Interview mit Roland Bent

Interview mit Roland Bent

| Monika Wisniewska / stock.adobe.com und Yaruniv-Studio / stock.adobe.com
03.05.2019 Kurzinformation

Die Kunst liegt darin, unterschiedliche Angebote der Mobilität intelligent miteinander zu vernetzen

Im Interview mit Dr. Ralf Petri von der DKE spricht Roland Bent über den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur, Innovationsförderungen durch Normen und Standards und die Vorteile des autonomen Fahrens.

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Dr. Ralf Petri

Roland Bent ist Chief Technical Officer bei Phoenix Contact, Präsident der DKE und leitet die Arbeitsgruppe 6 (AG 6) „Standardisierung, Normung, Zertifizierung und Zulassung“ der Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität (NPM). Nicht nur in seiner Funktion als Präsident der DKE meint der Experte, dass Normung für den Ausbau zukunftsfähiger Mobilitätskonzepte von elementarer Bedeutung ist.

Roland Bent

Roland Bent

| Phoenix Contact

Dr. Petri: Dieselgate, CO2-Grenzwerte, Fahrverbote: Der Verkehrssektor rückt im Moment fast täglich in den Fokus der Öffentlichkeit und sorgt für erregte Diskussionen. Kommt das zu spät?

Bent: Ich glaube schon, dass es nicht schlecht gewesen wäre, wenn man dieses Thema früher in das Rampenlicht gerückt hätte. Denn es gilt jetzt wirklich, innerhalb des relativ kurzen Zeitraums bis 2030, die Emissionsziele der EU zu erreichen.

Die in den letzten Jahrzehnten ergriffenen Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen waren richtig und wichtig, haben aber rückwirkend betrachtet nicht ausgereicht, die mit dem stark angestiegenen Verkehr verbunden Emissionen zu kompensieren. Das heißt, wir müssen jetzt weiter sehr konsequent daran arbeiten.

Mit der Reife der Elektromobilität haben wir aber heute die entsprechenden Möglichkeiten, für wirklich nachhaltige Veränderungen zu sorgen. Das war so vor 10 Jahren noch nicht der Fall. Von daher ist es mit Sicherheit nicht zu früh, aber auch nicht zu spät, wenn wir konsequent diese Ziele verfolgen und entsprechende Maßnahmen einleiten.

Dr. Petri: Welche Schritte oder welcher Rechtsrahmen sind denn Ihrer Meinung nach notwendig, um die Verbraucherfreundlichkeit zu erhöhen, um mehr E-Mobile auf die Straße zu bringen?

Bent: Ein ganz wichtiger Punkt ist dabei natürlich die Förderung des Ausbaus der Ladeinfrastruktur. Dazu gehört, neben einer finanziellen Förderung durch staatliche Institutionen, ein ausreichendes Augenmaß bei der Umsetzung regulatorischer Maßnahmen. Hier gilt es sicherzustellen, dass die im öffentlichen Interesse stehende Umsetzung von Regulierungen im ausreichenden Einklang mit der Verfügbarkeit von Normen und Standards sowie von dann konformen Geräten und Komponenten einher geht.

Ein Beispiel dafür, das ja auch gerade intensiv diskutiert wird, ist sicher das eichrechtskonforme Laden von Elektrofahrzeugen – also die bedarfsgerechte Abrechnung von Energie für den Kunden und Nutzer von Elektrofahrzeugen im Sinne von § 3 Nr. 24b MessEG des Eichrechts.

Ganz konkret denke ich außerdem an eine Überarbeitung des Wohneigentums- beziehungsweise des Mietrechts, um es künftig Eigentümern von Wohnungen und auch Mietern leichter zu machen, Ladesysteme zu installieren. Das Laden am Arbeitsplatz ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Auch hier gilt es, den entsprechenden rechtlichen Rahmen zu schaffen, der es sowohl für den Arbeitgeber als auch den Arbeitnehmer einfach und auch attraktiv macht, diese Möglichkeiten zu nutzen.

Einen guten Überblick, welche Maßnahmen und Anforderungen es im Rahmen der Ladeinfrastruktur zu be- und erarbeiten gilt, wurde in dem gerade veröffentlichten Papier der Arbeitsgruppe 5 „Verknüpfung der Verkehrs- und Energienetze, Sektorkopplung“ der NPM zusammengetragen. Echte Hindernisse, die einer schnellen Umsetzung des Aufbaus der Ladeinfrastruktur im Wege stehen, müssen zügig aus dem Weg geräumt werden.

Standards

Dr. Petri: Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Normen und Standards, um einen erfolgreichen Markthochlauf von Elektrofahrzeugen zu gewährleisten?

Bent: Normen und Standards sind wirklich essenziell! Und das sage ich nicht nur als DKE Präsident und Vorsitzender der AG 6 der NPM. Ich betone das immer wieder: Das gesamte Thema Elektromobilität ist ein extrem systemischer Ansatz und künftig, wenn verschiedene Verkehrssysteme miteinander verknüpft werden, wird der Ansatz noch wesentlich systemischer sein. Das heißt, wir brauchen zwingend Vereinbarungen über Kommunikationsschnittstellen und den Datenaustausch. Wir brauchen diese Standards, damit neue Technologien von mehreren Herstellern preisgünstig eingeführt werden können. Erst das führt zu Skaleneffekten.

Wir haben heute europaweit eine einheitliche Ladeinfrastruktur mit dem Combined Charging System (CCS), welches maßgeblich durch die Vorgängerplattform „Nationale Plattform Elektromobilität“ auf den Weg gebracht wurde und die es wirklich ermöglicht, in allen Ländern mit dem gleichem Steckersystem Elektrofahrzeuge zu laden. Trotzdem muss man hier noch sehr viel tun, um die Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel weiter an den normativen Grundlagen für das Laden mit höheren Ladeleistungen, welche z. B. in der Normenreihe IEC 61851 verankert sind. Zielsetzung ist es in möglichst kurzer Zeit das Fahrzeug nachladen zu können, und das am besten batterieschonend.

Zudem brauchen wir bessere und weitere Standards zum Thema Abrechnungssysteme und Datenroaming, um den Komfort für den Kunden und Nutzer an der Ladesäule weiter zu erhöhen.

Kabelgebundenes Laden von Elektrofahrzeugen

Abbildung aus der Normungsroadmap Elektromobilität 2020

| infografiker.com

Dr. Petri: Kritiker behaupten, Normen und Standards verlangsamen die Technologieentwicklung beziehungsweise ihre Etablierung.

Bent: Auf keinen Fall. Ohne Normen und Standards wären heute viele Innovationen gar nicht mehr denkbar, weil eben alles systemisch wird und deswegen voneinander abhängt. Deswegen benötigt man in den meisten Fällen frühzeitig, oft noch bevor eine neue Technologie etabliert wird, erste Normen und Standards, um die Technologie zu erproben. Das entbindet natürlich nicht die involvierten Organisationen, die sich um diese Normen und Standards kümmern, von der Verantwortung, ihre Aufgaben schnell zu verrichten und in Zukunft auch viel interaktiver zu arbeiten. Es wird immer wichtiger, in kurzen Zyklen Normen zu überarbeiten und zu erweitern, weil sich die Technik sehr schnell weiterentwickelt.

Innovationen

Dr. Petri: Im Moment gibt es ja unendlich viele Start-ups im Bereich der Mobilität wie etwa Sharingdienste, Angebote für die letzte Meile oder auch zukünftig dreidimensionale Mobilität wie Flugdrohnen, die zum Teil von unterschiedlichen Mobilitäts- und Antriebskonzepten ausgehen und durchaus auch konkurrieren. Halten Sie das für kontraproduktiv?

Bent: Ich denke, da wird sich das Beste durchsetzen. Diese Ideenvielfalt, die wir im Moment beobachten können, ist ein Ausdruck von Kreativität und Innovationskraft, wie wir sie dringend benötigen, um die Mobilitätsanforderungen unserer Gesellschaft zu befriedigen. Natürlich müssen sich die einzelnen Ansätze bewähren und am Markt zeigen, ob sie tauglich sind. Da wird sicher eine Konsolidierung stattfinden.

Wichtig ist in meinen Augen auch hier wieder der systemische Ansatz. Wir müssen die verschiedensten Angebote zu intermodalen Verkehrssystemen verbinden, wo je nach Nutzerbedürfnis der richtige Mobilitätsträger ausgewählt werden kann. Und diese müssen natürlich optimal aufeinander abgestimmt sein, so dass man nicht zum Beispiel in die Situation kommt, dass man aus der Bahn steigt und das nächste autonome Taxi zur Weiterfahrt kommt erst in einer halben Stunde vorbei.


VDE DKE zu Gast bei Canoo im Silicon Valley

VDE DKE zu Gast bei Canoo im Silicon Valley

| Sven Doornkaat

Canoo denkt die (Elektro-)Mobilität neu – und setzt auf Standards

Silicon Valley. Das Mekka der Tech-Branche. Apple, Google, Facebook – sie alle haben dort ihren Sitz. Aber auch Tesla, Uber und Lyft. Und Canoo. Ein Start-up, gegründet von ehemaligen Top-Managern deutscher Automobilhersteller. Dr. Karl-Thomas Neumann ist einer von ihnen. Innovative Ansätze, gepaart mit Elektromobilität – ein ideales Umfeld für die DKE.

Michael Teigeler, Geschäftsführer DKE, und Dr. Ralf Petri, Leiter Mobilität und Logistik im VDE, sind nach L.A. gereist und haben mit ihm über Canoo und die Zukunft der (Elektro-)Mobilität gesprochen.

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Dr. Petri: Stichwort "Autonomes Fahren": Welche Bedeutung hat dieser Bereich im Kontext der Mobilität der Zukunft?

Bent: In unseren Analysen bei der DKE wie auch in der AG 6 der NPM zum Bedarf nach Standardisierung und Normung im Kontext der Mobilität haben wir neben dem großen Feld der Elektromobilität auch automatisiertes und autonomes Fahren als ein ganz zentrales Thema identifiziert. Gerade im Kontext des Klimaschutzes und der Reduzierung von schädlichen Auswirkungen der Mobilität hat automatisiertes Fahren ein großes Potenzial.

Persönlich glaube ich, dass automatisiertes und autonomes Fahren zu einer maßgeblichen und nachhaltigen Veränderung unseres gesamten Mobilitätsverständnisses führen wird. Es ermöglicht mehr Sicherheit im Verkehr, einen besseren und effizienteren Verkehrsfluss und bequemeres Fahren wie etwa durch das automatisierte Auffinden von Parkplätzen. Personenkreise, wie z. B. ältere Menschen, die bislang in ihrer Mobilität eingeschränkt oder von anderen abhängig sind, können zusätzlich davon profitieren, da ihnen eine komplett neue Form der individuellen Mobilität ermöglicht werden würde.

Autonomes Fahren

Dr. Petri: Automatisiertes und autonomes Fahren wird zumeist in Verbindung mit dem Thema Elektromobilität diskutiert. Es gibt ja aber auch andere Antriebsenergie. Wo sehen Sie den Schwerpunkt?

Bent: Zunächst einmal: Wir legen als DKE sehr viel Wert darauf, technologieneutral zu agieren. Es gibt in der Tat die verschiedensten Antriebsenergien sowohl im Individualverkehr, wie auch im öffentlichen Verkehr oder im Lastverkehr. Und das wird auch in Zukunft so sein.

Die Kunst liegt darin, diese unterschiedlichen Konzepte wirklich intelligent miteinander zu verbinden und für die jeweilige Anwendung das Richtige zu finden. Gleichwohl glaube ich, dass der Elektromotor als Antrieb eine ganz große Zukunft haben wird. Da sprechen einfach sehr viele technologische Gründe für. Aber auch in diesem Bereich wird es unterschiedliche Ansätze geben: Ein Teil wird batterieelektrisch oder mittels Brennstoffzelle und Wasserstoff funktionieren, ein anderer Teil über hybride Konzepte.

Dr. Petri: Sie haben bereits die Herausforderung der Netzintegration angesprochen. Wie beurteilen Sie die Idee, durch bidirektionalen Energiefluss Lastspitzen, die durch die Einspeisung von Solar- und Windkraft entstehen, in Batterien von Elektrofahrzeugen zwischenzuspeichern?

Bent: Batterieenergien von Millionen Elektrofahrzeugen im Sinne einer kurzfristigen Stabilisation zur Verfügung zu haben, hat großes Potenzial und kann für die Energieversorger, Netzbetreiber und den Elektromobilitätsnutzer sehr interessant werden. Dass dieser vielversprechende Ansatz, der natürlich eine extreme Vernetzung der verschiedenen Akteure miteinander bedingt, ist klar. Die NPM bietet dafür aber eine sehr gut geeignete Plattform zum Austausch.

Zusätzlich wird auch Künstliche Intelligenz eine Rolle spielen, da extrem viele Informationen und Daten gesammelt sowie entsprechend verarbeitet werden müssen. Die ausgewogene Balance zwischen ladenden und Energie abgebenden Fahrzeugen unter Berücksichtigung der Nutzeranforderungen wird der zentrale Kernpunkt sein. Eine Einschränkung für den Nutzer von Elektrofahrzeugen möchte niemand.

Das bedeutet für Normungsorganisationen, wie die DKE, dass der bidirektionale Energiefluss ein weiteres Aktivitätsfeld ist und dieses Thema damit auf unserer Agenda steht.

Wir bedanken uns für dieses Interview bei

Roland Bent

Roland Bent

Chief Technical Officer, Phoenix Contact

DKE Präsident

Vorsitzender der Arbeitsgruppe 6, Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM)

Roland Bent

Chief Technical Officer, Phoenix Contact

DKE Präsident

Vorsitzender der Arbeitsgruppe 6, Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM)

Dr. Ralf Petri

Dr. Ralf Petri

Leiter Mobilität und Logistik, VDE

Abteilungsleiter Mobility, DKE

Büroleiter des Vorsitzenden der Arbeitsgruppe 6, Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM)

Dr. Ralf Petri

Leiter Mobilität und Logistik, VDE

Abteilungsleiter Mobility, DKE

Büroleiter des Vorsitzenden der Arbeitsgruppe 6, Nationale Plattform Zukunft der Mobilität (NPM)


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