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Mitteilungen der DKE-Geschäftsstelle zu Netzwerke  

Sino-EU Smart Grid Technology and Standardization Forum 2010 

in Bejing, China

28.05.2010 

Smart Grid – Quo Vadis? Diese Frage diskutierten rund 400 Experten aus China und Europa während des ersten Sino-EU Smart Grid Technology and Standardization Forums 2010 am 20. Mai 2010 im Kempinski Lufthansa Center in Bejing. Ziel des Forums war es, die Zusammenarbeit zwischen der EU/Deutschland und China im Bereich Smart Grid zu fördern und eine Harmonisierung von Normen und Standards zu erreichen. Wie wichtig das Thema für China und Europa ist, zeigte die hochkarätige Besetzung des Forums. Unter den Teilnehmern waren Vertreter der chinesischen Politik, Diplomaten aus Europa und Entsandte der internationalen Normungsorganisationen VDE|DKE, IEC, CENELEC und SAC. Führende Unternehmen wie Siemens, Phoenix, Schneider, Bosch, ABB oder Alstom sowie die Fraunhofer Gesellschaft und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) sendeten Delegierte nach Bejing. Energieversorgungsunternehmen und Prüflabore aus China sowie die in Asien ansässige VDE Global Services GmbH waren mit Vertretern vor Ort.

Veranstaltet wurde das Forum von EuropElectro, VDE|DKE, ZVEI, CEEIA (China Electrical Equipment Industrial Association), CEC (China Electricity Council), CECA (China Electronic Components Association) und Orgalime (European Engineering Industries Association) mit Unterstützung der Standardization Administration of the People´s Republic of China (SAC).

Bis 2020 will China seinen CO2-Ausstoß um 40 bis 45 Prozent auf ein Level unterhalb des von 2005 reduzieren, so die chinesische Regierung im Dezember 2009 während des Klimagipfels in Kopenhagen. „Aufgrund des Klimawandels will die chinesische Regierung den Ausbau von Smart Grid in den nächsten zehn Jahren massiv fördern. Bis 2020 soll das Smart Grid in drei Stufen umfangreich etabliert sein“, verkündete Baoquan Shi, Vice Administrator von SAC. „Das Standardisierungssystem soll 2020 perfektioniert sein, damit Chinas internationale Führungsrolle gesichert ist“, pflichtete ihm Lin Xianyu, Leiter des Smart Grid Departments bei der State Grid Corporation of China, bei. Xianyu rechnete den Teilnehmern vor, dass sich eine Umstellung auf Smart Grid bis 2020 auf 189 Billionen Yuans amortisiere.

Bislang ist der Bereich Smart Grid ein relativ neues Terrain für China. Gerade für China als neue Wirtschaftsmacht und Exportweltmeister sei ein funktionierendes und zuverlässiges Stromnetz notwendig. Das Land wolle dabei auf erneuerbare Energien sowie kohlenstoffarme und höchst effiziente, energiesparende Technologien setzen und die eigene Industrie stärken, erklärte Shi. Um vor allem die erneuerbaren Energien zu fördern und auszuweiten, hat China erst vor kurzem sein Energie Gesetz überarbeitet. Bereits 2008 wurde die National Energy Administration gegründet mit dem Ziel, Forschung und Entwicklung für Energieprogramme zu fördern. China ist längst zu einer „Energiemacht“ herangewachsen und beobachtet den internationalen Markt – vor allem Deutschland und die USA – genau. Bai Xiaomin, Deputy Chief Engineer beim China Electric Power Research Institute machte deutlich, dass China derzeit alle Standards – sowohl die amerikanischen NIST-Standards wie auch die internationalen IEC-Standards – screene und auf Adaptierbarkeit prüfe. Dabei arbeite China aktiv in der IEC mit. Bis Ende 2010 sollen 41 Schlüsselstandards fertig gestellt werden.   

Wer die Norm setzt, macht den Markt

Als einer der größten Energieverbraucher, aber auch einer der größten Energieproduzenten der Welt birgt das Land der Mitte für deutsche Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien/Smart Grid großes wirtschaftliches Potential. „Allerdings nur, wenn wir uns frühzeitig mit China bezüglich der Architektur und Standardisierung von Smart Grid abstimmen können“, betonte Dipl.-Ing. Roland Bent, Geschäftsführer Marketing und Entwicklung bei PHOENIX CONTACT. Eine frühzeitige Berücksichtigung von Normungsaspekten im Forschungsprozess und bei der Umsetzung schafft Wettbewerbsvorteile für Deutschland. „Auch kann sich die Industrie frühzeitig auf mögliche Anforderungen der Zertifizierung seitens China einstellen“, fuhr Bent fort. Unterschiedliche regionale Standards behindern den Weltmarkt. Normen sind daher so wichtig wie Patente. Die starke Stellung Deutschlands und der Erfolg deutscher Technologieprodukte auf den Weltmärkten – gerade im Energiebereich – muss deshalb durch eine offensive Normungsstrategie unterstützt werden. Auch Haimo Huhle, Leiter Technisches Recht und Standardisierung beim ZVEI, appellierte an die Delegierten, auf gemeinsamen Grund zu bauen. Die asiatischen Länder haben die Bedeutung der Normung erkannt. Vor allem China unternimmt große Anstrengungen, um bei der Normsetzung an Einfluss zu gewinnen und damit seine Innovationskraft zu stärken. So will China eigene Standards und Normen für das Smart Grid erstellen. 

„Was wir brauchen, sind einheitliche internationale Standards, die den Informationsaustausch für Grid Automation, Industry Automation und Home Automation beschreiben“, forderte Dr. Ralph Sporer von der Siemens AG. Er verwies dabei auf die deutsche Normungsroadmap, die zum größten Teil auf IEC-Normen und -Standards zurückgreift. Lediglich im Bereich der nationalen Gesetzgebung, beispielsweise bei der Frage der Datensicherheit und Privatsphäre, setzen die Länder eigene Standards. Ansonsten ist die deutsche Normungsroadmap international harmonisiert. In die gleiche Richtung zielte Dr. Bernhard Thies, Sprecher der Geschäftsführung der DKE  Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik im DIN und VDE. „Aufgrund der rasanten Entwicklung im Bereich Smart Grid, muss schnell gehandelt werden. Um den IKT-Sektor mit dem Energie-Sektor in Einklang zu bringen, sollten alle Akteure auf die schon bestehenden Standards zurückgreifen. Zahlreiche international anerkannte Standards in den Bereichen Power, Industrial and Building Automation existieren bereits“, postulierte Thies. Seine Forderung sei das „Internet der Energie“. Alle Komponenten von Smart Grids müssten analog zum Internet die gleiche Struktur, den gleichen Aufbau vorweisen, um die Interoperabilität der einzelnen Komponenten zu gewährleisten. Nur so könne ein supra nationaler Markt kreiert, nur so können die Investitionen der Unternehmen gesichert werden. 

Wettrennen zwischen USA und Deutschland

Auch die Amerikaner haben das Land der Mitte als Zukunftsmarkt für Smart Grids im Visier und bereits einige Anstrengungen unternommen, China auf ihre Seite zu ziehen. „Auch wenn die USA mit der Standardisierung des Smart Grid vor Europa angefangen und bereits eigene NIST-Standards gesetzt haben, Deutschland und Europa holen auf“, versicherte VDE|DKE-Experte Stephan Hamm. Die europäischen Normungsorganisationen – allen voran VDE|DKE – setzen auf internationale Harmonisierung. Rund 90 Prozent der europäischen Normen in der Elektrotechnik sind bereits international vereinheitlicht. Entsprechend groß ist der Einfluss der Europäer und der Deutschen in der IEC. Da derzeit verschiedene Definitionen des Smart Grid kursieren, kein gemeinsamer Nenner besteht, stattdessen ein Wettrennen zwischen europäischen und amerikanischen Konzepten zu Standards und Definitionen von Smart Grid läuft, kommt es jetzt darauf an, dass die Ergebnisse der deutschen Normung rasch implementiert werden. Hierzu forderte der DKE-Geschäftsführer Thies deutsche Firmen auf, sich noch stärker in der europäischen und internationalen Standardisierung einzubringen. Wie eine erfolgreiche Implementierung von Smart Grid aussehen kann, zeigte er den chinesischen Delegierten anhand zweier Leuchtturmprojekte: zum einen das E-Energy Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi), zum anderen die von der DKE ausgearbeitete Normungsroadmap zum BMWi-Projekt E-Energy.  

Lin Xianyu, State Grid Corporation of China, Section Chief of Smart Grid Department, erklärte, dass China auf existierende Standards aufbauen möchte und sowohl die amerikanischen NIST-Standards wie auch die internationalen IEC-Standards auf Adaptierbarkeit prüfe. Dass Standards offen sein müssen für Veränderungen in der Zukunft, darüber waren sich alle Beteiligten einig. „China legt großen Wert auf die Kooperation mit Europa und vor allem mit Deutschland“, verriet Lin Xianyu. Auch Baoquan Shi, Vice Administrator von SAC, hob die sehr gute Zusammenarbeit mit Deutschland hervor. China schätze die Kooperation mit deutschen Unternehmen und wolle von Deutschland lernen. Für die deutschen Delegierten lässt die hohe Affinität Chinas zu Deutschland hoffen, dass sich deutsche/europäische und damit internationale Normen durchsetzen. Allerdings warnte Roland Bent, dass China auf keinen Fall in seiner Geschwindigkeit unterschätzt werden dürfe: „China denkt in Monaten, nicht in Jahren!“ Ein schnelles Handeln seitens der europäischen Normungsorganisationen ist daher zwingend erforderlich. VDE|DKE und ZVEI unternehmen dabei viele Anstrengungen, um auf China einzuwirken, darunter die enge Zusammenarbeit mit der chinesischen Standardisierungsorganisation SAC. Das Forum war ein weiterer Meilenstein, um eine Harmonisierung auf Normungs- und Standardisierungsebene im Bereich Smart Grid zu erreichen, ebenso ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zu einer sauberen und grüneren Umwelt.  

Zum Smart Grid in 3 Phasen

In drei Phasen will China bis 2020 ein starkes Smart Grid etablieren. In Phase 1, der Plan- und Pilotphase, sollen bis Ende 2010 technische Standards und Management Praktiken im Bereich Smart Grid entwickelt, die Forschung und Entwicklung in den Schlüsseltechnologien verstärkt werden. Erste Pilotprojekte sollen mit Hilfe eines vorläufigen technischen Standardisierungsrahmens abgesichert werden. In Phase 2, einer umfangreichen Aufbauphase, soll bis 2015 der Aufbau eines Hochspannungsnetzes sowie eines städtischen und ländlichen Verteilungsnetzwerks beschleunigt werden. Der Durchbruch und die flächendeckende Anwendung der Schlüsseltechnologien soll erreicht werden. In dieser Phase sollen die Standards überarbeitet und auf die Bedürfnisse angepasst werden, fehlende Standards sollen entwickelt werden. Der Fokus soll hierbei auf die Förderung einer internationalen Führungsrolle im Bereich der Standardisierung von Smart Grids liegen. Phase 3 dient der Perfektionierung. Hier soll bis 2020 die Konstruktion eines starken Smart Grids beendet werden. Eine signifikante Verbesserung der Ressourcen- und Leistungsbereitstellung, des Sicherheitslevels, der betriebswirtschaftlichen Effizienz soll erreicht werden. Die Interaktion zwischen Übertragungsnetz und elektrischer Energie wie auch der Nutzer soll verbessert werden.

Rund 400 Delegierte aus China und Europa diskutierten über die Zukunft von Smart Grid während des ersten Sino-EU Smart Grid Technology and Standardization Forums am 20. Mai 2010 im Kempinski Lufthansa Center in Bejing, China.

Roland Bent, Geschäftsführer Marketing und Entwicklung bei PHOENIX CONTACT (links), Dr. Bernhard Thies, Sprecher der DKE-Geschäftsführung (2.von links) und Baoquan Shi, Vice Administrator von SAC (2. von rechts). DKE-Geschäftsführer Dr. Bernhard Thies stellte den Delegierten das E-Energy Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWi) sowie die von der DKE ausgearbeitete Normungsroadmap E-Energy vor.