Einlagerung von Fässern mit radioaktiven Abfällen
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27.05.2020 Kurzinformation

Strahlenschutz-Normung – Quo vadis?

Ist die Normung und Standardisierung nach einem Ausstieg aus der Kernenergie überhaupt noch notwendig?

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Georg Vogel

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Die deutschen Kernkraftwerke werden abgeschaltet. Aber bei unseren Nachbarn werden Anlagen weiter betrieben und sogar neue gebaut.

Strahlenschutz ist immer ein Thema!

Auch wenn die Kernkraftwerke abgeschaltet sind, bleibt der Umgang  mit radioaktivem Material in anderen Bereichen.

Strahlende Abfälle in Zwischenlagern müssen überwacht werden und das Thema natürliche Radioaktivität in der Umwelt wird uns immer beschäftigen. Es werden weiterhin Geräte und Anlagen eingesetzt, die mit ionisierender Strahlung arbeiten und es gibt weiterhin Arbeitsplätze, an denen mit ionisierenden Stoffen umgegangen wird. Ebenso bleibt die Überwachung von Luft und Boden ein Thema.

Vergleichbarkeit durch einheitliche Verfahren.

Geräte und Verfahren entwickeln sich weiter. Entsprechend müssen die betreffenden Normen so lange regelmäßig aktualisiert werden, wie die Geräte produziert werden bzw. die Messaufgaben bestehen.

Nicht zuletzt unterstützt die Anwendung gleicher Verfahren die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und ermöglicht erst eine wirklich leichte Vergleichbarkeit von Messergebnissen über Staatsgrenzen hinweg.

Daher besteht der Bedarf und zunehmende Druck, europaweit einheitliche Normen zu vereinbaren.

Strahlenschutz-Normung national

Die Normung im Bereich Kerntechnik und Strahlenschutz ist in Deutschland arbeitsteilig gegliedert. Zuständig sind:

DIN-Normenausschuss Materialprüfung (NMP)

  • NA 002-07-41 AA  Sicherheit von Transportbehältern für radioaktive Stoffe
  • NA 062-07-43 AA  Bauteile aus Beton, Stahlbeton, Spannbeton und Stahl in kerntechnischen Anlagen
  • NA 062-07-46 AA  Reststofffragen
  • NA 062-07-47 AA  Zerstörungsfreie Prüfung in der Kerntechnik
  • NA 062-07-49 AA  Qualitätsmanagement in der Kerntechnik
  • NA 062-07-53 AA  Materialien und Bauteile in der Kerntechnik - Anforderung und Prüfung
  • NA 062-07-54 AA Kritikalitätssicherheit und Zerfallsleistung
  • NA 062-07-61 AA Terminologie und Grundlagen
  • NA 062-07-62 AA  Strahlenschutzvorrichtungen
  • NA 062-07-63 AA  Radionuklidlaboratorien
Mehr über den NMP bei DIN

DKE Deutsche Kommision Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik in DIN und VDE

  • DKE/K 967  Mess-, Steuer- und Regelungstechnik im Zusammenhang mit ionisierender Strahlung
  • DKE/UK 967.1  Elektro- und Leittechnik für kerntechnische Anlagen
  • DKE/GK 851  Aktivitätsmessgeräte für den Strahlenschutz
  • DKE/GK 852  Strahlenschutzdosimeter

DIN-Normenausschuss Radiologie

Während einige der Arbeitsausschüsse des Normenausschusses Materialprüfung (NMP) ruhen, befassen sich andere z. T. nur mit einer einzigen Norm. Demgegenüber sind die Komitees der DKE deutlich breiter aufgestellt und aktuell werden dort mehr Projekte bearbeitet als in den NMP-Ausschüssen.

Aktuelle Norm-Entwürfe

Die derzeit bestehenden rein nationalen Norm-Entwürfe zeigen an, wo sich aktuell der Bedarf für rein nationale Normen konzentriert.

Beim NMP bestehen zur Zeit folgende rein nationale Norm-Entwürfe:

aktuelle Norm-Entwürfe - Grafik

Zudem wird im Arbeitsausschuss Reststofffragen derzeit die Reihe DIN 25457 zu Aktivitätsmessverfahren für die Freigabe von radioaktiven Stoffen und kerntechnischen Anlagenteilen überarbeitet.

Einfluss der zunehmenden internationalen/europäischen Ausrichtung.

Wenn diese Normungs-Projekte abgeschlossen sind, sollte das zur allgemeinen Regel werden, was die DKE schon seit einigen Jahren praktiziert:

  1. Das Angebot, bei Bedarf rein nationale Normen zu erstellen, bleibt weiter bestehen.
  2. Wo es uns wichtig ist, erstellen wir aber deutscherseits einen englischen Vorschlag und bringen diesen in die zuständige ISO- oder IEC-Arbeitsgruppe ein,
  3. so dürfen wir den Projektleiter benennen und können damit sicherstellen, dass die deutschen Interessen optimal gewahrt bleiben.
Einfluss internationaler Normung

Einfluss der zunehmenden internationalen Ausrichtung

Damit erhalten wir nicht nur das deutsche Verständnis national, sondern machen es zur europaweit einheitlichen Norm, denn die Übernahme der ISO- bzw. IEC-Norm als Europäische Norm verpflichtet alle CEN- bzw. CENELEC-Mitglieder, bis zum dop-Termin die Norm als identische nationale Norm zu übernehmen und bis zum dow-Termin alle bestehenden nationalen Normen zum gleichen Gegenstand zurückzuziehen.

Die CEN- bzw. CENELEC-Mitglieder sind die nationalen Normungsorganisationen aller EU- und EFTA-Staaten sowie von Serbien, Nordmazedonien, der Türkei und bis auf weiteres auch Großbritannien.

Die deutsche Interessenvertretung

Zu den internationalen Arbeitsgruppen sind nationale "Spiegelausschüsse" eingerichtet. Diese können das deutsche Verständnis eines Themas international mit dem Ziel einbringen, ihm als Europäische Norm europaweit Geltung zu verschaffen.

Der Spiegelausschuss vertritt die deutschen Interessen bei den Projekten der jeweiligen Arbeitsgruppe und setzt die dort erzielten Arbeitsergebnisse als DIN-ISO-, DIN-IEC- bzw. bei erfolgter EN-Übernahme als DIN-EN-ISO- bzw. DIN-EN-IEC-Norm national um.

Internationale Arbeitsgruppen mit dem jeweiligen nationalen „Spiegelausschuss“.

Die zum Download bereitgestellte Tabelle zeigt die internationalen Arbeitsgruppen und ihre nationalen Spiegelausschüsse.

Aktuelle Besonderheiten:

  • Deutschland hat derzeit den Vorsitz des IEC/TC 45 inne. In diesem Komitee sind auch die internationalen Normen zu Füllstands-, Dichte- oder Dickenmessung mittels ionisierender Strahlung sowie die Regelung entsprechender Anlagen angesiedelt. Die zuständige WG ist jedoch derzeit nicht aktiv.
  • IEC/SC 45A ist das internationale Komitee für Elektro- und Leittechnik kerntechnischer Anlagen. In der WG 5 des SC 45A wird die Strahlungsüberwachung thematisiert. Aktuell liegt ein Projektvorschlag „Nuclear facilities – On-line integrated surveillance systems for groundwater radioactivity contamination“ vor.
  • Unterhalb des IEC/SC 45B befasst sich die die WG 15 mit Geräten zum Aufspüren unerlaubt transportierter radioaktiver Quellen und radioaktivem Material unter intensiver Mitwirkung des EU-JRC und der IAEA.
  • In der WG 17 des SC 45B geht es um Geräte zur Personen-, Gepäck- und Güterkontrolle auf unerlaubt mitgeführtes Material. Hierzu zählen z. B. die Kontrollmonitore an Flughäfen. Der Strahlenschutz-Aspekt betrifft dabei sowohl kontrollierte Personen als auch kontrollierendes Personal. Daneben werden aber auch z. B. Normen zur Bildqualität der Geräte erstellt.
  • Das ISO/TC 85 adressiert hauptsächlich anzuwendende Verfahren.
  • Im ISO/TC 85/SC 2 ist die WG 17 hervorzuheben, in der eine bunte Palette von Themen behandelt wird, die nicht in den Zuständigkeitsbereich der anderen WGs des SC 2 fallen:
    Von Nachweis- und Erkennungsgrenzen (ISO 11929) über allgemeine Verfahrensnormen für die Strahlungsmessung bis zu Bodenuntersuchungen.
  • Die Arbeitsgruppen des ISO/TC 85/SC 5 adressieren zwar nicht Strahlenschutz im engeren Sinne, sie sind aber dennoch strahlenschutzrelevant und sollten von deutschem Interesse sein, wenn es darum geht, das deutsche Verständnis auf eine breite internationale und europaweit einheitliche Basis auszudehnen.
  • Beim ISO/TC 85/SC 6 stellt Deutschland derzeit Vorsitz und Sekretariat. Es ist aber vorgesehen, dass beides an China übergeht, wozu China in einer Twin-Lösung Co-Vorsitz und Co-Sekretariat innehat.
  • Eine Besonderheit haben wir bezüglich der Überwachung von Wasser auf radiologische Belastungen: Geräte zur Überwachung flüssiger Ableitungen kerntechnischer Anlagen werden in IEC/SC 45B behandelt. Wenn es aber um Verfahren zur Wasseruntersuchung geht, ist das ISO/TC 147/SC 3 zuständig. Deutsches Mitglied im ISO/TC 147 ist der Normenausschuss Wasserwesen (NAW), die ISO-Entwürfe des SC 3 werden aber dem DKE/GK 851 „Aktivitätsmessgeräte für den Strahlenschutz“ zur Prüfung und Kommentierung vorgelegt.

Kleine Auswahl aktueller, internationaler Normungs-Projekte

Aktuelle Projekte - Grafik

Stand Mai 2020

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