Autoschlüssel auf einer Holzbar
Rawf8 / stock.adobe.com
12.07.2018 Kurzinformation 282 0

Alkohol-Interlocks für mehr Sicherheit im Straßenverkehr

International sind sie bereits weit verbreitet und im täglichen Einsatz: Alkohol-Interlocks. Eine technische Maßnahme, die helfen soll, die Zahl der Verkehrstoten auf Null zu bringen - Vision Zero. Normung findet dabei sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene statt.

Kontakt

Jürgen Schütz
Downloads + Links
Alkohol-Interlocks im ÖPNV

Alkohol-Interlocks im ÖPNV

| Drägerwerk AG & Co. KGaA

Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2016 etwa 3,5 % der in Deutschland gemeldeten Verkehrsunfälle mit Personenschaden auf Alkoholeinfluss des Fahrers zurückzuführen. Mit dem Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD verfolgt die Bundesregierung das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten auf Null zu senken – Vision Zero.

Eine in diesem Zusammenhang mögliche Maßnahme ist der Einsatz von Alkohol-Interlocks. Es handelt sich dabei um eine Zündschlosssperre, die das Starten des Fahrzeugs verhindert, sollte der Fahrer unter Alkoholeinfluss stehen. Maßgeblich hierfür sind die nationalen Promillegrenzen bzw. Atemalkohol-Grenzwerte. Das ins Fahrzeug eingebaute Alkohol-Interlock besteht aus zwei Komponenten:

  1. Handgerät mit Mundstück
  2. Elektronische Steuereinheit

Es ist mit dem Zündmechanismus gekoppelt und wird automatisch aktiviert, sobald der Fahrer das Fahrzeug startet. Der Fahrer muss zunächst über das Handgerät mit Mundstück eine Atemalkoholmessung durchführen. Fällt das Ergebnis negativ aus – bleibt der festgelegte Grenzwert also unterschritten – kann der Motor des Fahrzeugs gestartet werden. Bei einer Überschreitung der Promillegrenze wird der Anlasser des Fahrzeugs hingegen blockiert. Das Alkohol-Interlock protokolliert darüber hinaus auch, ob der Fahrer versucht hat, das Fahrzeug unter Alkoholeinfluss zu starten oder versucht hat das Alkohol-Interlock zu umgehen.

In den skandinavischen Ländern sowie den Beneluxstaaten gehört der Einsatz von Alkohol-Interlocks schon seit einigen Jahren zur Tagesordnung. Die Geräte werden teils präventiv und teils verpflichtend in die Fahrzeuge eingebaut. So schreiben Frankreich und Finnland gesetzlich vor, dass Schulbusse über ein Alkohol-Interlock verfügen müssen. In Schweden gibt es bereits mehr 100.000 freiwillige Installationen. In Belgien können Richter den durch Alkohol auffälligen Fahrer zum Einbau entsprechender Geräte verpflichten. Betroffene erhalten im Gegenzug die Chance, ihren Führerschein frühzeitig zurückzubekommen: Nehmen sie an den vorgeschriebenen Programmen teil und halten sich an die Auflagen, so kann der Führerscheinentzug verkürzt werden. Voraussetzung hierfür ist allerdings der Einbau eines Alkohol-Interlocks in das Fahrzeug und eine negative Auswertung des elektronisch gespeicherten Protokolls über die Atemalkoholmessungen.

Normung schafft Grundlage für höhere Interkompatibilität

Auf nationaler Ebene gibt es eine Norm (DIN VDE 0405-1 (VDE 0405-1)), in der die Anforderungen an beweissichere Messgeräte, die u. a. bei Polizeikontrollen eingesetzt werden, zur Messung der Atemalkoholkonzentration festgelegt sind. Diese Norm war und ist Bestandteil einer vierteiligen Normenreihe, die 2016/2017 komplett überarbeitet wurde, um inhaltliche Vorgaben an den aktuellen Stand der Technik anzupassen und verlässliche Messergebnisse sicherzustellen.

Darüber hinaus existiert eine europäische Normenreihe (EN 50436), in der die Anforderungen an Alkohol-Interlocks festgelegt sind, die im Rahmen der zuvor erwähnten Programme eingesetzt werden.

Zu der europäischen Normenreihe EN 50436, Alkohol-Interlocks, wurden bisher die folgenden Teile in Europa und damit auch in Deutschland veröffentlicht:

  • DIN EN 50436-1 (VDE 0406-1): Geräte für Programme mit Trunkenheitsfahrern
  • DIN EN 50436-2 (VDE 0406-2): Geräte mit Mundstück zur Messung des Atemalkohols für den allgemein-präventiven Einsatz
  • DIN EN 50436-3 (VDE 0406-3): Leitfaden für Behörden, Entscheider, Käufer und Nutzer
  • Entwurf DIN EN 50436-4 (VDE 0406-4): Verbindung und digitale Schnittstelle zwischen dem Alkohol-Interlock und dem Fahrzeug
  • DIN EN 50436-6 (VDE 0406-6): Datensicherheit
  • DIN EN 50436-7 (VDE 0406-7): Einbaudokument

Normung greift aber nicht nur bei den Anforderungen an das Handgerät mit Mundstück, sondern auch an der elektronischen Schnittstelle zum Fahrzeug. Das ist insofern wichtig, weil das Alkohol-Interlock in die Elektronik des Fahrzeugs eingreift. Aufgrund der fortschreitenden Entwicklungen in der Automobilindustrie wird der Einbau solcher Geräte auf dem Nachrüstmarkt (Werkstätten, Labore, …) zunehmend schwieriger. Mitunter können einzelne Funktionen oder sogar das gesamte Fahrzeug beeinträchtigt werden.

„Das war früher einfacher, indem man einfach ein Relais in die Stromzuführung eingebaut und dann abgeschaltet hat, aber in den modernen Autos und Elektrofahrzeugen, die mit dem Bus-System arbeiten, wird das immer komplexer." (Jürgen Schütz, VDE|DKE)

Aufgrund dieser zunehmenden Komplexität erarbeitet das Europäische Normungskomitee derzeit Anforderungen an eine Schnittstelle. Gemeinsam mit Anwendern und Vertretern der Automobilindustrie, Alkohol-Interlocks-Herstellern, Prüfinstituten und dem Nachrüstservice wurden kurz-, mittel- und langfristige Ziele abgeleitet, um das Verfahren einfacher zu gestalten. Ein wichtiger Bestandteil dieses dreistufigen Programms ist Teil 7 der Normenreihe DIN EN50436 – das Installationsdokument. Es definiert Anforderungen, die notwendig sind, um Alkohol-Interlocks sicher in ein Fahrzeug einzubauen. Teil 4 der Normenreihe liegt aktuell als Entwurf vor. Darin wird die Kommunikation zwischen dem Alkohol-Interlock und dem Fahrzeug beschrieben. Als Schnittstelle kommt der LIN-Bus zum Einsatz, ein gängiges Bus-System, das schon heute bei der Kommunikation zwischen Zubehörkomponenten und dem Fahrzeug verwendet wird.

Politische Unterstützung auf nationaler Ebene nicht ausreichend

Unterstützung erhält das Europäische Normungskomitee bei seiner Arbeit von der EU-Kommission: Ab September 2020 sollen alle neu entwickelten Fahrzeugtypen, die eine Typ-Freigabe erhalten, den Anforderungen des Installationsdokuments entsprechen. Darüber hinaus sollen dann ab September 2022 alle neu verkauften Fahrzeuge über die Möglichkeit verfügen, ein Alkohol-Interlock nachträglich einbauen zu können. Obgleich der Unterstützung auf europäischer Ebene durch die EU-Kommission, fehlt es auf nationaler Ebene, trotz des klar festgelegten Ziels – Vision Zero – im Koalitionsvertrag, an breiter Rückendeckung seitens der Bundesregierung. Das Gremium DKE/UK 966.2 spricht daher ganz klar die Forderung aus, Alkohol-Interlocks als Maßnahme zur Verringerung von Verkehrsunfällen mit Personenschaden, die auf den Alkoholeinfluss des Fahrers zurückzuführen sind, stärker in den Fokus zu rücken.

Redaktioneller Hinweis:

Die im Text aufgeführten Normen können Sie im VDE-Verlag käuflich erwerben:
https://www.vde-verlag.de/schnellsuche/?suchbegriff=50436

Relevante News und Verlautbarungen