schließlich wiederaufzubereiten sind.“ Dabei gibt sie zu bedenken: „Voraussetzungen dafür sind allerdings ein entsprechendes Geschäftsmodell, eine Rücknahmelogistik und günstige gesellschaftliche sowie regulatorische Bedingungen. Man kann zwar Produkte entwickeln, die einfach zu reparieren, aufzuarbeiten oder wiederaufzubereiten sind, benötigt hierfür aber auch ein Geschäftsmodell. Ein Rücknahmezyklus ist erforderlich, damit die Hersteller die Produkte zwecks Aufarbeitung oder Wiederverwendung der Komponenten zur Herstellung neuer, aufbereiteter Produkte zurückerhalten. Die Nutzer müssen außerdem gewillt sein, ihre Produkte reparieren zu lassen oder ein aufgearbeitetes Produkt zu kaufen.“

Materialeffizienz ist ein wesentlicher Teil der Kreislaufwirtschaft. Dazu gehört die Einsparung von Materialien durch die Entwicklung langlebigerer, in Bezug auf den Ressourceneinsatz, effizienterer Produkte, die die Wiederverwendung oder das Recycling von Teilen am Ende ihrer Lebensdauer erleichtern. „Hinter dem Konzept der Materialeffizienz steht der Gedanke, dass wir nicht damit fortfahren können, die Ressourcen der Erde zu verbrauchen, denn sonst werden sie schon sehr bald erschöpft sein und uns nicht mehr für die Herstellung neuer Produkte und neuer Technologien zur Verfügung stehen“, erläutert Blaszkowski. „Deshalb müssen wir die derzeit bereits verwendeten Materialien unbedingt besser nutzen.“

Kreislaufwirtschaft

Kreislaufwirtschaft

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Die Rolle von Normen und Standards bei der Produktlebensdauer

Normen können als wichtiges Werkzeug zur Förderung der Kreislaufwirtschaft dienen. Sie können z. B.

  • Verfahren zur Bestimmung der Beständigkeit oder Aktualisierbarkeit eines Produkts bereitstellen,
  • helfen zu bestimmen, wie einfach ein Produkt repariert oder wiederverwertet werden kann und
  • die Qualität der wiederverwerteten Materialien sicherstellen.

Normen müssen bestimmte Anforderungen festlegen, durch deren Erfüllung die Sicherheit und Leistungsfähigkeit von Produkten gewährleistet ist, unter anderem auch dann, wenn die Produkte zukünftig viel länger in Gebrauch sein sollen. Themen wie Produktaktualisierungen und eine höhere Anzahl von Reparaturzyklen müssen behandelt werden. In den Normen wird außerdem berücksichtigt werden müssen, dass Produkte zukünftig in größerem Umfang wiederverwertete Materialien und wiederverwendete Komponenten enthalten werden.

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Das TC 111 hat bereits mehrere Publikationen veröffentlicht, die sich mit den Umweltauswirkungen von elektrischen und elektronischen Geräten beschäftigen. In der IEC 62430 werden die Anforderungen und Verfahren zur Einbeziehung von Umweltaspekten in die Gestaltung und Entwicklung von Produkten sowie für die Materialien und Komponenten, aus denen sie bestehen, festgelegt. Eine neue Ausgabe, die zusammen mit der ISO erarbeitet wurde, wird voraussichtlich noch in diesem Jahr veröffentlicht. Obwohl diese Norm ökologische Aspekte der Produktgestaltung zum Schwerpunkt hat, geht sie nicht auf die Themen der Materialeffizienz oder die Kreislaufwirtschaft beim Materialeinsatz ein. Derzeit werden Pläne zur Entwicklung einer neuen Norm verfolgt, die Aspekte der Kreislaufwirtschaft bei der umweltbewussten Produktgestaltung einschließt.

Zwei Technische Berichte, IEC TR 62824 und IEC TR 62635, die ebenfalls vom TC 111 herausgegeben wurden, bieten Richtlinien zur Materialeffizienz für die ökologische Gestaltung von Produkten bzw. für die Berechnung der Recyclingquote bei elektrischen und elektronischen Geräten. Das TC 111 hat außerdem Normen zur Nutzung von Rohstoffen veröffentlicht, wobei insbesondere IEC 62474 zu nennen ist, in der die Anforderungen für die Berichterstattung über Stoffe und Materialien festgelegt sind, die in elektronischen und elektrischen Produkten verwendet werden.

Die IEC sieht sich allerdings mit der Notwendigkeit konfrontiert, weitergehende Anstrengungen auf diesem Gebiet zu unternehmen. So jedenfalls das Ergebnis einer Befragung, die von der ACEA durchgeführt wurde, um nachvollziehen zu können, welche Richtlinien die IEC-Gemeinschaft möglicherweise benötigt, sowie das Fazit einer vom TC 111 durchgeführten Studie zum Stand der Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz weltweit. „Die IEC muss Schwerpunkte bei allen Aspekten der Kreislaufwirtschaft setzen. Nicht nur zum Schutz des Planeten, sondern auch zum Schutz der Menschen und zur Bereitstellung der Hochleistungstechnologie, auf die sie angewiesen sind“, ist Blaszkowski überzeugt.


Baum wächst auf Computerplatine
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Expertengremium DKE/K 191 Umweltschutz und Nachhaltigkeit bei Produkten in der Elektrotechnik, Elektronik, Informationstechnik

Das Expertengremium werden Querschnittsnormen und Leitfäden zur umweltgerechten Gestaltung von Produkten der Elektrotechnik und Elektronik erarbeitet. Einen Schwerpunkt bildet die Erarbeitung von Normen zur Behandlung von Elektro- und Elektronik-Altgeräten. Auch das Thema „Re-use“, also die Behandlung von Elektronik-Altgeräten, welche für eine weitere Verwendung vorgesehen sind wird von den Experten des Gremiums diskutiert.

Zum Expertengremium DKE/K 191

ACEA-Befragung und Bereitstellung weiterführender Richtlinien

Um den Wissensstand zu den Konzepten von Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz besser nachvollziehen zu können, hat die ACEA einen Fragebogen erstellt, der an die Vorsitzenden und Sekretäre aller Technischen Komitees und Unterkomitees versandt wurde.

Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass bestimmte Aspekte der Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz, wie z. B. die Optimierung der Produktgestaltung und die Wiederverwertbarkeit, direkte Relevanz für die Arbeit vieler TCs, SCs und SyCs besitzen, auch wenn dies möglicherweise nicht immer erkannt wird.

Außerdem wurde deutlich, in welchen Bereichen die TCs, SCs und SyCs weitere Unterstützung benötigen: So müssen die Komitees einen Weg finden, um auf der einen Seite Produkte herzustellen, die einer größeren Anzahl von Reparaturzyklen standhalten und einen höheren Anteil wiederverwerteter Komponenten enthalten, und auf der anderen Seite sicherzustellen, dass diese Produkte leistungsfähig und sicher sind.

Möglicherweise sind auch Kompromisse zwischen der Herstellung langlebigerer Produkte und der Minimierung ihres Energieverbrauchs erforderlich. In einigen Fällen mag es nicht ratsam sein, ein Produkt zu reparieren, wenn die damit verbundenen Kosten den Wert des Produkts übersteigen oder die Reparatur für die Person, die sie durchführt, potenziell gefährlich ist.

„Die Komitees müssen sich überlegen, wie sie am besten zur Schaffung einer Kreislaufwirtschaft beitragen können“, meint Richard Hughes, ein Mitglied der ACEA. „Sie müssen sich fragen: Wie können wir das Problem der Sicherheit im Kontext von Produkten angehen, die eine längere Lebensdauer aufweisen oder aus Teilen gefertigt wurden, die schon einmal verwendet wurden? Und welche Anforderungen sollten für Produkte gelten, die repariert oder wiederaufbereitet wurden? Diese Fragen müssen im Kontext der Kreislaufwirtschaft angegangen werden.“

Im nächsten Schritt wird die ACEA weiterführende Richtlinien zu Fragen im Zusammenhang mit Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz bereitstellen. Zu diesen Themen wird im späteren Jahresverlauf ein Webinar zur Verfügung stehen. Darüber hinaus soll am 19. Oktober 2019 während der IEC-Generalversammlung in Schanghai ein Workshop stattfinden.

Zusätzlich wird die ACEA im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Aktualisierung des IEC Guide 109 zur Berücksichtigung von Umweltfragen bei der Erarbeitung von Normen eine Ergänzung hinzufügen, die relevante Aspekte der Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz einbezieht.


Newsletter in Tablet liegt auf einer Tastatur
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Aktivitäten des Expertengremiums IEC/TC 111

Im Rahmen seiner Aufgabe, horizontale Normen zu Umweltfragen zu erarbeiten, hat das TC 111 mit Vorarbeiten im Bereich Kreislaufwirtschaft begonnen. In einem ersten Schritt wurde ein Studienbericht mit Empfehlungen zu möglichen Normungsaktivitäten im TC 111 herausgegeben.

Der Bericht bot einen Überblick zum Stand der Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz in Japan, China, Europa und Korea, um zu ermitteln, ob eine Harmonisierung auf globaler Ebene von Vorteil wäre. Dabei wurde der Schwerpunkt auf die in diesen Ländern geltenden Richtlinien zu 13 Themen aus dem Bereich Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz gelegt, darunter Beständigkeit, effiziente Ressourcennutzung sowie Reparierbarkeit und Wiederverwertbarkeit von Produkten.

„Dieser Bericht zeigt, dass die Kreislaufwirtschaft in vielen Ländern weltweit bereits Realität ist“, so der Vorsitzende des TC 111, Christophe Garnier. „Wir planen, in diesem Bereich neue Normungsvorhaben unter Berücksichtigung der Befragungsergebnisse sowie jedweder anderen, bereits unternommenen Normungsaktivitäten zu beginnen, um Überschneidungen zu vermeiden.“

Da die Konzepte der Kreislaufwirtschaft und Materialeffizienz relativ neu sind, wurden sie in der Normungsarbeit bislang noch nicht ausreichend behandelt. Um diesen Zustand zu beenden, wird im Bericht die Einführung eines neuen, mit dem System der Kreislaufwirtschaft kompatiblen, Gestaltungskonzepts (Circularity Design) empfohlen, das den Schwerpunkt auf eine die Materialverwendung betreffende Kreislaufwirtschaft legt.

Ferner wird die Erarbeitung einer neuen Norm empfohlen, die den Fokus auf das „Circularity Design“ von elektrischen und elektronischen Geräten legt. Garnier ist überzeugt: „Mit diesem Normenentwurf hält das Konzept der Kreislaufwirtschaft Einzug in die umweltbewusste Produktgestaltung.“


Falsche Entsorgung von Batterien in der Natur
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Förderung von nachhaltigen Konsum- und Produktionsweisen

Die Vereinten Nationen haben 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Im Bereich der Normung befasst sich IEC/TC 111 mit der Umweltschutznormung für elektrische und elektronische Produkte und Systeme.

Darüber hinaus unterstützt das IECQ HSPM-Programm Hersteller und Lieferanten, die elektronische Komponenten ohne den Einsatz gefährlicher Stoffe produzieren bzw. ausliefern wollen.

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Internationale Zusammenarbeit in der elektrotechnischen Normung