Autor: Wolfgang Maerz, stv. Obmann des K 952 "Netzleittechnik" und Deutscher Sprecher des IEC/TC 57 "Power system control and associated communications"
Normung und Standardisierung dient nicht nur zur Vereinfachung von technischen Lösungen, sondern sie hat handfeste wirtschaftliche Hintergründe - sowohl für die Anwender als auch für die Hersteller. Sie unterstützt den weltweiten Handel (WTO). Für elektrotechnische Produkte ist hierfür seit 1906 die Internationale Elektrotechnische Kommission (IEC) zuständig, und für die Netzleittechnik das technische Komitee IEC/TC 57 "Power system control and associated communications". Das K 952 "Netzleittechnik" der DKE Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE ist hierzu das nationale Spiegelgremium. Das IEC/TC 57 ist ein Systemkomitee und integriert verschiedene Normen in eine Architektur. Fernziel ist eine durchgängige Systemarchitektur bezogen auf Objekte und abstrakte Kommunikationsdienste.
Der weltweite Markt für Elektrotechnik beträgt 2,4 Billionen ? (1999), davon entfällt auf die Informations- und Kommunikationstechnik 38,2 % und die Mess- und Automatisierungstechnik (nur) 4,7 %. Die "junge" Informations- und Kommunikationstechnik mit wesentlich größerem Umsatz und größerer Steigerungsrate (12,5 % gegenüber 2,0 % bei der "alten" Energietechnik) beeinflusst auch stark die Innovation der Netzleittechnik. Dies bedeutet, dass die allgemeine Informationstechnik (IT) auch die Netzleittechnik durchdringt und spezielle branchenbezogene Lösungen weniger verfolgt werden.
Die Hard- und Software machen nur ca. 10 % der Investition in einem Projekt aus, 35 % ist Engineering! Nach der Installation fallen 55 % der Kosten für SW/HW- Upgrades und Wartung an, was mehr als die Hälfte ausmacht. Aus diesen Aussagen ergeben sich wesentliche Ansatzpunkte für die Normung und Standardisierung zur Kostensenkung: Auch das Engineering muss vereinfacht werden.
Bei der Normung von Übertragungsprotokollen in der Netzleittechnik ist seit den 80er Jahren die Entwicklung von spezifischen Protokollen für die Netzleittechnik (IEC 60870-5-101) zu allgemeinen Protokollen (IEC 60870-5-104, IEC 60870-6 (zu TASE.2) über TCP/IP zu verzeichnen. Den größten Freiheitsgrad bei der Auswahl der Protokolle bringt jedoch die Kommunikation in der Stationsleittechnik mit den Normen der Reihe IEC 61850. Diese Normenreihe beinhaltet ein von den Protokollen getrenntes Objektmodel mit abstrakten Kommunikationsdiensten, die auf reale Protokolle abgebildet werden können. Mit dieser Eigenschaft sind zukünftig durchgängige Kommunikationsarchitekturen vom Prozess bis zur Netzleitstelle möglich, wobei sich die Durchgängigkeit auf die Objekte und abstrakten Dienste bezieht. Die Normenreihe IEC 61850 ist auch Grundlage für die dezentrale Energieerzeugung (Wind, Sonne, und Brennstoffzellen). Für Windkraftwerke ist bereits mit dem Projekt IEC 61400 Teil 25 ein Standard im Entstehen.
Durch den internationalen Terrorismus ist die Welt unsicherer geworden und die Auswirkungen von Angriffen auf die Energiesysteme können für die Bevölkerung und Wirtschaft immens sein. Die Erhöhung der Sicherheit bei der Kommunikation in Leitsystemen der Energieversorgung ist deshalb ein wesentliches Ziel der gegenwärtigen Normung und Standardisierung.
Nach Untersuchungen der Technischen Universität (TU) Dresden und dem Frauenhofer Institut Systemtechnik und Innovationsforschung (FhG-ISI) Karlsruhe im Auftrage des DIN im Jahr 2000, betragen die Einsparungen durch Normung ca. 1 % des Bruttosozialproduktes. Der Einfluss der Normung auf die Wirtschaft ist wesentlich größer als der von Lizenzen und Patenten. Bei den Einsparungen ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Produkte genormt sind und somit die Einsparung bei genormten Produkten wesentlich größer als 1 % ist. Sie kann bis zu 10 % betragen.
Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind die Umsätze und Investitionen im Ausland wesentlich stärker gestiegen als im Inland. Weiterhin erzielen Hersteller mehr als 50 % ihres Umsatzes mit Produkten, die weniger als 5 Jahre alt sind. Die Normung und Standardisierung hilft den Herstellern in internationalen Märkten Fuß zu fassen. Aber auch die Anwender profitieren davon durch sinkende Preise in größeren Märkten. Abgesehen davon, dass durch Standardisierung die Abhängigkeit von nur einem Hersteller vermieden wird.
Den Präsentationssatz von Herrn Maerz "Importance of Standardisation - The Business Case", in englischer Sprache, finden Sie in der beigefügten Datei.