Interview mit Jens Mühlhaus

Interview mit Jens Mühlhaus

| Syda Productions / stock.adobe.com und Yaruniv-Studio / stock.adobe.com
10.04.2019 Kurzinformation

Für die rückwärtsgewandte Energiepolitik der Bundesregierung haben wir keine Zeit mehr

Im Interview mit Frank Steinmüller von der DKE spricht Jens Mühlhaus über Akzeptanzprobleme beim Windkraftausbau, die aktuelle Klimaprotest-Bewegung „Fridays for Future“ und welche Rahmenbedingung er für den schnellen Ausbau der Erneuerbaren als notwendig erachtet.

Kontakt

Frank Steinmüller

Verwandte VDE Themen

Jens Mühlhaus ist Vorstand des Münchner Verkehrs- und Energiewendeunternehmens Green City AG.

Jens Mühlhaus

Jens Mühlhaus

| Dominik Parzinger

Steinmüller: Was ist ihr persönlicher Eindruck: Wie wird das Thema „Energiewende“ bislang von den deutschen Bürgerinnen und Bürgern wahrgenommen?

Mühlhaus: Das ist zum Teil widersprüchlich. In Umfragen findet der Bürger die Erneuerbaren in aller Regel super, die Zustimmungswerte, insbesondere für die Solarenergie, sind enorm. 93 Prozent der Bürger sprechen sich für einen Ausbau der Erneuerbaren Energien aus. Wenn man dann direkt in die Regionen schaut, ist das Bild natürlich differenzierter. Vor allem bei der Windkraft, die für die Energieversorgung extrem notwendig ist, gibt es erhebliche Akzeptanzprobleme. Das ist teilweise auch verständlich, weil ein Windpark optisch womöglich die Landschaft verändert.

Das grundlegende Problem ist aber wohl, dass Veränderung – auch wenn sie im Grunde gewünscht ist und als notwendig erachtet wird – Stress für Menschen bedeutet. Wenn Veränderung dann im eigenen Job, im eigenen Umfeld stattfindet, wird das manchmal ungern oder gar als Bedrohung gesehen. Das führt momentan zu erheblichen Schwierigkeiten.

Steinmüller: Wie könnte man Ihrer Ansicht nach die Akzeptanz erhöhen?

Mühlhaus: Ich glaube, ganz wesentlich wäre eine politische Führung mit eindeutiger Haltung und Vision. Also eine Bundesregierung, die den Menschen klar sagt, dass sie die Energiewende durchzieht, dass eine Versorgung aus 100 Prozent Erneuerbaren zwingend notwendig ist und dass wir das gemeinsam hinbekommen. Das würde aber auch bedeuten, dass die Regierung richtig Geld in die Hand nimmt, um dort, wo die anstehenden Veränderungen besonders schmerzhaft sein werden, Linderung zu verschaffen – zum Beispiel durch einen Solidaritätsfond oder ähnliches.

Nehmen wir als Beispiel den Kohleausstieg: Dass jetzt seit Monaten um über 20.000 Arbeitsplätze in der Braunkohle so ein Tamtam gemacht wird, während gleichzeitig in den letzten Jahren in der Windbranche durch das Zaudern der Regierung mindestens ebenso viele Arbeitsplätze längst wieder verloren gegangen sind, ist mit Logik nicht zu erklären. Was oft und gerne vergessen wird: Seit 2011 sind in der deutschen Solarbranche 100.000 Arbeitsplätze mit Zukunftsperspektive vernichtet worden. Eine klare Haltung zur Energiewende ist in der Politik aber seit Jahren nicht zu erkennen und das hat auch die Bevölkerung verunsichert.

Steinmüller: Aber es gab ja die Klima-Beschlüsse von Meseberg und Deutschland hat auch das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet.

Mühlhaus: Ja, aber es wird halt nicht gehandelt. So ein Klimaschutz-Beschluss ist leicht gefasst, weil das nichts kostet. Gleichzeitig wird aber seit Jahren nicht gesagt, wie es jetzt mit dem Ausbau der Wind- und Solarenergie weitergehen soll und der Kohleausstieg wird verzettelt. Da passiert überhaupt nichts, außer dass Arbeitskreise gebildet werden. So werden wir der Klimakrise nicht Herr und verspielen gleichzeitig die Zukunftsperspektive der jungen Generation.


Bild mit Solar Panels, Windräder und Wasserkraftwerk
Alberto Masnovo - stock.adobe.com

Erneuerbare Energien – Transformation der Energiewelt

Damit die Energiewende ein Erfolg wird, müssen zahlreiche verschiedene Komponenten und Systeme reibungslos ineinandergreifen. Die Normungsarbeit der DKE trägt zum sicheren Ausbau der Erneuerbaren auf vielfältige Weise bei.

Mehr über Erneuerbare Energien lesen

Steinmüller: Glauben Sie, dass durch die aktuellen Klimaproteste wie #fridaysforfuture grundsätzlich etwas in Bewegung kommt?

Mühlhaus: Das ist tatsächlich ein Momentum. Gleichzeitig habe ich die Befürchtung, dass dieser Spirit wie gewohnt von den „Profis“ gekonnt ausgebremst wird, wie das in den vergangenen Jahren schon viele Male passiert ist.

Dass etwas in Bewegung gekommen ist, spüre ich aber nicht nur bei den Jugendlichen. Wir merken als Energie- und Verkehrswendeunternehmen sehr deutlich, dass auch die Finanzwirtschaft mit ganzer Kraft versucht sich umzuorientieren. Die Entscheider, beispielsweise von Pensionskassen, hinterfragen ihre bisherigen Investments und wollen wirklich ihr Geld in saubere Technologien fließen lassen. Da ist sicher der soziale Druck, der beim Abendbrot entsteht, wenn die eigenen Kinder fragen: „Papa, du hast doch die Möglichkeit, Dinge zu verändern. Was machst Du eigentlich?“ von Bedeutung. Das spüre ich selber übrigens auch.

Und dann spielt natürlich die Sorge aller ordentlichen Kaufleute eine große Rolle, die anfangen sich zu fragen, ob sie im Jahr 2019 mit einer Investition in Kohle nicht auf das falsche Pferd setzen und im wahrsten Sinne des Wortes Geld verbrennen. Über solche Fehlentscheidungen muss ein Vorstand Rechenschaft ablegen. Auch in der Automobilindustrie ist das ja gerade sehr gut zu beobachten.

Energiepolitik

Steinmüller: Wie dezentral ist die Energiewende bislang?

Mühlhaus: Sehr! Die ersten zehn Jahre war die Energiewende sogar ausschließlich dezentral; da waren größere Strukturen überhaupt nicht beteiligt. Im Gegenteil, sie haben versucht, sie zu verhindern. Angefangen hat die Energiewende als Kampf gegen Konzerne, die alles blockiert haben. Wenn beispielsweise RWE heute noch um die Abholzung des Hambacher Forst kämpft, dann sind das Abwehrkämpfe; dem Unternehmen drohen weiter signifikante Anteile am Energiemarkt verloren zu gehen.

Das Thema ist aber im Grunde schon fast durch. Das sieht man schon daran, wer in Erneuerbare investiert und Projekte umsetzt. Es gibt die Häuslebauer, die eine kleine Anlage fürs Dach kaufen, Bürgergesellschaften, wie wir sie organisieren, die Windparks bauen, Stadtwerke oder Utilities, bis hin zu großen Investmentfonds, Pensionskassen, Versicherungen, die ganze Parks finanzieren. Damit hat ein Strukturwandel weg von den wenigen Energiekonzernen hin zu einer Vielzahl an Beteiligten und Akteuren stattgefunden. Ich glaube, das wird auch so bleiben.

Steinmüller: Warum ist „Dezentralität“ überhaupt wünschenswert?

Mühlhaus: Wenn Anlagen dezentral sind, muss deren Betrieb und Instandhaltung vor Ort geschehen. Das schafft regional für viele Menschen Arbeit. Kapital, das ansonsten in eine Dividendenstruktur mit wenigen Arbeitsplätzen oder in Energieeinkäufe aus dem Ausland geflossen wäre – wie das ja bei Kohle und Öl fast immer der Fall ist – bleibt vor Ort. Die vielen Milliarden fließen nicht zu irgendeinem Scheich, stattdessen erfolgt die Wertschöpfung in der Region und fließt in Form von direkten Einnahmen und Steuern wieder ins Gemeinwesen, womit Infrastruktur und Bildung finanziert werden können. Ich glaube, dass durch den dezentralen Ausbau der Erneuerbaren eine sehr gesunde Wirtschaft und Wohlstand entstehen kann. Und das ist ja schlussendlich was die Menschen interessiert: dass sie in ihrer Heimat gut leben können.

mini-pv-anlagen
Otmar Smit - Fotolia

Steinmüller: Was sind für Sie die wichtigsten Stellschrauben, an denen gedreht werden muss, damit sich der Ausbau der Erneuerbaren beschleunigt?

Mühlhaus: Wir brauchen eine Gesetzgebung, die mittel- und langfristig verlässlich ist. Als Unternehmen hoffen wir gerade auf eine Energiegesetzgebung, die die langwierigen und kapitalintensiven Projektentwicklungen verlässlich absichert. Es muss einfach klar sein, dass es sich lohnt zu investieren. Damit meine ich nicht nur das Kapital, sondern auch, dass, zum Beispiel Bürgermeister, sich guten Gewissens dafür einsetzen können, ohne bei der nächsten Wahl abgestraft zu werden oder dass ein Landwirt weiß, dass es sich lohnt, sich mit den Baugenehmigungen rumzuschlagen. Es ist wichtig zu wissen, dass all diese Arbeit, die in der Vorbereitung steckt, nicht sinnlos verpufft.

Im Moment wird mit vielen Projekten gar nicht erst begonnen – egal ob kleine PV-Aufdachanlage oder großer Windpark – weil es den Anschein hat, dass die Politik das eigentlich nicht will. Ich will keine Goldgräberstimmung – natürlich muss der Ausbau festen Regeln folgen. Aber es muss klar sein, dass die Energiewende von Seiten der Politik vorbehaltlos unterstützt wird. Bislang fehlt die entsprechende Motivation, damit sich deutlich mehr Menschen als bislang auf den Weg machen.

Steinmüller: Viele Ökonomen fordern inzwischen eine CO2-Abgabe, damit der wahre Preis fossiler Energieprodukte sichtbar wird. Was halten Sie davon?

Mühlhaus: Das ist für mich das zentrale Instrument, damit sich die Erneuerbaren schnell durchsetzen. Ich glaube, wenn man eine solche Steuer oder Abgabe konsequent einführen würde, könnte man sich viele andere Gesetzgebungen oder Förderungen komplett sparen.


Interessiert an weiteren Inhalten zu Energy?

Fokusbild Energy

In der alltäglichen und gesellschaftlichen Diskussion ist sie ein ebenso großes Thema wie in der DKE – die Rede ist von der Energie. Unsere Normungsexperten bringen ihr Wissen aber nicht nur ein, um die Energieversorgung und -verteilung zukünftig „smart“ und dezentral zu machen, sondern leisten einen ebenso hohen Beitrag für den Betrieb elektrischer Anlagen und bei der flächendeckenden Verbreitung erneuerbarer Energien. Weitere Inhalte zu diesem Fachgebiet finden Sie im

DKE Arbeitsfeld Energy

Relevante News und Hinweise zu Normen